Grafenegg. Die flammenden Live-Reden der neuen Präsidenten der Österreichischen Filmakademie, Verena Altenberger und Arash T. Riahi, konnte nur hören, wer vor Ort in Grafenegg war, denn der ORF-Livestream der 12. Preisverleihung des Österreichischen Filmpreises funktionierte erst ab der Hälfte der Gala - davor gab es bloß eingefrorene Bilder und ein paar Tonfetzen. Die Reichweite des heimischen Filmschaffens steigert man so nicht unbedingt, aber immerhin ist der Wille da und die Technik ausbaufähig.

In Grafenegg feierte die Filmbranche in diesem Jahr nicht nur acht Preise für Sebastian Meises "Große Freiheit" (die "Wiener Zeitung" berichtete), sondern auch die Auszeichnungen für Maria Hofstätter als beste Schauspielerin für "Fuchs im Bau" und den Dokumentarfilmpreis für "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Jedoch blieb die Feierlaune etwas gedämpft. Die #MeToo-Debatte, die die Branche mit voller Wucht erreicht hat, führte zu zahlreichen Reden auf der Bühne, man möge die heimische Filmszene endlich toleranter, angstfrei und diverser machen; so mancher Branchengast bliebt dem Event gänzlich fern. Katharina Mückstein, die die aktuelle Debatte anstieß, postete auf Instagram im Vorfeld: "Ich komme nicht zur Gala, weil: Ich habe in den letzten Tagen so viele Geschichten über Männer aus unserer Arbeitswelt bekommen, ich möchte diesen Typen nicht begegnen. Ich wollte dort zum Thema #MeToo eine Rede halten, aber man wollte mir die Bühne nicht geben. Ich finde, man kann angesichts der Geschehnisse nicht zu ‚Business as usual‘ übergehen und ‚mit allen‘ einen netten Abend haben".

Die Stimmung ist geladen. Das wissen auch Altenberger und Riahi, die in ihren Reden gleich die Position der Österreichischen Filmakademie kundtaten: "Sexualisierter Machtmissbrauch ist ein Problem unserer Branche. Sexualisierter Machtmissbrauch ist ein Problem unserer Gesellschaft", stellte Riahi zum Auftakt klar.

Den Mut fassen, über Erlebtes zu sprechen

"Vor allem muss den Betroffenen zugehört und geglaubt werden", forderte Altenberger, die auch auf die Vertrauensstelle we_do hinwies, die sich um sexuellen Missbrauch, Machtmissbrauch und Diskriminierung beim Film kümmert. "Es wäre wichtig, dass Betroffene dieses Angebot annehmen. Aber viel wichtiger, als Betroffene in die Verantwortung zu nehmen, ist, dass wir als Branche eine Kultur schaffen, in der Betroffene ehrlich keine Konsequenzen zu fürchten haben, wenn sie den Mut fassen, über Erlebtes zu sprechen".

Für den emotionalsten Moment des Abends sorgte in diesem Zusammenhang die deutsche Schauspielerin Luna Jordan während ihrer Dankesrede für die Ehrung als beste Nebendarstellerin für ihren Part in "Fuchs im Bau": "Ich bin gerade einmal 20 Jahre alt, und ich bin vielfach Opfer sexuellen Missbrauchs an Filmsets und im Theater geworden." Es gelte, hier zusammenzustehen. "Lasst uns gemeinsam das Schweigen brechen", forderte Jordan die Anwesenden auf, wofür sie mit stehenden Ovationen bedacht wurde.

Michael Ostrowski, einer der Moderatoren des Abends, entließ die Branchengäste am Ende der Gala mit Vorschlägen zur Selbstbetäubung: "Geht‘s raus, schaut‘s dass ihr die Gratis-Spritzer abstaubt‘s, und vielleicht gibt’s am Klo ja eine Line". Für viele war das nicht zum Lachen.