Das kommunistische Känguru und sein Freund, der Kleinkünstler, dürfen ab 25. August bereits ihr zweites Kino-Abenteuer erleben. Nur würdig und recht, wurde das erste ja von den ersten Tagen der Corona-Lockdowns verschluckt. Aber die Pandemie und ihre Folgen für die geistige Gesundheit mancher Mitmenschen hat nun auch trefflich eingezahlt in das Drehbuch zu "Die Känguru-Verschwörung". Das hat natürlich wieder Marc-Uwe Kling, Schöpfer dieses absurden Duos, verfasst, und diesmal hat er auch Regie geführt. Ein Gespräch mit ihm und dem Darsteller seines Alter Egos, Dimitrij Schaad.

"Wiener Zeitung": Herr Kling, wenn jemand NIE Interviews gibt und dann plötzlich macht er es doch, dann ist das für den gelernten Verschwörungstheoretiker ziemlich verdächtig: Sind Sie wirklich der richtige Marc-Uwe Kling?

Der Original Marc-Uwe Kling. - © dpa / picturedesk / Henning Kaiser
Der Original Marc-Uwe Kling. - © dpa / picturedesk / Henning Kaiser

Marc-Uwe Kling: Gegenfrage: Was ist denn für den gelernten Verschwörungstheoretiker UNverdächtig?

Was ist denn Ihre liebste Verschwörungstheorie, erfunden oder "echt"?

Dimitrij Schaad: Momentan macht mir die am meisten Spaß, dass wir alle in einer Simulation leben, die von Elon Musk entworfen wurde.

Kling: Meine liebste von den erfundenen ist: Es gibt diese Theorie, dass es keine Vögel mehr gibt, sondern dass alle Vögel von der US-Regierung mit Drohnen ersetzt wurden. Und wenn man die weiterdenkt, dann gibt es sehr ländliche Gebiete hier in Deutschland, da muss irgendwas Fischiges vorgehen, weil dort so viele Drohnen vorkommen. Kein Mensch, aber Tausende von Vögeldrohnen? Ich wette, da ist ein Labor unter der Erde.

Und welche ist Ihr Favorit von den "echten"?

Kling: Von den "echten" ist es schwierig, die zu "mögen", selbst bei den absurden, wo man anfänglich drüber lächelt, wie die Flat Earther, ist das Problem, dass diese Theorien so schnell ins Rechtsradikale abrutschen. Wenn du erstmal anfängst zu glauben, dass die Regierung dich über so etwas Fundamentales belügt, wie dass die Erde in Wahrheit flach ist und kein Globus, dann ist das ein rutschiger Weg. Dann glaubst du natürlich, dass dich die Regierung auch über Impfstoffe belügt und darüber, wer die Strippenzieher sind, über Hintergründe von Migration. Bei solchen realen Theorien kann ich nicht sagen, dass ich eine mag, weil sie einfach sehr schnell in dieses rechtsradikale Rabbit Hole führen. Das finde ich auch faszinierend, dass Leute, die sich selbst als links definiert haben oder das immer noch tun, über diesen übertriebenen Skeptizismus in solche rechte Verschwörungsfantasien rutschen, vom Deep State und so weiter. Ich will damit gar nicht sagen, dass man nicht hinterfragen soll, weil man das natürlich tun soll. Aber man muss eben auch dem Zweifel mit Zweifel begegnen.

In Ihrem Film findet die Konferenz der Schwurbler in Bielefeld statt. Bielefeld ist ja selbst Fokus einer Verschwörungstheorie: Die Stadt gibt es angeblich gar nicht. Hand aufs Herz, war einer von Ihnen echt schon mal in Bielefeld?

Kling: Ich war! Ich kann bezeugen, dass es Bielefeld gibt, ich war mehrfach dort. Der erste Preis, den ich in meinem Leben bekommen habe, war der Bielefelder Kabarettpreis. Also ich bin Teil der Verschwörung.

Schaad: Ich war noch nie dort und will immer noch diesen Preis sehen, bevor ich Marc glaube.

Ich war auch noch nicht dort. Wir sind die Mehrheit.

Kling: Da ging auch ein krasser Riss durch das ganze Filmteam. Wir haben ja Bielefeld in Bitterfeld gedreht und werden damit der Theorie auch wieder Auftrieb geben, ohne das zu wollen.

Ich habe gehört, der Bürgermeister von Bielefeld hat einen Wettbewerb gestartet, bei dem das beste Video gesucht wird, das die Existenz von Bielefeld beweist. Ist der Känguru-Film eine Einsendung?

Kling: Was ist denn der Preis bei dem Wettbewerb?

Eine Million Euro.

Kling: Das ist definitiv eine Einsendung!

