Das Thema ist in aller Munde: Seit die Wiener Regisseurin Katharina Mückstein ("L‘Animale") vergangene Woche via Instagram von ihren Erfahrungen mit Sexismus, Machtmissbrauch und Mobbing in der Filmbranche berichtet hat und in der Folge viele andere Stimmen anonymisiert postete, ist Feuer am Dach der heimischen Filmszene. In der Filmbranche machen Gerüchte die Runde, welche verdiente Filmschaffende - insbesondere an der Wiener Filmakademie - seit Jahren ein sexistisches Regime führten und dabei ohne Maß, mit wüsten Beschimpfungen und Machtmissbrauch den Studenten und Studentinnen gegenübertreten sollen. Auch aus dem Schauspieler-Metier hört man Geschichten von Missbrauch und Mobbing, sexueller Gewalt und Übergriffen. "Es ist vielleicht manchmal nur eine abfällige Bemerkung oder ein Satz, aber der Machtmissbrauch in der Filmbranche hat System", sagt Katharina Mückstein im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Filmbranche klein und familiär

Die Regisseurin empfand ihr Vorpreschen in der Sache als angebracht, "weil das Thema in Österreich überreif war". Sie habe nur deshalb nicht schon früher darüber gesprochen, weil die Angst mitregiert hat. "Unsere Branche ist so klein und familiär, dass die, die darüber sprechen, nicht einfach in eine andere Stadt ziehen können, um dort neu anzufangen", sagt Mückstein, die Postings wie dieses veröffentlichte: "Beleuchter bringt mich jeden Tag zum (heimlich) Weinen durch Beleidigung meines Körpers und sagt mir am Ende, dass er mich ficken will". Da war Mückstein 19 Jahre alt und ein Neuling im Filmbusiness.

Die Übergriffe betrafen auch Lehrende an der Wiener Filmakademie. "Ich habe diverse Vorfälle immer wieder an der Filmakademie thematisiert, aber fühlte mich nicht ernst genommen", sagt Mückstein. "Mein Wehren hatte nicht ausreichend Konsequenzen, ein sexistisches Klima hat dazu beigetragen, dass ich das Studium abgebrochen habe". Mückstein fühle sich heute ausreichend unabhängig, um mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. "Ich finde, ich musste das tun, weil ich am Set die Erfahrung mache, dass vor allem junge Frauen nach wie vor sehr schutzlos sind".

Dass gerade beim Film so viele Missbrauchsfälle publik werden, liegt mitunter an der hierarchisch strukturierten Set-Arbeit, glaubt Mücksteins Kollegin Nina Kusturica. "Auf beruflicher Ebene gibt es starke Hierarchien am Set, das ist klar. Jeder weiß, was er zu tun hat und wem er zuarbeiten muss. Aber auf der zwischenmenschlichen Ebene darf diese Hierarchie nicht fortgeführt werden", so Kusturica. "Viele nutzen die eigene, höher gestellte Position, die ihnen der Beruf gibt, um ihre Unsicherheit zu betäuben und ihre Macht auszuüben, indem sie andere erniedrigen. Am Theater oder am Filmset gedeihen solche Ego-Charaktere ganz prächtig, und zwar ganz ohne Selbstreflexion". Schauspieler seien besonders leichte Opfer, weil sie mit ihrem Körper als Werkzeug sehr exponiert seien, so Kusturica. "Menschen, die dann den Mund aufmachen, gelten schnell als schwierig, und solche, die das Spiel mitspielen oder über sich ergehen lassen, weil sie Angst um ihre Jobs haben, sind angenehm, deshalb kommen in Österreich auch immer die gleichen Leute zum Zug, weil selbst diejenigen, die übergriffig werden, weiterhin beschäftigt werden". Künstlerische Vielfalt sehe jedenfalls anders aus, meint die Regisseurin.

Filmakademie abgetaucht

Bei der oftmals im Zusammenhang mit #MeToo genannten Wiener Filmakademie ging man vorerst offenbar auf Tauchstation. Zwar meldete sich prompt Ulrike Sych, die Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst, zu der die Filmakademie gehört, zu Wort undstellte klar: "Ich schaue da nicht weg! Es gibt null Toleranz bei sexueller Belästigung", von den aktuell diskutierten Fällen sei ihr aber keiner bekannt. Mehrere Versuche, seitens der "Wiener Zeitung" mit Verantwortlichen der Wiener Filmakademie zu telefonieren, scheiterten bislang. Dort hebt derzeit vom Institutsvorstand Danny Krausz abwärts niemand den Hörer ab, und wenn, wird man an Kollegen verbunden, die ebenfalls nicht abheben.

Beim Österreichischen Filminstut (ÖFI), dem wichtigsten Fördergeber der Branche, ist man indes bereits tätig geworden: Der im vorigen Herbst ausgearbeitete "Code of Ethics", der regelt, wie Dreharbeiten sicher und ohne Übergriffe stattfinden sollten, ist seit Donnerstag fixer Bestandteil bei der Fördervergabe. ÖFI-Chef Roland Teichmann: "Das ist ein großer Schritt und nun Vertragsbestandteil zwischen ÖFI und der geförderten Produktion". Im Ernstfall müssten bei Verstößen gegen den Kodex die Förderungen zurückgezahlt werden. "Die Einhaltung ist verpflichtend", so Teichmann. Man werde jeden Einzelfall prüfen. "Wir sind keine moralische Instanz und kein Gericht", sagt Teichmann. Aber der Schritt, auf diese Weise Übergriffe zu verhindern, sei überfällig gewesen.

Die Branche begrüßt die ÖFI-Maßnahme, jedoch: "Es kommt immer drauf an, wer sie kontrolliert", sagt Nina Kusturica. "Auf dem Papier allein ist sie zu wenig". "Man kann viel schreiben, aber die Schweigekultur muss gebrochen werden", findet auch Regisseur Arash T. Riahi. "Es ist großartig, dass es dieses Instrument eines Verhaltenskodex jetzt gibt, aber es ist eigentlich peinlich, dass es nötig war, ihn überhaupt zu erfinden".

Angstfrei arbeiten

Viele Filmschaffende wollten sich zum Thema bislang gar nicht äußern und lehnten Stellungnahmen ab; manche blieben knapp und pointiert, wie etwa die Wiener Regisseurin Ruth Mader, die zu Protokoll gab: "Mir geht die Genderdebatte auf die Nerven, es ist eine Pseudoreligion, Gender gibt es nicht, das ist die bloße Erfindung einer degenerierten, wohlstandsverwahrlosten, westlichen Gesellschaft". Wieder andere wollen mit Vehemenz beim Arbeitsrecht und vor Gericht schaffen, "dass der Arbeitsplatz Film und die Ausbildungsstätten endlich für alle angstfrei werden", wie es Schauspielerin Verena Altenberger formulierte.

Katharina Mückstein, die das alles angestoßen hat, hofft, dass die Tage für Machos, Sexisten und Übergriffige bald vorbei sein werden. "Man wird zurückschauen auf diese Despoten und sich die Frage stellen: Wie konnten wir diese Leute nur so bewundern? Es ist längst bewiesen, dass es kein despotisches Verhalten eines Regisseurs im Deckmantel der Kunst braucht, um Filme zu machen, die nach Cannes eingeladen werden", sagt Mückstein. "Man kann nämlich auch gute Filme inszenieren, ohne ein Arschloch zu sein".