Groß war die Aufregung in den letzten Wochen rund um Ulrich Seidls neuen Spielfilm "Sparta" und den damit in Verbindung stehenden Vorwürfen gegen den Regisseur, am Set in Rumänien Kinderdarsteller ausgenutzt und schlecht behandelt zu haben. Am Sonntag ist der Film schließlich uraufgeführt worden - beim Filmfestival von San Sebastian, das den Film im Programm behielt, während wenige Tage zuvor das Festival in Toronto den Film wegen der Vorwürfe ausgeladen hatte.

Ursprünglich hatte Ulrich Seidl geplant, bei der Premiere von "Sparta" in San Sebastian dabei zu sein, machte kurzfristig aber einen Rückzieher. "Ich bin José Luis Rebordinos (dem Festivaldirektor, Anm.) sehr dankbar, dass er von Anfang an zu ‚Sparta‘ gestanden hat, trotz des Drucks der Medien und trotz der großen Turbulenzen, die plötzlich damit einhergingen. Das bedeutet mir sehr viel", ließ Seidl ausrichten. "Der erste Impuls, nach San Sebastian zu kommen, war, den Film, an dem mein Team und ich so viele Jahre gearbeitet haben, nicht allein zu lassen. Mir wurde jedoch klar, dass meine Anwesenheit bei der Premiere die Rezeption des Films überschatten könnte, während es jetzt an der Zeit ist, dass ‚Sparta‘ für sich selbst spricht".

Seidl auf Tauchstation

Mehr gibt es von Ulrich Seidl derweil nicht zu hören. "Für Interviews steht Ulrich Seidl zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Verfügung", verkündete Seidls Sprecherin. Der Regisseur bleibt auf Tauchstation.

Bei der Premiere erhielt "Sparta" jedenfalls begeisterte Reaktionen von Publikum und Presse. "Normalerweise wird uns das Thema der Pädophilie in einem Schwarz-Weiß-Konzept vorgestellt, in dem man kaum verstehen kann, wie ein Erwachsener zu so etwas fähig ist. Doch in diesem Film wird auf sehr eindrückliche Weise gezeigt, wie sehr auch der Pädophile innerlich leidet, mit seinen Gefühlen und Vorhaben hadert, weil er weiß, dass es schlecht ist", erklärt Kinobesucher Gonzalo Anton im Anschluss an die erste Filmvorführung.

Seidl erzählt im "Bruderstück" zu "Rimini" die Geschichte von Ewald (Georg Friedrich), dessen Beziehung mit seiner rumänischen Freundin in die Brüche geht, weil seine sexuellen Neigungen pädophiler Natur sind. In einem Dorf in Transsilvanien baut er schließlich eine verlassene Schule um, erzählt den Eltern, er sei Kampfsportlehrer, um die Burschen des Dorfes kostenlos im Judo zu unterrichten. Doch verbringt er fast den ganzen Tag mit ihnen, filmt sie, beobachtet sie beim Fußballspielen, duscht mit ihnen. Für die Kinder bedeutet die Zeit eine Flucht aus dem tristen Familienalltag, in dem Schläge und Alkoholkonsum zur Normalität gehören. Für Ewald ist es die Möglichkeit, sich den Burschen zu nähern. Auf der Leinwand kommt es weder zu körperlichen Übergriffen oder gar sexuellen Handlungen. Vielmehr sieht man den Protagonisten mit seinen inneren Lüsten kämpfen.

Spanische Presse begeistert

Zuschauerin Virginia Gonzalez, die von den Vorwürfen des "Spiegel" betreffend der Umstände am Set nichts wusste, fragte sich, "wie der Regisseur Eltern dazu gebracht hat, ihre Kinder in diesem Kontext filmen zu lassen? Vielleicht hat er in Österreich für gewisse Szenen ja keine Erlaubnis von Eltern bekommen und hat den Film deshalb in Rumänen gedreht, wo es leichter war", vermutet die vierfache Mutter.

Die spanische Presse urteilte jedenfalls teilweise begeistert. Spaniens größte Zeitung "El pais" schrieb: "Seidl, ein Meister der Manipulation und der Dunkelheit, weist auf eine Reflexion hin: Der österreichische Judomeister mit pädophilen Neigungen ist ein besserer Vater als die Echten, die sich in einem Siebenbürgen aus verlassenen Schulen und herrschender Armut nicht um ihre Kinder kümmern."

Die spanische "El mundo" war auch angetan, bezieht die Debatte rund um den Film aber mit ein: "Das Ergebnis ist wohl Seidls bester Film, der verzweifeltste, der prägnanteste, der plumpeste. Aber zu welchem Preis? Ist für die Kunst alles wert? Wie auch immer wir es ausdrücken, die Unschuldsvermutung gilt nicht in gleicher Weise für jedes Verbrechen, wenn die Opfer entweder die Schwächsten (Kinder, arme Kinder) oder diejenigen sind, die unter den Folgen einer ungerechten sozialen Struktur leiden (Frauen, misshandelte Frauen). Ein schlechter Tag, um Jury bei einem Filmfestival zu sein".