Kann das wirklich sein? Dass im einzigen Nachbarhaus in der kolumbianischen Einöde, das neben Polskys bescheidener Hütte steht, ausgerechnet Adolf Hitler eingezogen ist? Dieser Polsky (David Hayman), er ist der einzige Überlebende aus einer im Holocaust ermordeten Familie; er hat Trost in der Fremde gesucht, wollte nicht nach Israel. Das Jahr: 1960, die Wahrscheinlichkeit, dass zahlreiche ehemalige Nazi-Bonzen unerkannt in Südamerika leben, ist groß. Aber Hitler? Der schmorte doch 1945 als benzinübergossene Leiche im Garten der Reichskanzlei. "Das ist eine Erfindung der Russen gewesen", ist sich Polsky sicher, als er seine Entdeckung beim zuständigen Amt meldet. Doch dort will man dem resoluten, älteren Herrn keinen Glauben schenken. Also müssen Beweise her! Polsky kauft sich eine Kamera, spioniert und fotografiert dem neuen Nachbarn hinterher, und siehe da: Alles scheint zu passen: Der irre Blick, die Wutausbrüche, das wilde Gestikulieren, die völlige Ablehnung von Tabak und Alkohol, ein Deutscher Schäferhund als Begleitung, das muss einfach der "Führer" sein. Und dann malt er auch noch genau so schreckliche Bilder wie Hitler!

Liebe zum Schachspiel

Dabei heißt Polskys Nachbar eigentlich Herzog, aber Namen kann man ja ändern. Furios gespielt von Udo Kier, erweist sich der Nachbar aber bald als doch durchaus zugänglich. Anfangs wird er noch von seiner persönlichen Assistentin (wunderbar pointiert, resch und hantig: Olivia Silhavy) entsprechend harsch abgeschirmt, doch bald beginnen Polsky und Herzog eine Bekanntschaft, die sich aus beider Liebe zum Schachspiel speist. Polsky erhält dadurch die Gelegenheit, im Hause Herzogs nach stichhaltigeren Beweisen für dessen wahre Identität zu suchen. Was ihm scheinbar auch gelingt.

Die Wienerin Olivia Silhavy ist Teil des "Mein Nachbar Adolf"-Casts. - © Katharina Sartena
Die Wienerin Olivia Silhavy ist Teil des "Mein Nachbar Adolf"-Casts. - © Katharina Sartena

"Zwischen Natur und Spott schwankend, erkundet diese Parabel die Natur der Feindseligkeit", sagt der in Russland geborene und in Israel aufgewachsene Regisseur des Films, Leon Prudovsky. "Was passiert, wenn ich in meinem ärgsten Feind Menschlichkeit sehe und schließlich sein Freund werde?" Eine Frage, die zum gemeinsamen Drehbuch mit Dmitry Malinsky führte. Für die Wiener Schauspielerin Olivia Silhavy, die man sonst eher aus quotenstarken TV-Filmen und Serien kennt, war "Mein Nachbar Adolf" eine willkommene Gelegenheit, ihr Können einmal mehr auch in einer internationalen Produktion zu zeigen. "Es war großartig, zwischen Udo Kier und David Hayman wie eine Vermittlerin aufzutreten", sagt Silhavy. "Die Chemie zwischen uns hat gestimmt."

Rollenknappheit

Genau deshalb geht die teils satirische Erzählung auch auf und es stimmen Rhythmus und Figurengefüge. "Der Luxus ist, dass wir genug Zeit für Proben hatten", sagt Silhavy. "Das gibt es bei Fernsehfilmen fast überhaupt nicht mehr." Außerdem sei die Zeit gerade für Frauen ab einem gewissen Alter hart geworden, erzählt die 65-jährige Schauspielerin, die als Fernsehsprecherin begann. "Es gibt für Frauen meines Alters einfach keine Rollen im TV, als würden Menschen über 60 in unserer Gesellschaft gar nicht existieren", so Silhavy. "Dabei werden die Zuseher angeblich immer älter, und denen setzt man eben durchwegs die Jüngeren vor. Sie fühlen sich nicht mehr repräsentiert", ist Silhavy sicher. Umso besser, dass es bei ihr nun in internationalen Kinoprojekten zu einer größeren Nachfrage kommt, das wird auch die Premiere des Films in Locarno noch einmal beschleunigen.

Udo Kier kennt solche Entwicklungen, denn auch bei den Herren sind Rollen in gewissen Altersgruppen rar. Ein Kult-Schauspieler wie Kier muss sich zwar nicht über fehlende Engagements beklagen, aber er kennt das Problem. Erst im Alter von 78 Jahren ist er für die erste Hauptrolle in einem US-Film besetzt worden. In "Swan Song" von Todd Stephens spielt er einen gealterten Drag-Performer, der im Altersheim davon träumt, noch einmal aufzutreten. "Die Presse war begeistert, man schrieb: Endlich ist Udo Kier als der Leading Man besetzt worden", freut sich Kier.

Was Adolf Hitler angeht, ist "Mein Nachbar Adolf" für Kier kein Neuland: "Ich habe Adolf Hitler schon mehrere Male gespielt, aber bisher war es immer eine Parodie von ihm. Auch in ‚Mein Nachbar Adolf‘ ist das im Prinzip nicht anders", sagt Kier. Doch das wird sich ändern, denn im Dezember startet bei Amazon Prime die zweite Staffel der Serie "Hunters" in der Udo Kier als Adolf Hitler von Al Pacino als Nazijäger gejagt wird. "Es ist die erste ernste Auseinandersetzung mit Hitler, er ist in der Serie 94 Jahre alt und ebenfalls in Südamerika untergetaucht", verrät Kier. So energisch wie in jüngeren Jahren ist Kiers Hitler aber nicht angelegt. "Mit 94 flucht es sich deutlich ruhiger", lacht Kier, betont aber, dass er das Projekt zunächst abgelehnt hatte. "Als Parodie ist Hitler für mich spielbar, aber als ernste Figur nicht. Man hat mich allerdings mit guten Argumenten vom Gegenteil überzeugt." Was daraus geworden ist, ist ab Mitte Dezember bei Amazon zu sehen.

Wirbel um "Adolf"

"Mein Nachbar Adolf" sorgte vor der Premiere in Locarno übrigens auch für Wirbel: Eine Gruppe israelischer Filmemacher und Künstler forderte die Absage der Locarno-Premiere, weil der Film vom Israel Cinema Project der Rabinovich Foundation, Israels größtem Filmfonds, mitfinanziert worden sei. Man wirft der Rabinovich Foundation vor, dass die von ihr geförderten Filme keine Aussage oder Botschaft enthalten dürften, die die "Existenz des Staates Israel als jüdischer und demokratischer Staat" leugnen. Der umfangreiche Brief ging aber ins Leere, denn Locarno-Festivalchef Giona A. Nazzaro ließ verkünden: "Wir suchen unsere Filme nach künstlerischen Maßstäben aus. Der Film bleibt im Programm." Der Applaus war üppig.