Bei Blanco Waagen ist alles im Gleichgewicht. Das ist jedenfalls die Idealvorstellung von Julio Blanco (Javier Bardem), dem Chef des Unternehmens, der in seiner Fabrik in der spanischen Provinz Industriewaagen herstellt und kurz davor steht, eine wichtige Auszeichnung für die Firma zu erhalten. Doch bis es so weit ist, schwört der betont mitarbeiterfreundliche Chef seine Angestellten darauf ein, in der kommenden Woche ihr Bestes zu geben - damit die Preiskommission, die irgendwann auftauchen wird, auch nachhaltig beeindruckt ist von diesem Vorzeigeunternehmen.

Just jetzt beginnen die Probleme für den Firmenchef, das erfordert die Dramaturgie in Fernando León de Aranoas Komödie "Der perfekte Chef", die eigentlich keine Komödie zum Lachen ist, sondern eher zur Spitze treibt, was unsere Gesellschaft krank macht. Da ist zum einen der Ex-Mitarbeiter José (Óscar De La Fuente), der seine Entlassung nicht akzeptieren will und vor der Fabrik ein Zeltlager aufschlägt, wo er den ganzen Tag Parolen gegen den Chef und seine Firma skandiert. Dann gibt es mit dem deprimierten Produktionsleiter Miralles (Manolo Solo), dem ein schwerer Fehler passiert, weil er glaubt, seine Frau betrüge ihn, einen großer Unsicherheitsfaktor in der Firma, den Blanco beseitigen muss, will er den Preis gewinnen. Die langbeinige Praktikantin Liliana (Almudena Amor) zieht indes Blancos Blicke auf sich, was, wie sich bald herausstellt, fatale Konsequenzen für den "perfekten Chef" haben wird. Und zu allem Überfluss ist auch noch die Waage bei der Firmeneinfahrt, ein Symbol der Genauigkeit der Blanco-Erzeugnisse, aus dem Gleichgewicht geraten.

Ausgebeutete Mitarbeiter

So starken Gegenwind ist dieser Julio Blanco eigentlich nicht gewohnt, denn gewöhnlich sagen seine Mitarbeiter "Ich liebe Sie" zu ihm. Aber bald merkt Blanco, dass er die Lage in seiner Fabrik alles andere als unter Kontrolle hat. Da nutzt es ihm auch wenig, wenn er alle Konflikte mit stets galanter Zuwendung und sozialem Gewissen zu lösen versucht.

Fernando León de Aranoa hat mit "Der perfekte Chef" eine Komödie mit Tiefsinn gedreht, denn es geht hier um die Arbeitswelt und ihre Schattenseiten; getrieben von Perfektionismus und Profitgier beuten Unternehmen ihre Mitarbeiter aus oder dringen - wie Blanco - bis in deren Privatleben vor, um der Firma einen Vorteil zu verschaffen. Der Film übt starke Kritik daran, bleibt aber stets umhüllt von einer vornehmen Leichtigkeit. Javier Bardem ist in seiner Rolle als Firmenchef derartig überragend, dass er das Publikum in jeder der 120 Filmminuten in seinen Bann schlägt. Nicht umsonst hat der Film bei den Goyas, den spanischen Oscars, 20 Nominierungen und fünf Preise, darunter auch einen für Bardem, eingebracht; Bardems pointiertes Spiel bringt diese Waagen-Komödie in ihr Gleichgewicht und erschafft eine der bestskizzierten Filmfiguren der letzten Jahre. Unbedingt in der Originalversion (mit Untertitel) ansehen!