Das Leben von Kaiserin Elisabeth befasste schon etliche Filmemacher und Autoren. Mit "Corsage" (derzeit im Kino) reiht sich Marie Kreutzer nun mit einem in Cannes ausgezeichneten Beitrag ein, der Elisabeth, gespielt von Vicky Krieps, zu einer Zeit porträtiert, als die Monarchin mit knapp 40 Jahren ziemlich ausgebrannt nach Möglichkeiten suchte, dem Hofzwang zu entfliehen. Ihre vernachlässigten Repräsentationspflichten fordert Ehemann Kaiser Franz Joseph (Florian Teichtmeister) rigide ein; er selbst vergnügt sich gern im Bordell, während seine Frau sich diese "Freiheiten" nicht nehmen darf, aber dennoch die Grenzen der damaligen Zeit weit überschreitet.

"Wiener Zeitung": Frau Kreutzer, wieso wollten Sie einen Film über Kaiserin Elisabeth drehen?

Marie Kreutzer: Die Idee, etwas über Elisabeth zu machen, kam von Vicky Krieps. Zuerst hat mich das gar nicht interessiert, und ich habe zu Beginn der Recherche auch bewusst offengelassen, ob das was wird. Klarerweise hat mich dann in der Recherche Elisabeths Altersphase am meisten interessiert, über die man am wenigsten weiß. Ich habe nicht den Anspruch zu erzählen, was war. Wir waren alle nicht dabei. Mein Bestreben war, innerhalb der Fakten eine Geschichte zu erzählen, die so gewesen sein könnte. Eine komplette Filmbiografie funktioniert in meinen Augen auch meist nicht. "The Favourite" war für mich da eine tolle Inspiration und der Beweis, dass man solch eine Geschichte auch anders erzählen kann. Ich wollte bewusst die Bilder bedienen, um sie dann zu brechen. Das war der Reiz.

Marie Kreutzer über MeToo: "Natürlich habe ich, vor allem als junge Frau, auch solche Erfahrungen machen müssen." K. Sartena - © K. Sartena
Marie Kreutzer über MeToo: "Natürlich habe ich, vor allem als junge Frau, auch solche Erfahrungen machen müssen." K. Sartena - © K. Sartena

Der Begriff Schönheit in Zusammenhang mit der Kaiserin spielt im Film eine ganz gewichtige Rolle. Elisabeth war sehr auf ihr Äußeres bedacht und achtete penibel auf ihr Gewicht.

Ich habe das etwas zugespitzt, aber was wir als Frauen alle kennen und permanent erleben, ist, dass wir alle sozialisiert werden, um zu gefallen. Uns wird von der Gesellschaft gelehrt, wir müssen gefallen, um geliebt zu werden, und hier sieht man, diese Frau ist wirklich auf das reduziert. Die darf sonst gar nichts. Es gab damals zwar ein anderes Schönheitsideal als heute, aber es gab eben eines. Die Bilderflut der sozialen Medien war nicht vorhanden, und doch hatte Elisabeth in ihrer Rolle als Kaiserin eine hohe Erwartungshaltung zu erfüllen. Sie sollte stets eine schöne, engelsgleiche Frau sein, die in jedem Moment das Richtige tut und ihrem Mann die richtigen Kinder gebärt. Sie ist auf das reduziert, denn im Jahr 1877, in dem der Film spielt, ist ja alles andere schon abgehakt, ihre Versuche, politisch tätig zu sein und mitzugestalten, wurden ja schon alle abgewürgt.

Und Elisabeth wurde damals im Grunde bereits als alte Frau bezeichnet.

Ja, denn die Lebenserwartung der Frauen zu dieser Zeit lag bei knapp 40 Jahren. Da schwingt auch viel Pessimismus mit. Mit 40 ist Elisabeth klar, dass sie nur ganz wenig Spielraum hat und dieses Korsett ist ein Gefängnis, das man ihr angezogen hat. Dabei ist sich Elisabeth nicht einmal mehr sicher, ob sie die Minimalanforderung an sie als Monarchin überhaupt noch erfüllen kann.

Nicht alles im Film ist historisch korrekt. Manches Dekor ist in einer Stahlbetonhalle angesiedelt, der Kaiser trägt Rollkragenpulli und die Kaiserin ist zu einer Zeit auf Filmaufnahmen zu sehen, als der Film noch gar nicht erfunden war. Wieso diese Kunstgriffe?

Ich habe sehr genau zu Elisabeth recherchiert, und ich wollte in der Art, wie sie sich gibt, schon sehr zeitgenössisch sein und akkurat. Aber ich finde, dass es diese Brüche in ihr gibt, die auch gestatten, mit den Umständen etwas freier umzugehen. Ich habe extrem lange recherchiert, aber auch eher aus diesem Bestreben heraus, alles zu wissen, damit ich dann wieder alles vergessen kann, um die richtigen Bilder für mich zu finden. Was ich gar nicht wollte, ist, einen Kerzerlfilm zu drehen, das fände ich furchtbar.

