Wer das F-Wort nicht aushält, der überspringe die nächsten Zeilen, denn das F-Wort gehört zur Grundausstattung der neuen Netflix-Serie "King of Stonks", die hypersatirisch den Fall Wirecard behandelt, oder besser: beinahe schon persifliert. Und so geht es los: "Alle wollen ficken, aber keiner will gefickt werden", heißt es da. "So funktioniert Kapitalismus. Solange alle reich werden, darfst du weiterficken." Ein Blick hinter die Kulissen des Kapitalismus beginnt mit seiner Dekonstruktion. Und da braucht es eben ganz viel F-Wort.

Es geht hier um die ganz großen Dinge des Lebens: Wenn Magnus A. Cramer (wunderbar: Matthias Brandt) von seinen Visionen erzählt, von einer besseren Welt, von einer Welt, in der jeder das ganz Große erreichen kann, dann verwandeln sich seine Zuhörer in Lemminge, die ihrem Anführer blind folgen. Das ist das Prinzip des Kapitalismus und der Börse: Solange alle daran glauben, scheint es zu funktionieren. Und Cramer, dieser Supervisionär, der mit seiner Firma Cable Cash digitale Bezahlsysteme verkauft, sähe sich gern in einer Reihe mit den wirklich großen Menschen der Geschichte, etwa mit Galileo Galilei, Christoph Columbus, Thomas Edison oder Elon Musk, wie er sagt. Allein: Größe kommt nicht von Wachstum, das wird der Cable-Cash-Chef schon bald erfahren. Zuerst jedoch wird bei den Partys vor dem Börsegang ordentlich die Sau rausegelassen, und seine rechte Hand Felix Armand (immer vortrefflich hochnervös: Thomas Schubert) hält dem Boss die Schwierigkeiten vom Leib. Die da wären: alte Verknüpfungen in die Porno-Branche, mafiöse Brüder und dunkle Geschäfte. Dinge, die den Börsegang doch noch verhindern könnten.

In lichte Höhen wollen Thomas Schubert (l.) und Matthias Brandt in der Netflix-Serie "King of Stonks". - © Netflix
In lichte Höhen wollen Thomas Schubert (l.) und Matthias Brandt in der Netflix-Serie "King of Stonks". - © Netflix

Scheiß-drauf-Mentalität

Das alles erinnert frappant an den Wirecard-Skandal, der medial hohe Wellen schlug und durchaus eine abgewandelte Vorlage für diese Serie war. Zugleich distanziert man sich im Vorspann von allen "zufälligen Ähnlichkeiten" - das hat wohl juristische Gründe. Sonst ist "King of Stonks" ein schriller, ausgelassener Maskenball voller Zyniker mit Scheiß-drauf-Mentalität, die Millionen scheffeln, solange es eben geht. Die Egomanen und Selbstüberschätzer der Finanzbranche treffen die Autoren um Matthias Murmann und Philipp Käßbohrer ("How to Sell Drugs Online (Fast))" ausnehmend gut, und auch, wenn man der Meinung sein könnte, das alles sei weit übertrieben, so muss man diesen Gedanken angesichts der realen Vorlage gleich wieder vergessen. "King of Stonks" ist ein deutsches Mixtape aus Scorseses "Wolf of Wall Street" (was den Exzess betrifft) und "The Big Short" (was die Dreistigkeit von Finanzprodukten anbelangt) und pickt sich stilistisch bei diesen Vorbildern gehörig Material heraus. Dank seines blendenden Ensembles ist die deutsche Version vom Finanzskandal spannend, rund und gefällig - trotz der vielen F-Wörter.