Besondere Ehrentage und Jubiläen verleiten Laudatoren immer schnell dazu, Lebensbilanzen zu ziehen, doch das wäre im Fall von Harrison Ford viel zu voreilig: Ford, der am Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiert, steht nämlich wie kaum ein Zweiter mitten in einer prosperierenden Filmkarriere, als gäbe es das Altern nicht. Erst vor wenigen Monaten hat Ford, dieser Draufgänger, den fünften Teil seiner "Indiana Jones"-Saga abgedreht, der im Sommer 2023 in die Kinos kommen soll. Es ist eine der Rollen, die ihn in Hollywood berühmt und, ja, man kann es bei ihm sagen: unsterblich gemacht haben, und Ford hat das Kunststück einer solchen Rollenwahl gleich mehrfach wiederholt. Schon vor "Indiana Jones" war er Ende der 70er Jahre als Han Solo in der ganzen Galaxie unterwegs, um Prinzessin Leia, R2D2 oder C3PO in seinem Millennium-Falken herum zu kutschieren. In die frühen 80er Jahre fiel neben "Indiana Jones" sein Auftritt in Ridley Scotts "Blade Runner", was dem Sci-Fi-Kino gleich noch einen Höhepunkt bescherte - und Ford endgültig zu einer Ikone machte.

Nachbar von nebenan

Harrison Ford, geboren 1942, hielt sich in seinen Anfangsjahren als Tischler über Wasser. Ein Beruf, dessen Fertigkeiten Ford bis heute nutzt - auf seiner Ranch in Wyoming. - © afp / Valerie Macon
Harrison Ford, geboren 1942, hielt sich in seinen Anfangsjahren als Tischler über Wasser. Ein Beruf, dessen Fertigkeiten Ford bis heute nutzt - auf seiner Ranch in Wyoming. - © afp / Valerie Macon

Dabei wirkt der am 13. Juli 1942 in Chicago zur Welt gekommene Harrison Ford gar nicht wie der geborene Filmstar. Ein phlegmatischer Durchschnittstyp ohne Allüren, der niemals den Sexappeal eines George Clooney oder Brad Pitt gehabt hat, sondern eigentlich aussah wie der brave, anzugtragende Nachbar von nebenan, der einem Versicherungen verkauft, oder Staubsauger. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Ford dann am erfolgreichsten war, wenn er in seinen Filmen eben keinen Anzug trug, sondern Schlapphut und Lederpeitsche. Kostüme sind oftmals die eigentlichen Verwandler von Schauspielern in ihre Rollen.

2023 ist Ford zum fünften Mal als Indiana Jones zu sehen. 
- © Disney / Lucasfilm

2023 ist Ford zum fünften Mal als Indiana Jones zu sehen.

- © Disney / Lucasfilm

Bitte nicht falsch verstehen: Harrison Ford, das ist kein Langweiler, im Gegenteil! Die spitzfindige Ironie, mit der er viele seiner Rollen angelegt hat, verleiht seinen Figuren viel Charme und Witz und oftmals kluge Komik. Han Solo mit Sidekick-Zottelmonster Chewbacca sind legendär, und Auftritte in "The Expendables" oder "Cowboys & Aliens" sind speziell auf Fords Komik abgestimmt worden.

Natürlich war Ford aber auch ein dramatischer Held: Als Dr. Richard Kimble floh er hochspannend vor Tommy Lee Jones in "Auf der Flucht" (1993), in "Air Force One" (1995) saß er als US-Präsident in der gekidnappten Präsidenten-Maschine fest, in Robert Zemeckis’ Horrorfilm "What Lies Beneath" (2000) lehrte er als brutaler Ehemann seine Filmgattin Michelle Pfeiffer das Fürchten. Große Erfolge wurden auch Filme wie "Mosquito Coast", "Frantic", "In Sachen Henry", "Das Kartell" oder "Die Stunde der Patrioten". Für seine Rolle als Cop in "Der einzige Zeuge" wurde er 1986 das erste und einzige Mal für einen Oscar nominiert, bislang blieb ihm das adelnde Edelmetall jedoch verwehrt.

Weil Ford nie der klassische Actionheld mit aufgepumptem Körper war, dachten seine Figuren eher mit dem Kopf denn mit den Muskeln. Lange Zeit hatte man dafür in Hollywood aber keinen Bedarf. Und so tingelte Ford zu Anfang seiner Karriere zehn Jahre lang eher mit bescheidenem Erfolg durch die Filmbranche und besserte seine mageren Engagements mit seiner gelernten Arbeit als Tischler auf.

Star dank "Star Wars"

Erst als er George Lucas kennenlernte und in dessen "American Graffiti" (1973) auftrat, begann sein Aufstieg zum bestverdienenden Hollywood-Star seiner Zeit. Anfangs wusste Ford mit "Star Wars" nicht viel anzufangen, als Lucas mit dem Drehbuch auf ihn zukam. "Es ist ein alberner Film, aber er ist wunderbar gemacht", sagte er damals zur "New York Times". Die Tragweite der Saga war ihm nicht bewusst, sodass er nach dem Dreh immer noch glaubte, der Tischlerberuf würde die Grundlage seines Einkommens bleiben. "Ich dachte, ich würde es im Filmbusiness nie zu etwas bringen", sagte er.

Ford, der fünf Kinder von drei Ehefrauen hat (aktuell ist er mit "Ally McBeal"-Star Calista Flockhart vermählt) und privat ein leidenschaftlicher Pilot ist, was ihn 2015 bei einer Notlandung seines Kleinflugzeugs beinahe in Lebensgefahr gebracht hat, verbringt seine Zeit sowieso viel lieber abseits des Business auf seiner Ranch in Wyoming. "Ich bin mit dem Rummel um meine Person eigentlich nie klargekommen", sagt Ford, der stets versucht hat, sein Privatleben auch privat zu halten. Für seine Fans hat er aber trotzdem immer Zeit: "Es gibt eigentlich keinen falschen Zeitpunkt, um für meine Fans da zu sein", so Ford, "außer ich bin gerade auf der Toilette und pinkle." Als Star sieht sich Ford aber bis heute nicht: "Ich will gar kein Filmstar sein. Ich will in Filmen mitspielen, die Stars sind."

Davon gibt es in seiner Filmografie genug: Im Alter ist Ford wieder zu vielen seiner einstigen Kultfiguren zurückgekehrt. 2015 trat er noch einmal als Han Solo in "Star Wars: Das Erwachen der Macht" auf, für Dennis Villeneuve stand er 2017 in "Blade Runner 2049" vor der Kamera, und "Indiana Jones 5" komplettiert die Reprise seiner bekanntesten Rollen. Damit aber nicht genug: Nach seinem 80er wird Ford in der neuen AppleTV+-Serie "Shrinking" an der Seite von Jason Segel zu sehen sein. Es geht um einen Psychotherapeuten, der seinen Patienten immer genau das sagt, was er sich gerade denkt, und auf sämtliche Therapie-Regeln pfeift. Die Comedy-Serie trifft genau den sarkastischen Ton, der Fords Spiel ausmacht. Und zeigt, dass man bei diesem Vielbeschäftigten noch nicht Bilanz ziehen sollte.