Ein Mann (Tim Roth) ist mit Familie in Acapulco auf Urlaub. Als daheim die Oma stirbt, reisen alle ab - nur er nicht. Mit fadenscheinigen Ausreden bleibt er in dem mexikanischen Touristenort und beginnt eine Affäre mit einer Einheimischen. Die Gründe für den Ausstieg aus seinem bisherigen Leben bleiben rätselhaft, und doch bringt Regisseur Michel Franco ("New Order") in "Sundown" (neu im Kino) jede Menge Hinweise und Suspense ein, wenn es um den Fortgang der Handlung geht.

"Wiener Zeitung": Ihr voriger Film "New Order" und Ihr neuer Film "Sundown" sind völlig unterschiedlich, thematisch aber dennoch verwandt. Stimmen Sie zu?

Michel Franco: Ich bin daran interessiert, Filme zu machen, die mir dabei helfen, meinen Platz in dieser Welt, in der Gesellschaft, in meinem Land zu verstehen. So wurden beide Filme in Mexiko gedreht. Es stimmt, dass die Filme sehr unterschiedlich sind, aber gleichzeitig handeln sie beide von Gewalt. Das ist die Welt, in der wir heute leben. Es geht ganz stark um meine Heimat Mexiko. Es ist ein sehr gespaltenes Land, wo soziale Unterschiede das Leben bestimmen. Es gibt in "Sundown" zwei Figuren, das ist einerseits Tim Roth als Tourist, andererseits Acapulco als Ort, der nicht nur Touristen anzieht, sondern auch Kriminelle. Acapulco ist seit Jahrzehnten ein paradiesischer Ort und plötzlich wurde es in den letzten 15 Jahren sehr gewalttätig, sehr gefährlich, aber Touristen fahren immer noch dorthin. Ich fand diesen Widerspruch sehr spannend.

Regisseur Michel Franco wurde in Mexiko geboren. K. Sartena - © K. Sartena
Regisseur Michel Franco wurde in Mexiko geboren. K. Sartena - © K. Sartena

Tim Roth spielt einen sehr ruhigen Mann, der nicht an seine Heimreise denkt. Man weiß nicht recht, was ihn antreibt. Doch wir finden später heraus, dass er starke Emotionen hat und das hat einen Grund. Muss diese Figur ein Mysterium bleiben?

Es ist ein Film, bei dem man bemerkt, dass alles schon da war, was die Geschichte ausmacht, wenn man ihn ein zweites Mal ansieht. Von der ersten Einstellung an lege ich Fährten, die man so oder so lesen kann. Ich liebe es, Denkräume zu schaffen: Es bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen, welchen Film er sehen will. Ich versuche nicht, vorzugeben, was man als Zuschauer denken soll, ich versuche nur zu beobachten. Dazu war im Fall von "Sundown" eine ganz besondere Struktur nötig, weil man bis zum Ende alles in einem anderen Licht sieht und versteht, warum die Figur bestimmte Entscheidungen trifft. Manches versteht man aber nicht: Etwa, dass er sich in eine nette Mexikanerin verliebt, das ist nicht er, das passt nicht zu ihm. Auch, dass er sich von der Familie trennt, die er eigentlich sehr liebt. So gibt es Kontraste und Widersprüche, die bis zum Schluss schwer zu verstehen sind.

Wie viele Informationen haben Sie Tim Roth gegeben? War es nur das Drehbuch oder gab es eine Hintergrundgeschichte für ihn?

Es gab das Drehbuch, mehr nicht. Tim und ich sind seit mehr als zehn Jahren befreundet und sind uns in gewisser Weise ähnlich. Wir mögen es, Charaktere und Situationen auf die Leinwand zu bringen, auf unkonventionelle Weise und zum Erkunden. Zu versuchen, darzustellen, was in einer Figur vorgeht, fast so, als würde man die Kamera in diese Person hineinstecken, was natürlich etwas Unmögliches ist, aber wir wollen, dass das Publikum die Dinge für sich selbst herausfindet und nicht alles durch Dialog erklärt bekommt.

Was war ausschlaggebend, den Film "Sundown" zu nennen?

Für mich spielt die Sonne eine wichtige Rolle in diesem Film. Die Sonne ist so mächtig und ermöglicht überhaupt erst, dass es Leben gibt. Aber sie ist auch das Gegenteil. Ich wollte den Titel, weil er nicht zu düster klingt und zugleich eine Einladung zum Zuschauen ist. Wer sieht denn nicht gerne die Sonne untergehen?

Wie schreiben Sie Ihre Filme? Wie viel Improvisation ist da, wie viel Genauigkeit?

Es gibt beides. Manchmal muss man sehr genau sein, damit niemand auf die Idee kommt, die Geschichte zu hinterfragen, aber es gibt auch gewisse Geschichten, die mehr Freiraum brauchen. Das hängt oftmals von den Schauspielern ab. Ich verlasse mich gerne auf Schauspieler und gebe ihnen viel Freiheit. Das Skript ist dann oft nur ein Ausgangspunkt. Ich leite die Schauspieler nicht an, sondern sage: Zeig mir, wie du das spielen würdest. Dann bemerke ich, wie viele Varianten es von dem gibt, was da im Skript steht. Und dass meine Vorstellung davon im Kopf oft gar nicht mit der Erarbeitung am Set übereinstimmt. Das größte Vergnügen, mit talentierten Schauspielern zu drehen, ist, von ihnen überrascht zu werden. Indem ich sie nicht inszeniert habe, haben sie neue Aspekte der Geschichte freigelegt.

Sie sagen oft, Ihre Filme sind sehr persönlich. Inwiefern?

Weil ich von Themen erzähle, die mich persönlich treffen, über die ich nachdenke. Bei "New Order" wollte ich thematisieren, dass wir wissen, dass wir in einem Land mit einer massiven sozialen Ungleichheit leben, aber niemals versuchen, die Dinge zu verbessern. Wir scheinen auf eine Mauer zuzusteuern bei Vollgas. Wissen Sie, wir fahren geradewegs in eine Wand. Wir sehen die Konsequenzen unseres Handelns im täglichen Leben nicht. Das war die Grundlage für diesen Film. Bei "Sundown" war es anders, denn obwohl er sich auch mit Gewalt befasst und mit der Art, wie wir damit umgehen, ist der Sonnenuntergang eine tägliche Konstante im Leben. Die Idee kam aus einer persönlichen Krise, einer Art Lebenskrise, in der ich mir die großen Fragen stellte. Ob mein Leben Sinn macht, und so weiter. Dies ist der Film, der aus diesem Prozess hervorgegangen ist.

Ist das Filmemachen für Sie also eine Art Therapie?

Ja, aber nur, wenn es für das Publikum interessant ist. Es geht dabei nicht um mich, sondern es muss eine Beziehung zum Publikum entstehen. Als reine Selbsttherapie wäre das ein Verrat an der Filmkunst.