Der Kino-Sommer 1982 war geprägt von einem jener Filme, die nur alle Jahrzehnte einmal gelingen. Steven Spielbergs "E.T." kam im Frühsommer in die Kinos und wurde zu einem Welthit. Die rührende Geschichte des Außerirdischen, der sich im Kasten des kleinen Elliott versteckt und nur nach Hause möchte, verzückte das Kinopublikum der ganzen Welt.

Keine drei Wochen später, im Juli 1982, später schickte Disney "Tron" ins Rennen um die sommerliche Kino-Aufmerksamkeit. War es eine unbeabsichtigte Fehlplanung oder anderweitiges Unvermögen: Der in mehrfacher Hinsicht visionäre Film des Regisseurs Steven Lisberger mit Jeff Bridges als Kevin Flynn/Clu und Bruce Boxleitner als Alan Bradley/Tron konnte im Windschatten von "E.T." nicht die Aufmerksamkeit erregen, die ihm zugestanden wäre. Der Film mit seinen erstmals verwendeten völlig im Computer entstandenen längeren Sequenzen sprengte die Grenzen der Realität. Der einzigartige visuelle Stil wurde durch "Backlit Animation" bestimmt, ein rein optisches Verfahren, bei dem die Schauspieler und Teile der Szene zunächst in Schwarz-Weiß gefilmt und dann auf einen großformatigen Planfilm vergrößert und mit weiteren Folienschichten überlagert, bearbeitet, koloriert und retuschiert werden. Es war das erste und einzige Mal, dass dieses Verfahren in langen Sequenzen angewandt wurde.

"Tron: Legacy", 2010. Der Film taucht das Publikum in ein überschäumendes Meer aus Optik und Sound. Die Handlung ist dabei völlige unnötige Nebensache. 
- © Disney

"Tron: Legacy", 2010. Der Film taucht das Publikum in ein überschäumendes Meer aus Optik und Sound. Die Handlung ist dabei völlige unnötige Nebensache.

- © Disney

"Tron" überforderte das Verständnis der Zuschauer, die mit dem Marktstart des Commodore 64 im selben Jahr (!) gerade erst mitbekommen hatten, dass man Computer jetzt auch für zu Hause kaufen konnte. Wofür eigentlich, war da noch keinem klar. Und dann kommt da eine Geschichte daher, bei der ein Programm einen Menschen in seinen digitalen Raum zerrt, genannt "The Grid", und dort gegen ihn kämpft - um die Vorherrschaft in dieser virtuellen Welt, von der noch niemand jemals etwas gehört hat. Wäre "Tron" fünfzehn Jahr später gekommen, hätte jeder die visionäre Story gefeiert. Und auch aus heutiger Sicht bleibt einem der Mund offen stehen, angesichts der Präzision, mit der hier die Themen der Zukunft vorhergesagt wurden.

Etwas wie den "Grid" erfinden ungefähr 20 Jahre vor "My Space" und knapp 40 Jahre, bevor er mit dem "Metaverse" teils Realität wird, das ist schon etwas. Und da sprechen wir noch nicht von den "Isos", jenen digitalen Lebewesen, die spontan auf diesem Grid entstehen, ohne dass sie jemand programmiert hätte. Eine intelligente, digitale Lebensform, die aus sich heraus entsteht. Noch Jahrzehnte später wird darüber diskutiert, ob künstliche Intelligenz jemals die Schwelle zu dem, was wir Leben nennen, überschreiten kann. Erst heuer wollen manche bei der AI von Google Züge von selbständigem Denken entdeckt haben. 40 Jahre nach "Tron" und 12 Jahre nach "Tron: Legacy", jenem zweiten Teil, der 2010 in die Kinos kam.

Eine Orgie aus Licht und Sound

"Tron: Legacy" war 2010 ebenso bahnbrechend, wenngleich nicht an der vordersten Front der kinematografischen Technologie spielend. Der Film wurde teilweise in 3D gedreht und startete Jänner 2011 in den österreichischen Kinos. In den Hauptrollen waren wieder Jeff Bridges und Bruce Boxleitner zu sehen. Das Werk taucht den Zuschauer (oder wollen wir "User" sagen?) in ein überschäumendes Bad aus Licht und Sound. Zu dem fabulösen Klängen von Daft Punk wurde gezeigt, wie ein Duell der "Light Cycles", der Motorräder aus Licht, mit der aktuellen Technologie aussieht. Effekte, die einem den Mund offen stehen lassen und dabei glatt darüber hinwegtäuschen, dass man sich nicht auch noch im gleichen Maße um Details wie die Handlung kümmern kann. Es war eine gute Idee, und auch damals noch visionär, auf die Thematik der "Isos" zu setzen. Vermutlich wird man das in weiteren dreißig Jahren als Geburtsstunde der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Problematik digitaler Lebensformen sehen. Weil kommen werden sie, das steht fest.

"Tron" war 1982 kein finanzieller Misserfolg, im Gegenteil, der Film spielte alleine in den US-Kinos doppelt so viel ein, als die absurd aufwendige Produktion gekostet hatte. Auch "Tron: Legacy" war ein wirtschaftlicher Erfolg, sodass man 2012 die Trickfilmserie "Tron: Der Aufstand" nachschob. Über einen möglichen dritten Teil der Reihe wird spekuliert. Sie könnte unter dem Titel "Tron: Ares" Ende 2025 laufen, benannt nach dem antiken Kriegsgott, und soll einen Angriff der Programme auf die reale Welt beinhalten. Jared Leto soll die Figur des Ares spielen, Garth Davis führt Regie.

Wie auch immer: Der Film von 1982 ist ein unauslöschliches Meisterwerk, das heute jedoch aufgrund seiner eigenwilligen Optik und den für CGI-verwöhnte Augen nahezu infantilen Grafiken schwer zugänglich ist. Während einige Zuschauer ein Leben lang gebraucht haben, um seine Nuancen zu schätzen, steckt in dem kühnen Werk viel zukunftsorientiertes Denken und gleichermaßen Nostalgie. Er ist seiner Zeit so weit voraus, dass es schwer fällt, zu akzeptieren, dass jemand 1982, als man zum Spielen noch in die Spielhalle musste, das so schon geahnt haben kann. Zu sehen sind "Tron" und sein Nachfolger übrigens bei Disney Plus. Wie wär’s mit jetzt gleich?