Brett Morgan hat eine Hommage an David Bowie gedreht: "Moonage Daydream" (derzeit im Kino) heißt die Doku, die heuer in Cannes im Wettbewerb Premiere feierte, und die man getrost als Denkmal verstanden wissen darf. Es geht um die filmische Adelung eines Künstlers, den man fühlen, nicht verstehen muss. Es ist ein Annäherungsversuch an einen Weltkünstler, den man nicht verstehen muss, um ihn zu lieben, den man nicht verstehen darf, um ihm ein Denkmal zu setzen. Bowie, das ewige Mysterium als Mischung aus Künstler, Sänger, Kunstfigur, Gesamtkunstwerk, Philosoph, Musiker und Dichter. Es gab wenige von seinem Format. Ein Film wie ein Bild- und Klangteppich, der Fans wie Neulinge für den Künstler begeistern dürfte.

"Wiener Zeitung": Mister Morgan, Ihr Film will das Schillern Daid Bowies einfangen, zugleich ist er sehr emotional und persönlich. Was war Ihr Ziel mit "Moonage Daydream"?

Brett Morgan: Mir war von Anbeginn des Projektes völlig klar: "Moonage Daydream" ist keine Biografie von David Bowie, sondern geht weit darüber hinaus. Es gibt hier keinen Anfang, keine Mitte und keinen Schluss, sondern eher den Versuch, Bowie thematisch und auch stimmungsmäßig näherzukommen. Es gibt so viele Facetten an diesem Mann, dass man ihm in einem Film nicht wirklich gerecht werden kann. Man kann sich nur vorsichtig herantasten, Aspekte an ihm herausgreifen und diese möglichst umfassend darzustellen. Der Film will ermöglichen, Bowie zu erleben. Man soll eintauchen können in die Welten und Gestalten, die er erschaffen hat, man soll hineingezogen werden in seine kreative und intellektuelle Kraft, die ich für schier unendlich halte.

Brett Morgan: "David Bowie hat mein Leben gerettet." Sartena - © Sartena
Brett Morgan: "David Bowie hat mein Leben gerettet." Sartena - © Sartena

Wann haben Sie David Bowie für sich entdeckt?

Bowie kam im Alter von 12 Jahren in mein Leben. Es war eine musikalische Offenbarung, aber noch wichtiger: Ich weiß nicht, was zuerst kam, Bowie oder die Pubertät. Er war derjenige, der mir gesagt hat, dass es mir gut geht, dass ich diese Gefühle haben und zulassen darf und dass ich nicht meine Eltern bin. Bowie half mir, mich selbst zu finden, in meiner Sexualität, in meinen Einstellungen. Er kam wie ein Hurrican in mein Leben und er muss so viele Leben gerettet haben. Er hat definitiv mein Leben gerettet.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte am 5. Jänner 2017 einen Herzinfarkt, ungefähr ein Jahr, nachdem ich mit der Arbeit an dem Film begonnen habe. Ich war drei Minuten lang tot und lag eine Woche im Koma. Der Infarkt kam, weil mein Leben völlig aus dem Gleichgewicht und außer Kontrolle geraten war. Ich war ein Workaholic. Ich habe alles in meine Arbeit gesteckt. Mein einziges Selbstwertgefühl war völlig an meine Arbeit gebunden. Wie Kurt Cobain konnte ich mit Kritik in keiner Weise, Form oder Gestalt umgehen. Es machte mich krank, deshalb fühlte sich meine Doku "Montage of Hack" über Cobain, die ich 2015 fertigstellte, für mich sehr persönlich an. Aber ich lag falsch. Mein Herzinfarkt ereignete sich am Tag nach dem achten Geburtstag meines Sohnes, und an dem Tag, an dem meine Tochter 12 wurde, lag ich im Koma, das war David Bowies Geburtstag, der 8. Januar. Und wenn etwas so Traumatisches passiert, fängst du an, diese größeren Fragen zu stellen. Warum lebe ich? Welche Werte und welche Botschaft soll ich meinen Kindern hinterlassen? Und meine Botschaft war damals: Du arbeitest wirklich hart und dann stirbst du. Das musste ich unbedingt korrigieren.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich musste lernen, in Balance zu leben. Und da half mir David Bowie, mit dem ich ab diesem Zeitpunkt jeden Tag zur Arbeit ging und seine Musik hörte. Es war wie in die Kirche zu gehen, aber ich habe vom Alten Testament nie die Art von Fürsorge oder Trost erhalten, die mir Bowie gab. Und so wurde mir klar, dass der Film durch Bowie höchstselbst entstehen würde, entlang seiner Texte, entlang seiner Musik. Ich musste mich bloß davon leiten lassen, es spüren. Ich konnte am Ende meinen Kindern einen Fahrplan geben, wie sie ein erfülltes Leben führen können. Und ich habe dabei auch gelernt, dass eines der großartigsten Dinge, die Bowie gesagt hat, für mich selbst gelten kann. Bowie sagte: "Es gibt keine Fehler, nur glückliche Zufälle."

Der Film feierte in Cannes Premiere - welche Eindrücke nahmen Sie davon mit?

Den Film in Cannes zu sehen, war ein Erlebnis. Aber es war interessant, dass ich mit 2.300 Leuten im Kino saß und dennoch das Gefühl hatte, dass Bowie ganz allein zu mir sprach, als wäre ich der einzige Zuschauer in diesem Riesenkino, und alles, was er sagte, spiegelte die Erfahrung der letzten fünf Jahre wider, seit meinem Herzinfarkt. Der Film wurde so konzipiert, dass er zum Zuschauer zurückreflektiert. Das heißt: "Moonage Daydream" ist eine Projektion. So wie Bowie selbst. Bowie kann nicht definiert oder erklärt werden, weil Bowie immer mehr war als bloß sein Name. Das war das Geheimnis von Bowie, dass jeder seinen eigenen David Bowie hatte, und er lädt uns ein, unsere eigenen Fantasien auf sich und seine Arbeit zu projizieren. Ich wollte einen Film machen, der das auch tut.

Wie hat Bowie sich selbst gesehen?

Ich glaube nicht, dass er Labels mochte, und ich glaube nicht, dass er es mochte, irgendwie definiert zu werden. Tatsächlich glaube ich nicht, dass Bowie definiert werden kann. Ich denke, Bowie kann man aber deutlich erleben. Bowie feierte das Individuum und ich glaube, dass es genau das ist: Jeder kennt seinen eigenen Bowie, er kann niemals über einen Kamm geschoren werden.