Wissen Sie, dass es eine Bachelor-Arbeit über die "Känguru"-Trilogie gibt?

Kling: Ich glaube, es gibt sogar mehrere, ich habe auch mal eine Masterarbeit gelesen, das fand ich spannend, was da alles drinsteckt in meinem Buch.

Haben Sie denn etwas Neues erfahren?

Kling: Ich habe früher im Deutschunterricht immer gedacht: Come on, das ist doch alles Blödsinn, was ihr da reininterpretiert. Nie im Leben hat sich der Autor oder die Autorin das dabei gedacht. Und irgendwann habe ich angefangen zu schreiben und dachte: Nein, die haben sich das alles dabei gedacht und noch viel mehr! Und dann habe ich die Masterarbeit gelesen und gedacht, es stimmt beides: Ich habe mir einerseits Sachen gedacht, die nicht in der Masterarbeit standen, und dann standen aber auch Sachen da, wo ich dachte, sehr gut, so hatte ich das noch nie gesehen, aber definitiv kann man das so interpretieren.

Ich habe überlegt, die Frau, die die Masterarbeit verfasst hat, zu fragen, ob sie nicht eine kommentierte Ausgabe der "Känguru-Chroniken" schreiben will. Ich habe zuhause eine kommentierte Ausgabe von James Joyces "Ulysses", einerseits ist das spannend, andererseits kannst du das kaum lesen. Tucholsky hat mal über "Ulysses" gesagt, das ist wie ein Brühwürfel, ungenießbar, aber man wird noch manche Suppe damit zubereiten. Und ich glaube, für die kommentierte Ausgabe kann man das potenziert sagen.

Sind Sie also einer der wenigen, die "Ulysses" ganz gelesen haben?

Kling: Ich habe das ganz gelesen. Als Autor find ich das auch superspannend. Aber ich würde das nie im Leben jemanden, der nicht selbst schreibt, empfehlen zu lesen. Man muss sich da so ein bisschen durchkämpfen. Sehr viel davon wurde verwendet für lesbarere Bücher, wie Tucholsky schon gesagt hat.

Auch das Känguru?

Kling: Auch das Känguru.

Irgendwo in "Ulysses" hüpft also so ein Känguru rum...

Kling: Tatsächlich ist das eine Geschichte, die ich noch wenig erzählt habe, auch wenn ich ja oft gefragt werde, wo die Idee mit dem Känguru herkam. Im hinteren Viertel von "Ulysses" klopft ein Känguru an die Tür und will Eierkuchen braten - und das hat halt keiner gelesen außer mir.

Schaad: Selbst andere Autoren haben aufgegeben auf Seite 800. Da hören selbst die Kommentare auf!

Kling: Bisher hat das keiner bemerkt, dass ich das eins zu eins aus "Ulysses" geklaut habe . . .

Das Känguru erfindet eine freie Version von !Schnick Schnack Schnuck", in der man auf noch viel mehr als auf Schere, Stein, Papier setzen kann. Kettensäge zum Beispiel. Wie oft mussten Sie heute an diesem Pressetag schon "Open Schnick" spielen?

Kling und Schaad: Kein einziges Mal.

Na, dann machen wir das jetzt: Schnick schnack schnuck . . .

Kling: (zu Schaad) Was hast du?

Schaad: Voodoo-Priester.

Kling: Ich habe Kaffee.

Ich habe Blendamed Zahnpasta.

Kling: Ich plädiere natürlich für Kaffee, die Argumentation ist: Voodoo gibt’s nicht. Der Priester kann machen, was er will, es passiert nichts. Wohingegen beim Kaffee: Als jemand, der nur selten Kaffee trinkt, weiß ich, wenn du dann mal Kaffee trinkst, dann kickt der wirklich. Kaffee ist also eine Droge, die funktioniert.

Schaad: Ich als Kaffeetrinker behaupte, der hat überhaupt keine Wirkung, es macht keinen Unterschied, ob ich einen oder vier trinke, er bewirkt nichts.

Kling: Und was ist dein Argument für Voodoo?

Schaad: Wie willst du beweisen, dass es nicht funktioniert?

Kling: Jetzt redest du wie ein Verschwörungstheoretiker. Was spricht für Blendamed?

Weil ich damit auch morgen noch kraftvoll zubeißen kann.

Kling: Das ist ein Werbeslogan, das gilt nicht. Ich würde sagen, ich habe gewonnen. Ich würde auch behaupten, wenn man richtig viel Kaffee trinkt, dann hilft auch Blendamed nichts mehr. Eigentlich hätte ich Gaffaband nehmen sollen. Das besiegt alles. Irgendwann wird man sagen müssen: Ja, spielen wir "Open Schnick", aber ohne Gaffaband. Sonst wird’s unfair.