Ob es nun ein verfluchtes Haus ist, eine von bösen Geistern besessene Puppe, eine abgelegene Ortschaft voller Kannibalen oder ein überaus aggressiver Hai: Lange Zeit gab es im Horror-Segment scheinbar wenig Abwechslung. Auffallend oft standen die von Dämonen gequälte Frau, der maskierte Kettensägen-Mörder oder das Kind mit der unheimlichen Aura im Mittelpunkt des Geschehens. Doch Horrorfilme werden nicht nur nach Schema F produziert: Insbesondere in den letzten Jahren kamen einige vielversprechende Filme in die Kinos, die dem sogenannten Arthouse Horror oder Elevated Horror (zu Deutsch: gehobener Horror) zugeordnet werden können - einem Sub-Genre mit durchaus positiven Tendenzen.

Horrorfilme wollen ihr Publikum gruseln und das auf unterschiedlichste Arten. Genres und Sub-Genres gibt es dabei zuhauf. Welche Bedeutung dem Horror dabei zukommt, ist von Film zu Film verschieden. Handelt es sich im blutigen Splatter und Okkulten Horrorfilm häufig um plumpe Gewalt oder zerstörerische Wut, steht das "Monster" im modernen Arthouse Horror meist für etwas viel Größeres, das seinen wahren Kern erst auf einer Metaebene zeigt.

Das hinter dem Schrecken Liegende ist wichtig

Mit seinen Kassenschlagern "Get Out" (2017) und "Us" (2019) schuf der US-amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Jordan Peele Filme, die ins Mark gehen. Der Alltagsrassismus, mit dem schwarze Menschen tagtäglich konfrontiert sind, wird hier verarbeitet, ebenso Diskriminierung, Ausbeutung, die Verdrängung unserer Sünden. Das Böse schlummert aber nicht im irren Serienmörder oder Dämon, sondern im braven Vorzeigebürger. Das beeindruckende Mienenspiel der Darsteller und die gehaltvollen Dialoge ergeben zusammen mit der richtigen Portion Komik Horrorfilme, die anderen einen Schritt voraus zu sein scheinen.

Jordan Peele machte Gesellschaftskritik in dieser Form einmal mehr salonfähig und prägte das moderne Horrorkino wesentlich. Filme dieses Genres sind betont kunstvoll und bevorzugen eine langsamere Gangart. Wo andere Filme mit vielen Schocksequenzen (engl. jumpscares) durch die Handlung hetzen, lässt sich der Arthouse Horror Zeit. Er legt besonderes Augenmerk auf das Schauspiel, den Spannungsaufbau sowie die Botschaft des Films, die dem unaufmerksamen Zuseher mitunter verborgen bleibt. In diesen Filmen wird einem die Handlung nicht explizit vorgekaut, den tieferen Sinn muss man sich selbst erarbeiten. Bei Peele bleibt der Interpretationsspielraum groß, die Message ist aber klar: Wir - die Gesellschaft - sind das Monster, das weniger Privilegierte ausnutzt und ausgrenzt.

Am 11. August kommt Jordan Peeles neuester Film "Nope" in die Kinos. Auch hier erwarten uns eine grandiose Besetzung und beunruhigende Szenerie. Wie üblich scheint der gezeigten Handlung ein tieferer Sinn beizuwohnen. Handelt es sich "nur" um einen Alien-Film oder ist die Bedrohung von oben doch menschlicher, als wir denken?

Das Phänomen des "gehobenen" Horrors ist keineswegs neu, denn unkonventionelle Horrorfilme gibt es schon lange. Filme wie "Suspiria" (1977) oder "Shining" (1980) galten als echtes Novum und wirken in ihrer beachtlichen Machart bis heute nach. Nichtsdestotrotz sind Tendenzen in modernen Horrorfilmen zu beobachten, die sich mehr an aktuellen Missständen orientieren. Wurde Frauen lange Zeit überwiegend die Rolle des attraktiven Opfers oder naiven Sexobjekts zuteil, glänzen sie in aktuellen Produktionen mit Stärke und Eigenständigkeit.

Das in Slasher-Filmen häufig eingesetzte "Final Girl" (das heißt die letzte Überlebende eines blutigen Gemetzels) zum Beispiel war oft ein identitätsloses, naives Wesen. Mia Goth brilliert im Film "X" (2022) als unabhängige Frau, welche die Mordattacken einer Seniorin als Einzige überlebt. Dieser Film von Ti West ist gleich auf mehreren Ebenen interessant, denn Weiblichkeit, Sexualität und das Altsein werden auf unkonventionelle Weise portraitiert. Spielt der Film auch mit vielen Klischees, ist es eine erfrischende Abwechslung im Slasher-Genre.

Psychische Probleme als Monster verpackt

Gesellschaftliche Tabuthemen wie etwa psychische Erkrankungen werden im modernen Horrorfilm häufig aufs Tableau gebracht. In "The Babadook" (2014) beispielsweise erfährt eine depressive Frau die Überforderung einer alleinerziehenden Mutter. Mit einem quirligen Kind im Haus, wird Amelia mit den Symptomen ihrer Erkrankung konfrontiert, die immer heftigere Formen annimmt. Als der Sohn Samuel plötzlich das Monster Babadook sieht und zunehmend von diesem terrorisiert wird, ahnt der Zuschauer noch nicht, wie eng dieses mit der Mutter verbunden ist. In Wahrheit symbolisiert das Monstrum ihre psychische Verfassung. Das "Ungeheuer" kann bezwungen und im Keller eingesperrt werden, wird sogar mit Regenwürmern gefüttert. Emotionen und psychische Probleme, das eigentlich Unsichtbare und Verborgene, werden hier eindrücklich dargestellt und zum Monster stilisiert. Ein innovativer Ansatz, um über psychische Erkrankung zu sprechen.

Ähnliches verfolgt "Der Nachtmahr" (2015). Hier nehmen die Ängste, unter denen Schülerin Tina leidet, ebenso die Gestalt einer - vergleichsweise süßen - Kreatur an. Diese wächst ihr nach anfänglicher Angst und späterer Ignoranz zunehmend ans Herz. Für Außenstehende ist das Wesen unsichtbar, Tina ist auf sich allein gestellt. Kaum hat sie den Nachtmahr in ihr Herz geschlossen und beginnt ihn zu versorgen, lüftet sich der Schleier und die Eltern erblicken das Geschöpf zum ersten Mal. Deren Panik ist groß, doch Tinas Identifikation mit dem vermeintlichen Monster ist größer. So groß, dass sie mit dem Nachtmahr sogar selbstbewusst auf einer Party erscheint.

Tina hat, ebenso wie Amelia, gelernt, sich mit ihren Problemen zu beschäftigen und sie nicht zu verdrängen - selbst, wenn die Gesellschaft das von einem erwarten mag. Jene Filme vermitteln, wie wichtig es ist, sich mit den eigenen Problemen und Emotionen auseinanderzusetzen, sie zu akzeptieren und einen offenen, gesunden Umgang mit ihnen zu pflegen.

Ob gehoben oder nicht: Horrorfilme fungierten schon immer als Spiegel der Gesellschaft, in dem politische und soziale Probleme auf ungewöhnliche Weise stilisiert und inszeniert werden. Gesellschaftliche Ängste und aktuelle Debatten können somit auf einer anderen Ebene kommuniziert und verständlich gemacht werden. Dem modernen Horrorfilm als Kunstform kommt dabei eine gesteigerte Bedeutung zu.