Wenn man sich anmaßt, eine der größten Legenden der Filmgeschichte für ein Bio-Pic neu zu interpretieren, dann bitte richtig: Ana de Armas hat das ernst genommen und sich komplett in die Aura von Marilyn Monroe begeben, als sie mit Regisseur Andrew Dominik den Film "Blonde" gedreht hat, der nun neu auf Netflix zu sehen ist. Denn darin gibt die 1988 in Havanna geborene Schauspielerin, die man bisher aus "Knives Out" oder "James Bond: Keine Zeit zu sterben" gekannt hat, die berühmteste Blondine der Filmgeschichte. Als Marilyn Monroe trägt sie in "Blonde" groß auf: Die Filmbiografie basiert auf dem im Jahr 2000 erschienenen gleichnamigen Roman von Joyce Carol Oates und verschreibt sich ganz opulent dieser Ikone des Kinos und der Popkultur. Sie ist die Genese des Sexsymbols gewesen, und deshalb hat Regisseur Dominik das alles auch als wuchtige Oper inszeniert, in der es von allem etwas zuviel gibt. Wird "Blonde" dem Bild von Marilyn Monroe gerecht? Mit Sicherheit und viel Pomp, Präsidenten-Affäre mit JFK inklusive, und natürlich mit ihrer Rolle als frühe Feministin, oder mit ihren Drogenproblemen. Der Film zeigt aber auch die zivile Norma Jeane Baker und begleitet sie von ihren Kindheitstagen an.

Für Ana de Armas, die ihre Sache sehr überzeugend macht, ging die Vorbereitung auf die Rolle weit über das hinaus, was man als Schauspielerin gewöhnlich leistet. Man wollte die Ikone nicht entweihen und griff daher zu ungewöhnlichen Mitteln. "Wir haben diese große Karte bekommen und jeder in der Crew hat eine Nachricht an Marilyn draufgeschrieben", erzählte de Armas in einem Interview. "Dann sind wir zum Friedhof gegangen und haben sie ihr aufs Grab gelegt. Wir haben Marilyn gewissermaßen um Erlaubnis gebeten. Alle empfanden eine große Verantwortung, und wir waren uns der Geschichte, die wir erzählen würden, sehr bewusst - der Geschichte von Norma Jeane, der Person hinter dieser Kunstfigur Marilyn Monroe. Wer war sie wirklich?"

Diese Frage wollte auch Regisseur Dominik beantwortet wissen. "Ich habe zwar Dutzende Bücher über Monroe gelesen, und insgesamt sind über 1000 Bücher über sie publiziert worden", sagt der Australier. "Aber ich habe davon nur sehr wenig im Film verwendet. Denn die Buchvorlage von Joyce Carol Oates ist in Wahrheit die Bibel, auf deren Fundament dieser Film gebaut ist".

"Blonde" hat zudem alles, was einen potenziellen Oscar-Kandidaten ausmacht: Da sind die Monroe-Mythen, an denen sich "Blonde" abarbeitet ebenso, wie ihr vermuteter Vaterkomplex und ein paar provokante Momente. Dazu kommt das vorzügliche Spiel von Ana de Armas und die hochkarätige Besetzung des Films bis in die Nebenrollen: Unter anderem sind Lucy DeVito und Adrien Brody zu sehen.

Elf Minuten stehende Ovationen in Venedig

Bei seiner Premiere im Programm des Filmfestivals von Venedig Anfang September gab es für "Blonde" elf Minuten stehende Ovationen. Späte Lorbeeren für ein Projekt, das bereits seit 2010 auf seine Umsetzung wartet. Damals war Naomi Watts als Marilyn Monroe an Bord. Doch die Finanzierung war nicht zu stemmen, das Projekt scheiterte. Als Dominik 2015 Eli Roths "Knock Knock" mit Ana de Armas sah, bekam der Film eine neue Chance. "Ich wusste sofort: Sie ist die richtige Schauspielerin für diese Rolle!", so Dominik. "Ana hat den Film zurück auf die richtige Spur gebracht".

Ana de Armas hat sich der Rolle voll und ganz hingegeben. "Ich spürte sie durch und durch, auch all die Schwere, die sie umgab, und ihre Sorgen und Probleme. All das brachte mich immer wieder zum Weinen. Aber ich wollte das auch nicht abschütteln, denn es half mir, Marilyn zu werden". De Armas ist jedenfalls überzeugt davon, dass die Monroe höchstselbst ihre schützende Hand über die Produktion gehalten hat. "Ich glaube, dass sie sehr nahe bei uns gewesen ist. Wir hatten den Eindruck, sie ist dabei, als wir die Szenen drehten", sagt sie. "Das klingt vielleicht mystisch, aber: Wir haben ihre Präsenz am Set alle gespürt". Ob sich diese Erfahrung auch auf den fertigen Film übertragen hat, kann man ab sofort auf Netflix beurteilen.