Glänzende Männerkörper, die die Muskeln spielen lassen, klitzekleine Unterhöschen, die gerade einmal das Gemächt verdecken, Maschinen mit Kolben, die sich rhythmisch bewegen. Und mittendrin Olivia Newton-John, im kessen Kurzhaarschnitt mit dem klassischen 80er-Jahre-Flecht-Stirnband als Dompteurin dieses Ausbruchs an Sinnlichkeit. Das ist das Video zum Pophit "Physical". Er war der erfolgreichste Song des Jahres 1981, das Billboard Magazine befand, es sei der "Sexiest Song Of All Time". Wenn Olivia Newton-John mit ihrer glockenhell-unschuldigen Stimme aufreizend singt "Let me hear your body talk", ist man geneigt, diese Einschätzung zu teilen. Nebenbei hat Newton-John – in Body über Leggings – mit diesem Video, das die Ästhetik des erst beginnenden Jahrzehnts so unnachahmlich einfängt, auch den danach grassierenden Fitnesstrend angestoßen. Wie sehr kann der Körper im Mittelpunkt stehen? Die 80er meinten dazu: Ja.

Ohrwürmer und Lederjacken

"Physical" folgte auf jenen Film, den eigentlich alle mit Olivia Newton-John verbinden: "Grease" (1978). Ein Musical, das mit Ohrwürmern ("Hopelessly Devoted To You"!) dicht an dicht vollgestopft ist. Und eine Handlung, in der ein braves Mauerblümchen zum Lederjacken-Vamp wird. Obwohl es sich bei "Grease" um eine luftige Satire über High School-Leben in den 50ern handelt, mehrten sich in den vergangenen Jahren besorgte Stimmen, die den Film als sexistisch diagnostizierten. Olivia Newton-John holte die Kritiker wieder auf den Boden: "‚Sie ist nur ein Mädchen, das einen Typen liebt, und sie glaubt, wenn sie sich ändert, dann mag er das. Und er glaubt, wenn er sich ändert, mag sie das. Das ist ziemlich real. Menschen tun das füreinander. Es ist eine Liebesgeschichte, die Spaß macht."
Sandy, die Rolle, die Olivia Newton-John an der Seite von John Travolta als Danny gespielt hat, steht symbolisch für die musikalischen Wandel, die die Sängerin selbst in ihrer Karriere durchgemacht hat. Vor "Grease" konnte sie mit ihrer Folk- und Country-Musik nicht unbedingt die Massen erreichen, nach "Grease" wurde sie mit dem legendär gefloppten Rollschuhdiscofilm "Xanadu" (1980) und dessen Soundtrack mit dem Electric Light Orchestra zur Tanzflächen-Queen.

Und sogar der Song-Contest

Geboren wurde Newton-John am 26. September 1948 in Cambridge in eine deutsch-britische Akademikerfamilie. Ihr Großvater war der Quantenphysiker und Nobelpreisträger Max Born, der mit seiner Familie 1933 vor den Nazis geflohen war. Als sie fünf Jahre alt war, wanderte die Familie nach Australien aus. Newton-John gründete dort eine Mädchenband. Ein Talentwettbewerb brachte die 15-Jährige nach Großbritannien zurück, wo sie 1966 ihre erste Platte aufnahm. 1974 kam sie für Großbritannien mit ihrem Song "Long Live Love" beim Eurovision Song Contest auf den vierten Platz.
1992 erfolgte die Diagnose, die Olivia Newton-John eine weitere, tragische Facette ihrer Laufbahn hinzufügen sollte: Brustkrebs. Jahrzehntelang kämpfte sie gegen die Krankheit, setzte sich für Überlebende ein und sammelte Gelder für Forschung und Therapie. Zur eigenen Behandlung setzte sie auf Schulmedizin und Cannabis-Öl. Ihr Mann John Easterling ist ein Pflanzenexperte, der Cannabis anbaut und Tinkturen für sie zubereitet, erzählte sie 2019. "Das nehme ich täglich zu mir und bin so von starken Schmerzmitteln losgekommen."
Montagfrüh hat Olivia Newton-John ihren Kampf verloren, sie ist "friedlich" auf ihrer Ranch in Südkalifornien gestorben. Ihr Tod löste bei ihren Kollegen besonders herzliche Trauerbekundungen aus. John Travolta schrieb auf Instagram: "Meine liebste Olivia, du hast unser aller Leben so viel besser gemacht. Deine Wirkung war unglaublich. Ich liebe dich so sehr. Eines Tages werden wir alle wieder zusammen sein. Dein vom ersten Moment an, als ich dich sah, und für immer! Dein Danny, dein John!"