François Ozon gelang im Jahr 2000 der Durchbruch in seiner Filmkarriere mit der Verfilmung eines nie produzierten Bühnenstücks von Rainer Werner Fassbinder, "Tropfen auf heißen Steine". Jetzt kehrt er zu diesen Ursprüngen zurück. "Peter von Kant" (jetzt im Kino) ist eine geschlechtervertauschte Version von Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra Kant" aus dem Jahr 1972, das Fassbinder als klaustrophobisches Kammerspiel anlegte, in dem nur Frauen auf der Leinwand vorkamen. Diesmal sind es (fast) nur Männer: Peter von Kant (Denis Ménochet), ein schwuler Meisterregisseur, verliebt sich in den jungen Schauspieler Amir (Khalil Ben Gharbia), den er berühmt macht. Mit eben diesem Ruhm verändert sich die Beziehung der beiden - und scheitert. Mit Isabelle Adjani castete Ozon eine französische Legende als Peters Muse, Hanna Schygulla, die in Fassbinders Original eine Lesbe spielte, taucht hier als Peters Mutter auf. Ein Film voller Referenzen an das Kino Fassbinders und die 70er Jahre.

"Wiener Zeitung": Monsieur Ozon, welche Bedeutung hat Fassbinder für Sie?

François Ozon: Fassbinder war für mich, gerade am Anfang und in meiner Studienzeit, ein sehr wichtiger Regisseur. Mit der Entdeckung seiner Filme habe ich auch meinen eigenen Weg als Filmemacher entdeckt. Er war für mich wie ein großer Bruder. Ich habe alle seine Filme gesehen und sie haben mich sehr bewegt und tief berührt. Aber sie waren auch ästhetisch und politisch sehr wichtig für mich.

François Ozon liebt Fassbinder und sein Werk. - © Polyfilm
François Ozon liebt Fassbinder und sein Werk. - © Polyfilm

Weder Rückblick noch Fassbinder-Nostalgie sind allerdings die Themen, in denen es in "Peter von Kant" geht.

Das stimmt. Als ich den Text von Fassbinder noch einmal aufmerksam gelesen habe, ist mir aufgefallen, wie universell er ist. Und wie sehr er auch heute noch gültig ist. Es geht um Manipulation, Machtspiele und um Abhängigkeiten. Fassbinder hat sich sicherlich damals auch diese Fragen gestellt, weil er als Regisseur selbst in einer Machtposition war. Mich hat letztlich interessiert, mir selbst all diese Fragen zu stellen - und das mit dem Publikum zu teilen. Und dass Petra nun Peter von Kant ist, ist nicht nur eine genderverdrehte kleine Spielerei, sondern hat einen einfachen und wichtigen Grund.

Sie sagten, Petra sei in gewisser Weise schon immer Peter gewesen.

Ja. Mir ging es nicht darum, diesen wunderbaren Film "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" noch einmal zu drehen. Ich bin da eher wie an ein Bühnenstück herangegangen, das man neu inszeniert und modernisiert in einem anderen Kontext. Ich wollte ausleuchten, wie diese Geschichte heute wirkt und wie es ist, wenn man das Geschlecht verändert. In gewisser Weise wollte ich das Ganze neu übersetzen. Aber gleichzeitig wollte ich auch Fassbinder selbst wiederfinden. Denn er hat sich ja dort - wie so oft - in einem weiblichen Charakter dargestellt. Es ist er, den wir da sahen. Ich wollte zeigen, wie sich die Dynamik in und mit dieser Geschichte verändert, wenn man das umdreht.

Viele Ihrer jüngeren Filme haben aktuelle gesellschaftliche Themen aufgegriffen und heftige Debatten ausgelöst. Glauben Sie, dass dies auch bei "Peter von Kant" der Fall sein wird?

Die Idee für diesen Film war es, eine universelle Geschichte der Leidenschaft zu erzählen, die nach wie vor aktuell ist, indem sie die Beziehungen zwischen Beherrschung, Kontrolle und Unterwerfung in der kreativen Welt und die Beziehung zwischen einer Muse und einem Mächtigen untersucht. Insofern: Ja. Denn darüber sprechen wir schon seit geraumer Zeit.

Wie sind Sie auf Denis Ménochet als Hauptdarsteller gekommen?

Denis, den ich bewundere und gut kenne, nachdem ich mit ihm bei "In ihrem Haus" (2012) und "Gelobt sei Gott" (2018) zusammengearbeitet habe, war der perfekte Schauspieler, um diesen Halbgott auf tönernen Füßen zu verkörpern, diesen Unhold, der gleichzeitig zärtlich und brutal sein kann. Für mich war es wichtig, seine Figur adrett und berührend zu machen, so wie Fassbinder es als Schauspieler in seinen frühen Filmen war, besonders in "Faustrecht der Freiheit" (1975).

Wie war es, mit Isabelle Adjani zu arbeiten? Warum haben Sie sie für diese Rolle ausgewählt?

Ich habe immer davon geträumt, mit Isabelle Adjani zusammenzuarbeiten, und war überzeugt, dass es nie dazu kommen würde. Deshalb war ich hocherfreut, als sie zusagte, und berührt von der Art, wie sie das Drehbuch liebte. Sie war nicht besessen von der Größe ihrer Rolle, sondern von den Dingen, die der Film über Liebesbeziehungen aussagt und die sie sehr gut versteht. Isabelle ist eine faszinierende Schauspielerin, wie ein wertvolles Instrument. Man braucht ihr nur zu sagen: ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger Emotion oder Grausamkeit, und sie führt das mit Anmut aus. Für ihre Rolle haben wir uns von Pascaline Chavanne inspirieren lassen, vom Aussehen der Schauspielerinnen in den 70er Jahren, und von Marlene Dietrich oder Elizabeth Taylor. Isabelle liebt es, Performances zu kreieren, und ich glaube, sie fand es amüsant, diese Rolle einer drogensüchtigen Diva zu spielen, genug Spott zu haben, um eine Schauspielerin zu spielen, die sich so sehr von ihr unterscheidet und gleichzeitig in den Köpfen des Publikums ihr ganz offensichtlich nahe ist. Wie bei Peter gibt es auch in dieser Figur Akzente der Wahrheit, und wir mussten uns trauen, ihre Ironie und Verletzlichkeit zu zeigen.