Oliver Stone ist ein Kämpfer an vielen Fronten. Seine Karriere als außergewöhnlicher Filmemacher hatte nicht immer nur mit der (hohen) künstlerischen Qualität seiner Arbeiten zu tun, sondern auch damit, welcher Themen sich Stone angenommen hat. Oftmals hat er dabei die Kontroverse gesucht. Mit seinem Film "JFK" klagte er an, dass die Fakten im Mordfall John F. Kennedy verschleiert worden waren. Mit "Platoon" kritisierte er den Vietnam-Krieg scharf. All das fand großen Applaus, bei seinen dokumentarischen Arbeiten hingegen stößt man sich immer wieder an Stones Themenwahl. "Mi amigo Hugo" über den einstigen venezolanischen Staatschef Hugo Chavez sorgte in Venedig 2014 für einen Skandal, weil man Stone die Verehrung des Diktators vorwarf. Auch seine Filme über Castro und Putin standen in der Kritik.

Mit seinem neuesten Werk ist er erneut in Venedig vertreten - und erregt schon wieder die Gemüter. In "Nuclear" unternimmt Stone eine Tour de force durch die Historie der Kernenergie und wird vom einstigen Gegner zu ihrem glühenden Anhänger. Der Film skandiert im Wesentlichen die immer gleiche Botschaft von einer billigen und vor allem sicheren Energieform, zu der es angesichts des Klimawandels keine Alternative gäbe: "Kohle und Gas zu verfeuern, das wird den Klimawandel beschleunigen. Und der Klimawandel wird die tödlichste Katastrophe werden, die die Erde jemals getroffen hat", meint Stone. Weil Wind-Energie und Solarstrom eben nicht im geringsten ausreichend produziert werden könnten, um Kohle- und Gaskraftwerke zu ersetzen, sei die Lösung eben: Neue Atomkraftwerke zu bauen, die bald schon die dreifache, vierfache Menge Strom herstellen könnten als heutige Reaktoren. Aber alles sehr sicher, denn: Beim Unfall von Tschernobyl seien unmittelbar nur ein Bruchteil der Menschen gestorben, die jährlich als Folge der Umweltverschmutzung durch Braunkohlekraftwerke sterben würden, rechnet Oliver Stone vor.

Stone genießt das Bad in der Menge seiner Fans. 
- © Katharina Sartena

Stone genießt das Bad in der Menge seiner Fans.

- © Katharina Sartena

Freilich: Das Provozieren will er nicht lassen und Stone findet auch Argumente, weshalb die Atomenergie heute zu den verpönten Energieformen zählt. Seine These: Schon in den 60er Jahren, als man Atomenergie noch als die Lösung aller Versorgungsprobleme feierte, begannen Ölkonzerne wie Exxon oder BP oder Shell gezielt damit, die billige Konkurrenz schlecht zu machen, behauptet "Nuclear". Man habe kritische Stimmen mit viel Geld subventioniert, mit dem schließlich Protestbewegungen und Umweltschutzorganisationen gegründet werden konnten. Das Resultat: Anhaltende Ablehnung der Atomenergie in der Bevölkerung. "Wir wurden getäuscht", versicherte er bei der Präsentation von "Nuclear" in Venedig. Im Film behauptet der amerikanische Regisseur, dass die Welt die schreckliche Erinnerung an die Bomben von Hiroshima und Nagasaki oder die Explosion Tschernobyls bewahrt. Stone ist hingegen überzeugt, dass Wissenschaft heute so weit ist, um Atomkraft sauber, ziemlich sicher und effizient zu nutzen. "Filme mit atomverseuchten Monstern und radioaktiven Seeungeheuern, aber auch der dreiäugige Fisch bei den Simpsons haben unsere Ängste lange Jahre angefacht", so Stone. "Eine kleine Gruppe von Leuten wurde unendlich reich durch diese Ängste. Sie verdienten an Kohle, Erdöl und Gas".

Angst basiere auf Nichtwissen, weshalb Stone seinem Film ein Zitat von Marie Curie, einer Pionierin der Radioaktivität, voranstellt: "Im Leben gibt es nichts zu fürchten, nur zu verstehen".

Laut Stone sei es höchste Zeit zu handeln, wären doch "Überschwemmungen, Wellen extremer Hitze in Europa, Stürme, die wir nicht verstehen und die immer aggressiver werden" eine deutliche Warnung an die Menschheit. 

Bei der Vorstellung des Films in Venedig begegnete man Stone mit Skepsis. Es gäbe keinen Grund für seinen Optimismus, meinte ein Journalist. Doch Stone verteidigte seine Position: "Ich denke lieber langfristig. Ich bin ein Optimist, vielleicht ein Idealist, das war ich schon immer, weil ich das Ende einer schrecklichen Begegnung zwischen den USA und Russland miterlebt habe, das Ende des Kalten Kriegs, auf den eine außergewöhnliche Zeit der Zusammenarbeit folgte", so Stone. Eine Zusammenarbeit, die immerhin die letzten drei Jahrzehnte funktioniert hätte. Der Klimawandel sei jedenfalls die größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit. "Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass die Menschen weiterhin Angst vor der Atomenergie haben und die politischen Führer nur tun und sagen, was die Wähler wollen". 

Für "Nuclear", Stones flammendes Plädoyer für die Atomenergie, prolongiert Stone sein Image als unbequemer Aufreger. Der Mann bleibt sich also treu.