Viele der Filme, die die Viennale heuer zeigen wird, hat Festivalchefin Eva Sangiorgi bei ihren Reisen zu den großen Filmschauen dieser Welt entdeckt: In Cannes, Venedig, Berlin oder Locarno sind die Fundstücke zusammengetragen worden, die nun die Wiener Leinwände mit Filmkunst aus aller Welt erhellen werden. Das "Wiener Journal" hat 22 besondere Filme aus dem Programm ausgewählt und stellt sie Ihnen hier kurz vor. Kartenreservierungen sind unter www.viennale.at und 01 526 594 769 möglich.

El agua


(E/CH/F 2022)
Regie: Elena Lopez Riera
In einem spanischen Dorf kämpfen die Jugendlichen mit Tanzen, Trinken und Rauchen gegen die sommerliche Langeweile. Doch ein bevorstehender Sturm droht den örtlichen Fluss zum Überlaufen zu bringen. Unter den Dorfbewohnern kursiert ein alter Volksglaube, demzufolge einige Frauen dazu bestimmt sind, mit einsetzender Flut spurlos zu verschwinden. Mitten in der elektrisierenden Stimmung vor dem Unwetter leben die 17-jährige Ana und der 20-jährige José ihre noch junge Liebesbeziehung aus – bis der Sturm losbricht. Für ihr Spielfilmdebüt kehrt Regisseurin Elena López Riera an ihren Heimatort zurück.

Les Amandiers


(F 2022)
Regie: Valeria Bruni-Tedeschi
Ein Film über eine Truppe junger Schauspieler, die Ende der 1980er Jahre die Aufnahmeprüfung für die berühmte Schule bestehen, die von Patrice Chéreau und Pierre Romans im Theater Amandiers in Nanterre gegründet wurde. Es ist ein fein austarierter Film über die inneren und äußeren Zustände von jungen Schauspielern, den Bruni-Tedeschi – nicht ohne den Einfluss autobiografischer Erfahrungen – hier auftischt.

Chiara


(I 2022)
Regie: Susanna Nicchiarelli
Susanna Nicchiarellis Historiendrama "Chiara" folgt dem Leben der Heiligen Klara von Assisi und bildet den soliden Abschluss von Nicchiarellis Filmtrilogie über Frauenbiografien. Uraufgeführt wurde der Film beim Filmfestival von Venedig.

Close

"Close" 
- © Cannes 2022/Kris Dewitte, Menuet Prod.

"Close"

- © Cannes 2022/Kris Dewitte, Menuet Prod.

(B 2022)
Regie: Lukas Dhont
Seit sie sich erinnern können, sind Léo und Rémi unzertrennliche Freunde. Den ganzen Sommer über streifen die beiden 13-Jährigen durch Felder und Wiesen, doch mit Beginn des neuen Schuljahres gerät ihre Freundschaft unter Druck. Denn die natürliche körperliche Nähe zwischen den beiden Buben bleibt den Klassenkameraden nicht verborgen. Ein fatales Ereignis bringt hier alles ins Wanken. Mit großer Zärtlichkeit erzählt Lukas Dhont eine herzzerreißende Geschichte.

The Banshees of Inisherin


(IRL/GB/USA 2022)
Regie: Martin McDonagh
Der Film erzählt launig das abrupte Ende einer lebenslangen Freundschaft zwischen Colin Farrell und Brendan Gleeson vor der Kulisse der Westküste Irlands. Großartig: Wie das Ensemble den irischen Dialekt ganz meisterhaft auf die Leinwand bringt. Oscar-Chancen für Farrell: hoch!

Coupez!


(F 2022)
Regie: Michel Hazanavicius
Ein Regisseur (Romain Duris) überschreitet die Grenzen seiner "Kunst", um ein Remake eines japanischen TV-Spektakels zu inszenieren: Live und ohne Schnitt soll in 30 Minuten eine Zombie-Orgie entstehen, das alles kriegt man vorweg zu sehen, ehe Regisseur Hazanavicius die Vorgeschichte zu diesem schrillen und überaus blutigen Filmdreh enthüllt. Es ist in der Tat ein Remake des japanischen Kultfilms "One Cut of the Dead" von Shinichirô Ueda aus dem Jahr 2017, das wiederum auf einem Remake basiert. Dazu gesellt sich eine Metaebene und in Hazanavicius’ Version zudem eine europäische Reflexion auf japanische Befindlichkeiten.

