Menschen, die Flugangst haben, beschwören gerne die Vorzüge des Bahnverkehrs. Am Boden bleiben, die Notbremse als Exit-Szenario im Hinterkopf, dazu die Möglichkeit, allzu lange Fahrten durch eine kleine Zugswanderung von vorne nach hinten und zurück aufzulockern. Und dann kommt "Bullet Train". Wer diesen Film gesehen hat, hat längere Zeit keine Lust mehr auf eine Zugreise. Vor allem, weil hier an Bord dieses pfeilschnellen japanischen Tokio-Kyoto-Express, der mit 320 Sachen durch Japan brettelt, fast ein Dutzend Killer mitfahren, die es auf einen klassischen MacGuffin à la Hitchcock abgesehen haben: einen Koffer.

Killer an Bord

Darin verpackt ist viel Geld, das seinem Besitzer, genannt "Der weiße Tod" (Michael Shannon), einem Gangsterboss, zurückgegeben werden soll. Lustigerweise sind alle Killer an Bord der Meinung, diesen Auftrag exklusiv ausführen zu müssen, was sie gegeneinander aufbringt: Also sind sie vor allem gegeneinander aktiv. Das inkludiert unter anderem: das Erschießen und blutige Aufspießen von Körperteilen jeglicher Art; einen Kampf auf dem Dach des fahrenden Zuges; jedwede spionageartige Trickserei, mit der der Gegner in die Knie gezwungen werden soll (im Speziellen: den Einsatz von Gift, Chemikalien, Tranquilizer); die Sedierung des Gegners und die Tötung so mancher unliebsamer Anwesender, wie zum Beispiel des Sohnes des Auftraggebers "Der weiße Tod", den man dann bequem mit Manga-Knautschi-Figuren-Brille als "schlafenden" Passagier gegen das Zugsfenster lehnt.

Der Facettenreichtum dieses Films ist schier unendlich, aber alles scheint irgendwie auf ein Sterben hinauszulaufen, das gekennzeichnet ist von blutenden Augen und - dem Erbrechen von Blutschwällen mit sofortiger Todesfolge. Der Grund für das Blutbad ist das Gift einer Schlange, die auch an Bord ist und aus ihrem Zwinger entfleucht. Sie ist munter unter den Sitzreihen unterwegs und wird auch ihn treffen, den absoluten Helden dieser absurden Geschichte: Ladybug, so sein Deckname, ist Killer mit dem Auftrag - erraten -, den Koffer zurückzubringen, und wird gespielt von Brad Pitt. Mit 58 ist der Beau nicht mehr ganz frisch und lässt sich in Actionszenen merklich doublen. Aber sein charmantes Lächeln, das ihn zu einer echten Tarantino-Figur macht, beschert ihm zwei Jahrzehnte Altersabzug.

Dieser Brad Pitt also trägt den Film von Regisseur David Leitch ("Deadpool 2", er war übrigens jahrzehntelang Pitts Stuntdouble!), und er ist es auch, der in die Geschichte einführt, stets am Telefon mit seiner charmanten Auftraggeberin verbunden, die ihn vom Altenteil in den Job zurückgeholt hat. Mit ihm um den Koffer rittern unter anderem: Tangerine (Aaron Taylor-Johnson), Prince (Joey King), Hornet (Zazie Beetz), Lemon (Brian Tyree Henry) und Kimura (Andrew Koji). Dazu gibt es einige sehenswerte Cameos, darunter auch einen Auftritt von Sandra Bullock.

Naiv-cool: Brad Pitt

In Kyoto, am Endbahnhof, wartet dann noch "Der weiße Tod" auf die, die bis dahin noch am Leben sind. Und weil Brad Pitt mit Hütchen und Hornbrille so unglaublich naiv-cool durch den Film stakst, ist er die einzig wirklich coole Figur dieses Films.

Denn die anderen Darsteller leiden unter der holzschnittartigen Zeichnung ihrer Figuren. Da übertreibt es Leitch in der Adaption des Drehbuchs von Zak Olkewicz, der wiederum den 2010 erschienenen japanischen Roman "Maria Beetle" von Kotaro Isaka zur Vorlage hatte, in seiner Umsetzung: Mit Rückblenden erzählt er allerlei Plot-Nebenstränge aus, sodass man sich in einem frühen Tarantino- oder Rodriguez-Stück wähnt, aber ohne die Coolness und Raffinesse dieser ganz offensichtlichen Vorbilder. Bei Leitch wirkt das wie Stückwerk, wie eine Nummernrevue, die erst zum Ende hin stringenter wird. Dass "Bullet Train" dennoch eine rasante und intensive Erfahrung ist, liegt wohl an seiner ausgesprochen expliziten Blutrünstigkeit und den niemals im Understatement verweilenden Spezialeffekten in Sachen Brutalität. Blut kotzen ist einfach kein Bild, an das man sich gewöhnen könnte. Insofern ist "Bullet Train" sehr blutig und sehr blöd, zum Kopfschütteln schräg, aber dennoch niemals in der Façon, ein echtes Kultstück werden zu können. Immerhin gefallen: "The Princess"-Star Joey King als ultrafieses Unschuldslamm im Schulmädchen-Look, eine Gegengift-Spritzung gegen das Schlangengift, das Austesten japanischer Zug-Toiletten auf ihre Effizienz und die Pünktlichkeit japanischer Züge. Man glaubt außerdem gar nicht, wie lange menschliche Knochen trotz massiver Blessuren ganz bleiben. Hollywood kann so was. "Bullet Train" ist selbstironisch, lässig, fern jeglicher Fadesse und alles andere als verschwendete Zeit. Aber eben leider kein Tarantino.