Die erfundenen Reportagen und Beiträge von Claas Relotius, die der "Spiegel" abgedruckt hatte, wurden 2018 zum größten Presseskandal in Deutschland seit den gefälschten Hitler-Tagebüchern, denen der "Stern" 1983 auf den Leim gegangen war. Relotius hatte regelmäßig Reportagen aus Krisengebieten völlig frei erfunden und zog diese Masche immer wieder durch - für viele seiner Reportagen erntete er Beifall, für einige auch hochkarätige Journalistenpreise.

Doch die flogen ihm dann um die Ohren, als der Betrug ruchbar wurde. So wie das auch im Film von Michael Bully Herbig der Fall ist, der sich des Themas angenommen und mit "Tausend Zeilen" eine Art Mischung aus Journalismus-Drama und Mediensatire gestaltet hat. Bei Herbig ist das Alter ego von Relotius der Starreporter Lars Bogenius (Jonas Nay), der als angesehener Journalist für ein großes Nachrichtenmagazin namens "Chronik" schreibt. Seine Reportagen unterscheiden sich von jenen anderer Kollegen, weil sie mit Emotionen arbeiten, und somit auch spröde Themen anschaulich, angreifbar und bewegend werden lassen. Seine gefühlvolle Schreibe begeistert die Leserschaft, und Preise gibt es obendrauf. Auch das Verlagshaus frohlockt angesichts sinkender Auflagen, denn die Reportagen von Bogenius sind echte Kaufanreize, und das ist für das Blatt essentiell.

Michael Ostrowski spielt einen Fotografen. - © Warner
Michael Ostrowski spielt einen Fotografen. - © Warner

Elyas M’Barek deckt auf

Aber bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt, und so fällt dem freien Journalisten Juan Romero (Elyas M’Barek) auf, dass es in Bogenius’ Texten immer wieder zu Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten kommt. Diesen will Romero auf den Grund gehen und recherchiert den Recherchen von Bogenius hinterher; das ist kein leichtes und schon gar kein ungefährliches Unterfangen, aber es lohnt sich: Romero entdeckt trotz aller Widerstände den größten Journalismus-Skandal der jüngeren Vergangenheit.

Michael Bully Herbig, der eigentlich für eher spaßige Filme wie "Der Schuh des Manitu" oder "Lissi und der wilde Kaiser" bekannt ist, nahm sich das Buch "Tausend Zeilen Lüge" des Journalisten Juan Moreno zur Vorlage, der darin die Machenschaften des "Spiegel"-Reporters Relotius aufdeckte. Für die Verfilmung von "Tausend Zeilen" hat Herbig den Stoff so adaptiert, dass er teils ernsthaft und dramatisch, teils satirisch von den Vorgängen erzählt.

Das gelingt Herbig vor allem über die Figuren, denen er mal komisches, mal dramatisches Potenzial einhaucht. Vor allem der Schwindler Lars Bogenius, der von blutigen, emotionalen Kämpfen an Mexikos Grenze berichtet, während er diese "alternativen Fakten" ganz entspannt mit einem Mojito vor kubanischer Fototapetenkulisse verfasst, sorgt für launige Momente. Aber auch die "Chronik"-Mannschaft, Chefredakteur und Ressortleiter, gespielt von Jörg Hartmann und Michael Maertens, amüsieren durch ihre heillose Selbstgefälligkeit.

Dumme Lügenpresse?

Als Korrektiv, und damit die gesamte Journalismus-Welt nicht wie eine dumme Lügenpresse aussieht, stellt Herbig den stets korrekten Aufdecker Juan Romero auf; er recherchiert knallhart die Fakten und lässt sich nie zum Aufgeben bewegen. Elyas M’Barek spielt diesen Mann mit einer großen Bodenhaftung, das gibt dem Film eine angenehme Erdung und passt auch zu M’Bareks Image als "the good guy".

Hätte die Geschichte nicht so stattgefunden, man hätte sich zweifellos schwer getan, sie zu erfinden. Das ist der Vorteil von wahren Geschichten: Niemand muss sie sich mehr schlecht als recht ausdenken. Insofern ist "Tausend Zeilen" eine gelungene Verfilmung einer unglaublichen Geschichte, die Herbig kurzweilig mit allerlei Infografiken und Inserts aufpeppt. Das bringt Tempo in die Geschichte, die vor allem von den Fantasie-Storys des Hochstaplers lebt, und die Herbig genüßlich illustriert. Man lernt auch: Korrekte Faktenchecks hätten die Relotius-Karriere womöglich verhindert.