Es gibt Horrorfilme, die schwelgen in Angstmacherei und Schockeffekten, und es gibt Horrorfilme, die begreifen das Genre als Kunstform. "Men" von Alex Garland ("Ex Machina") gehört zur zweiten Kategorie. Vorgestellt in einer Nebensektion beim Filmfestival von Cannes, hat der Film sich das Prinzip verordnet, lieber rätselhaft-schaurig zu sein, als sein Publikum ernsthaft zu schockieren. Aber eine Gänsehaut ist ja auch nicht nichts.

Zu Beginn fällt James (Paapa Essiedu) vom Dach eines Londoner Hauses direkt in die spitzen Zacken eines Gartenzauns. War das ein Unfall oder ein Suizid, den dieser Mann seiner Ehefrau Harper (Jessie Buckley) bereits angedroht hatte? Erst im Verlauf der Geschichte wird man mehr dazu erfahren, aus Rückblenden. Zunächst aber sucht Harper nach einer Form von Erlösung; sie will den Tod ihres Mannes überwinden, braucht einen klaren Kopf und mietet sich deshalb in einem luxuriösen, pittoresken Cottage auf dem Land ein, um hier wieder zu sich zu kommen. Alles hier ist beschaulich, und die Natur verspricht, ein Kraftort für die junge Frau zu werden.

Nackte Männer und
schroffe Geistliche

Allein: Die Ruhe, die sie sucht, wird Harper hier nicht finden. Einmal abgesehen von ihrem ziemlich schrulligen Vermieter Geoffrey (Rory Kinnear), der ihr mit britischem Understatement die Vorzüge der Villa erläutert, passieren Harper in den kommenden Tagen am Land recht seltsame Dinge. Bei einem Spaziergang entdeckt sie einen nackten Mann, der sie zu verfolgen scheint. Die Polizei nimmt ihn in Gewahrsam, muss ihn aber bald wieder freilassen. Der örtliche Geistliche nimmt Harper daraufhin in ein unangenehmes Kreuzverhör, aus dem sie in heller Panik flüchtet; auch die anderen Gestalten im Dorf - allesamt Männer, die von Rory Kinnear gespielt werden - erwecken in ihr Ängste, die sich mit den Erinnerungen an den verstorbenen Gatten vermengen und wie eine Melange aus Panik, Frust und Verdorbenheit zusehens über Harper hereinbrechen. Regisseur Garland inszeniert "Men" als künstlerischen Selbstfindungstrip einer Frau, die sich vor dem Hintergrund toxischer Männlichkeit behaupten muss. Vieles dabei bleibt im Ungefähren oder ist als Metapher untergebracht, denn Eindeutigkeit gehört nicht zu den Spielformen des künstlerischen Horrorfilms. Vieles hier darf sich der Zuschauer selbst zusammenreimen. Und Garland gibt stets mehrere Interpretationsmöglichkeiten: Wenn Eva verbotene Früchte von den Bäumen pflückt, dann können das Früchte der Sünde sein, aber auch ein Symbol der Verheißung auf Erlösung.

Der Nachteil symbolhaften Erzählens ist die fehlende Sogwirkung; die schönen Bilder von Kameramann Rob Hardy bieten viel Atmosphäre, die Handlung driftet aber mehr und mehr ins Surreale ab, mit einem verwirrenden Finale, das wenig von dem einlöst, was der Film anfangs verspricht.