Man muss keine 90 sein, um einen Preis für sein Lebenswerk zu bekommen. Matt Dillon ist da das beste Beispiel: Der US-Schauspieler ist gerade einmal 58 und bekam Ende vergangener Woche beim Filmfestival von Locarno den Goldenen Ehrenleoparden überreicht, für eben jenes: sein Lebenswerk.

"Ich bin dafür entschieden zu jung", witzelte der Schauspieler, der im engeren Zirkel der Hollywood-Beaus der 80er Jahre zwar Kultstatus besitzt, aber weit entfernt ist von großen Namen wie De Niro, Tom Hanks, Tom Cruise oder auch Mel Gibson. Dafür gab es zu viele Dellen in der Aufwärtskurve seiner Karriere. Ganz offensichtlich ist Dillon auch deshalb nach Locarno gekommen, weil es eben wieder stockt mit der Karriere. Sein letzter großer Erfolg war die Mitwirkung an Lars von Triers "The House that Jack Built" (2018), und das ist auch gut vier Jahre her, eine Ewigkeit in Hollywood-Maßstäben. "Aber ich nehme diesen Preis fürs Lebenswerk gerne an, weil es hier in Locarno hoffentlich einen Regisseur im Publikum geben wird, der ‚gute Arbeit‘ sagt, weil ich nur so gut bin wie die Regisseure, mit denen ich arbeite." Das klingt auch nach einem Stellengesuch, irgendwie.

Als Hommage an Dillon zeigte das Festival im Tessin in diesem Jahr Gus Van Sants Film "Drug Store Cowboy" aus dem Jahr 1989, für den Dylan seinen ersten von zwei Indie Spirit Awards gewann. Außerdem läuft sein Regiedebüt "City of Ghosts" (2002) mit James Caan, Gerard Depardieu und Stellan Skarsgard. "Ich habe diesen Film auf Zelluloid gemacht und jetzt macht niemand Filme auf Zelluloid. Alles geht so schnell", sagte er in Locarno.

Aber Dillon weiß sich zu beschäftigen: Für sein jüngstes Projekt kehrte er nach 17 Jahren auf den Regiestuhl zurück, um eine detaillierte Dokumentation über das Leben und die Karriere des kubanischen Singer-Songwriters Francisco Fellowes zu produzieren, der für seinen besonderen Scat-Gesangsstil bekannt ist. Dazu hat er für das Projekt "Great Mate" alte Aufnahmen aus den 1990ern ausgegraben, als er mit einem Freund nach Mexiko-Stadt reiste, um Fellowes zu treffen, der sich lange aus dem Rampenlicht zurückgezogen hatte, und ihn bei den Aufnahmen für sein letztes Album zu begleiten. Dylan entdeckte dieses Filmmaterial, nachdem es mehrere Jahre im Regal gelegen hatte, und beschloss, es in eine Doku zu verwandeln, indem er nach Kuba und Mexiko reiste und Interviews mit vielen Zeitgenossen von Fellowes aufnahm, um zu verstehen, wie sie seine Musik spielten. 2020 feierte diese Doku in San Sebastian ihre Premiere. "Das Schöne an Musikdokumentationen ist, dass die Musik großartig ist. Und afrokubanische Musik war schon immer meine größte Leidenschaft. Also hat es mich in dem Prozess am Laufen gehalten", sagt Dillon.

In Locarno sprach Dillon dann vor Journalisten auch über weitere Aspekte seiner Arbeit.

"Wiener Zeitung": Mr. Dillon, Sie begannen Ihre Karriere im Alter von nur 14 Jahren, wurden in der Schule entdeckt. Was macht das mit einem jungen Burschen?

Matt Dillon: Der Vor- und Nachteil einer Karriere, die in sehr jungen Jahren beginnt, ist, dass man alles lernt, während man arbeitet. Also dieses Learning-by-Doing kann fordernd sein, aber man hat es dann auch drauf. Einerseits ist man noch nicht "fertig", man lernt ja noch, aber es gibt einfach keine bessere Methode, als zu lernen, wenn man es direkt bei der Arbeit tut und nicht in einer theoretischen Ausbildung. Und ich hatte wahrhaft großartige Lehrer. Das allerwichtigste, was ein Schauspieler lernen muss, ist zu beobachten und zuzuhören. Meine Leidenschaft für den Beruf war sofort geweckt, als ich das kapiert hatte. Ich brauchte mich nur hinzusetzen und den Leuten zuzusehen, wie sie sich verhielten. Schauspielen, das war für mich immer, wie wenn man dem Leben einen Spiegel vorhält und das dann in eine Performance umwandelt.

Sie haben sich niemals festlegen lassen auf ein Klischee. Mal waren Sie der Posterboy, mal der anspruchsvolle Querkopf. Hat diese freie Rollenwahl auch ihren Preis?