Wann genau sind diese zumeist
visuellen Ideen entstanden?

Eher nach und nach, also im Drehbuch gab es davon noch nicht allzu viel, außer die zeitgenössische Musik. Ich wollte aber auch keine Pop-Version der Kaiserin zeichnen, so wie das Sofia Coppola mit ihrem Film über Marie Antoinette gemacht hatte. Bei mir passieren diese historisch nicht ganz korrekten Dinge eher still und nicht schrill.

Was dem Film einen ernsteren Grundton gibt, finde ich.

Ich habe versucht, diese Brüche möglichst so zu verweben, dass man sie nicht andauernd wahrnimmt als bewussten Regieeinfall, sondern dass man sich manchmal ernsthaft fragt, wieso das so angeordnet wurde. Es gab etliche Möbel, die waren nicht ganz historisch korrekt, aber das merken nur die Profis. Doch eine Stahltüre oder ein Bewegungsmelder im Bild, das ist natürlich überhöht und zugespitzt.

Interessant ist auch die Rolle des Kaisers. Franz Joseph, genial gespielt von Florian Teichtmeister, ist Scheusal und Gefangener zugleich, nur dass er in seinem Käfig die Macht hat.

Ja, er sollte halt auch vielschichtig sein, also für mich. Es war mir wichtig, dass Florian nicht den Antagonisten spielt, sondern dass dieser Kaiser Unsicherheiten hat und dass er um die Gunst seiner Frau auch kämpfen musste. Der Film ist aber im Grunde ein feministischer Film, weil er diese Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern betont. Der Kaiser mag auch ein Korsett haben, aber die Frau ist letztlich diejenige, die völlig unterdrückt war. Bis heute wird ja nicht gesehen, welche Rolle
die Frau für die Gesellschaft spielt. Sie kümmert sich immer noch um die Familie und leistet zudem die emotionale Arbeit in den Büros. Viele Ebenen in unserem System würden ohne die Frauen zusammenbrechen. Es ist ein Faktum, dass der Kapitalismus nur funktioniert, wenn genügend Frauen so viel unbezahlte Arbeit machen.
Darüber könnte ich lange reden, aber ich glaube, im Grunde sind es die kleinen Dinge, die Frauen on top noch schultern müssen, nicht nur Kind und Karriere, sondern auch: Wer merkt sich die Geburtstage, bereitet solche Feste vor oder kümmert sich um die Urlaubsbuchung? Aber zurück zu Franz
Joseph: In Wahrheit ist das ja natürlich genauso eine unterdrückte Seele, die aber ganz anders damit umgehen kann: Er sagt einfach, wenn was nicht passt. Und dann wird es geändert. Während man damals Frauen bei Ehebruch in
die Psychiatrie gesteckt hat, konnte der Kaiser unendlich viele Geliebte in seinem Schlafzimmer empfangen.

In der österreichischen Filmszene ist derzeit eine MeToo-Debatte im Gang, die sexuelle Übergriffe an der Filmakademie und bei Dreharbeiten thematisiert. Kommt diese Debatte nicht sehr spät?

Es ist überfällig, dass wir über Diskriminierung und sexualisierte Übergriffe in der Filmbranche, aber auch auf den Filmschulen sprechen. Natürlich habe ich, vor allem als junge Frau, auch solche Erfahrungen machen müssen und konnte oft erst viel später einordnen, dass das, was mir passiert ist, überhaupt nicht in Ordnung war. Aufarbeitung ist wichtig, noch wichtiger ist mir jedoch, jetzt zu konkreten Schritten zu kommen, die allen beim Film ein sicheres und geschütztes Umfeld ermöglichen. Förderrichtlinien, Förder- und Arbeitsverträge können lenken, worauf Arbeitgeber achten und ob sie ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen. Schulungen sollten niederschwellig und für Filmproduktionen und Universitäten verpflichtend sein. Es sollte im Rahmen jeder Filmproduktion konkrete, außenstehende Ansprechpersonen geben. Ich glaube, dass auf meinen Sets eine Atmosphäre des Vertrauens herrscht, und trotzdem kann ich nicht hinter jede Tür schauen und als Regisseurin alles kontrollieren, was zwischenmenschlich läuft und schiefläuft. Wir müssen aber ernster nehmen, dass Produzenten und Regisseure hier eine Verantwortung für den sicheren Arbeitsplatz haben. Was Menschen privat machen, kann und will ich nicht kontrollieren oder beurteilen. Ich kann aber verlangen, dass sie dort allen mit Respekt begegnen, wo ich das Sagen habe.