Wenn man einen Film beginnt, weiß man in Wahrheit nie, worauf man sich da einlässt. Niemand garantiert dir, ob der Film ein Erfolg wird, ob er ein Publikum findet, ob die Chemie am Set stimmt. Es ist immer eine Art Würfelspiel. Ganz besonders trifft das zu, wenn der Regisseur noch unerfahren ist, was es beim Independent-Kino ja sehr oft gibt. Aber wenn ich den Eindruck habe, dass dieser Filmemacher etwas Außergewöhnliches, etwas Neues wagt, indem er neue Perspektiven auf sein Sujet einbringt, dann finde ich, ist es das Risiko wert, diesen Weg mit ihm zu gehen. Ich persönlich mag die Überraschungen in dem Job, wenn man feststellt, dass der Regisseur, mit dem man gerade arbeitet, eigentlich jemand ist, mit dem man vermutlich gar nie gearbeitet hätte, und dann hat er diese verrückten Ideen! Oder wenn man eine Figur plötzlich reizvoll findet, von der man sich nie hätte vorstellen können, sie zu spielen. Für diese Momente werde ich immer wieder ans Filmset zurückkehren.

Mit "City of Ghosts" lief in Locarno Ihr Regiedebüt. Was bedeutete der Wechsel hinter die Kamera für Sie?

Diesen Film zu drehen, war ein großartiges Erlebnis für mich. Es hat insgesamt sieben Jahre gebraucht, bis er fertig war. Als wir in Kambodscha anfingen zu drehen, lag bereits ein weiter Weg hinter uns. Deshalb nahm ich auch nichts für selbstverständlich, aber was ich gelernt habe, ist, den Moment einzufangen, und nicht auf starren Konzepten zu beharren. Wenn man sich mit den richtigen Leuten umgibt, kann eigentlich fast nichts schief gehen. Ich öffne mich gern dem Unerwarteten, ich glaube, es gibt auch nicht den einen Weg, etwas richtig zu machen, sondern viele Wege. Allerdings: Es gibt auch viele Wege, Dinge falsch zu machen. Ich spüre das in meinem Bauchgefühl, ob etwas richtig oder falsch läuft, soweit habe ich das in meiner Karriere gelernt. Der Schlüssel ist, keine Kompromisse zu machen. Das war wie ein Mantra bei diesem Film. Ich hatte großartige Schauspieler wie James Caan, Gérard Depardeiu, Stellan Skarsgard oder Natasha McElhone, alles erfahrene Profis. Aber es gab auch Laien, die in diesem Film großartige Performances hinlegten. Bei ihnen musste ich größtmögliche Freiheit walten lassen.

Es gibt einige Regisseure, die Ihre Arbeit als Schauspieler und als Regisseur stark beeinflusst haben. Welche nennen Sie?

Natürlich denke ich da an Francis Ford Coppola, mit dem ich zwei tolle Filme als Schauspieler drehen durfte, das war "Rumble Fish" und "The Outsiders". Das Kino ist das Medium der Regisseure, ihre Visionen sind es, die am Ende auf der Leinwand zu sehen sind. Deshalb gab es auch bei Gus van Sant oder Lars von Trier überaus starke Momente und großartige Erfahrungen für mich als Schauspieler, der auch an Regie interessiert ist. Ich war sozusagen hautnah dran an deren Kunst. Aber auch Regisseure, mit denen ich nicht gearbeitet habe, haben mich beeinflusst: Werner Herzog, Martin Scorsese, Elia Kazan oder John Cassavetes.

Sie sind Zeit ihres Lebens nie nach Los Angeles gezogen. Wieso?

Ich lebe in New York und ich liebe New York. Los Angeles ist das Zentrum der Filmindustrie, das ist klar, und auch, dass man vor Ort sein muss, um für Castings vorzusprechen, ist logisch. Aber dort zu leben, das könnte ich mir nicht vorstellen. Denn New York ist der Ort, der mich inspiriert, wenn ich dort auf die Straße gehe, dann vibriert es in mir und ich sehe viele Geschichten und habe viele Gedanken und fühle mich wohl. Es ist nicht nur mein Lebensmittelpunkt, sondern auch der Ort meiner Inspiration. Das wird immer so sein.

Wie geht es Ihnen mit Hollywood heute?

Ich habe gelernt, großartige Erfahrungen in Hollywood zu sammeln, und das geht so: Man darf sich bloß nicht von diesem Hollywood vereinnahmen lassen! Man darf nicht vom Business geschluckt werden. Es ist leicht, Hollywood zu verdammen, aber immerhin entstanden dort viele der größten Filme der Filmgeschichte. Was ich schade finde, ist, dass solche Filme es immer weniger auf die großen Leinwände schaffen.

Wenn Sie Ihren Beruf in einem kurzen Satz zusammenfassen müssten, was würden Sie sagen?

Man will ja alles richtig machen. Und du willst alles umsetzen, was du gelernt hast. Aber das alles spielt keine Rolle, denn was zählt, sind die Momente der Wahrheit. Diese wirklichen, wahrhaftigen, kleinen Momente. Die, die passieren. Und sie passieren oft aus Versehen.