Crimes of the Future


(CAN/GR/GB 2022)
Regie: David Cronenberg
Menschen kreieren in der nicht allzu fernen Zukunft ganz neue Organe in sich selbst, jedoch könnten das auch Tumore sein, jedenfalls aber sind diese Organe tätowiert, und zwar schon im Körper. Dafür sorgt die Unfallchirurgin Caprise (Léa Seydoux), die das an Saul Tenser (Viggo Mortensen) erprobt. Es ist eine Art High-Speed-Evolution, die Cronenberg hier entwirft: Die Menschen haben keine Schmerzen mehr, Viren und Bazillen können ihnen nichts mehr anhaben. In diesem Setting spielen herkömmliche Sinnesvergnügen wie Sex keine Rolle mehr: "Surgery is the new sex", heißt es hier. Das kann man als Kritik am Beauty-Wahn der Gegenwart lesen, aber auch als Ekel-Horror. Cronenbergs Film ist schwarze Komödie wie Film Noir gleichermaßen, es gibt Suspense und Wortwitz, und das Konzept von der "inneren Schönheit" bekommt eine ganz neue Dimension.

Bones and All


(USA 2022)
Regie: Luca Guadagnino
Horror-Romanze über die kannibalische Liebe zwischen Maren (Taylor Russell) und Lee (Timothée Chalamet) - beide entdecken einander über den Geruchssinn, ihre gemeinsame Leidenschaft, Menschen zu essen, ist für sie mehr Zwang als Genuss. Am Ende bleibt natürlich die Frage, wer wen verspeist. Luca Guadagnino inszeniert die kannibalischen Akte exzessiv, wie eine Metapher erzählt der Film über das Einander-riechen-Können in Zeiten pandemischer Vereinsamung.

Les enfants des autres


(F 2022)
Regie: Rebecca Zlotowski
Die Französin Rebecca Zlotowski erzählt autobiografisch von Rachel (Virginie Efira), die jenseits der 40 keine Chance mehr sieht, leibliche Kinder zu bekommen, sich in ihrer Beziehung zu ihrem Freund Ali (Roschdy Zem) aber immerhin als Stiefmutter versuchen kann. Das schlägt allerdings in Frust um, denn die vierjährige Tochter von Ali umsorgt sie zwar, als wäre es ihr eigenes Kind, aber zu viel Emotion in diese Rolle zu legen, birgt große Risiken, wie Rachel schmerzhaft erfahren muss. Der Film fängt Klischees über (späte) Mutterschaft ebenso ab wie er zugleich die Sehnsucht danach befeuert; ein Film, der sein Premierenpublikum zu Tränen rührte.

The Natural History of Destruction


(D/LIT/NL 2022)
Regie: Sergej Loznitsa
Der Dokumentarfilm des ukrainischen Regisseurs bezieht sich zwar nicht auf den aktuellen Kriegskonflikt, handelt aber dennoch vom Krieg und schlägt Parallelen zur Ukraine. Der Film zeigt alte, teilweise noch nie gezeigte Archivaufnahmen der Bombardements der Alliierten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Bomben fielen auf Deutschland, und dabei starben auch unzählige Zivilisten. Loznitsa stellt daher die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, die Zivilbevölkerung als Kriegsmittel einzusetzen – eine aktuelle Frage, die angesichts der Lage in der Ukraine wieder aufgeflammt ist.

R.M.N.


(RO/F/S 2022)
Regie: Cristian Mungiu
Cristian Mungiu ("4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage") und Ruben Östlund ("The Square") zeigen, wie aktuell das Filmschaffen sein kann. Mungiu zeigt in "R.M.N.", die rumänische Abkürzung für Magnetresonanztomografie, das Leben in einem kleinen rumänischen Dorf, in dem eine EU-subventionierte Bäckerei Arbeitskräfte von weiter Ferne anlockt, die dort allerdings mit rassistischen Ressentiments zu kämpfen haben. Mungiu zeigt hier, wie wirtschaftliche Interessen auch die gesellschaftlichen Gefüge ins Wanken bringen können.

Saint Omer


(F 2022)
Regie: Alice Diop
Erster Spielfilm der Dokumentarfilmerin Alice Diop, die mit dem naturalistischen Stil ihrer sonstigen Arbeiten schnörkellos, aber hochemotional erzählt: In Frankreich steht eine Afrikanerin vor Gericht, weil sie ihr Kleinkind am Meer sich selbst überlassen hat und das Kind bei Ankunft der Flut ertrunken ist. Der Prozess nimmt einen großen Teil dieses Dramas ein, Alice Diop hat ihn einem realen Fall nachempfunden, der Frankreich 2013 erschüttert hatte und dem die Regisseurin damals beiwohnte. Durch ihre Augen, respektive durch die Augen einer schwarzen Zuschauerin im Gerichtssaal, rollt Diop nüchtern die Fakten auf und generiert damit große Spannung. "Saint Omer" vertritt Frankreich 2023 bei den Oscars.

Un couple


(F/USA 2022)
Regie: Frederick Wiseman
Der nur etwas mehr als einstündige Film ist ein Geduldspiel, und doch ist Wiseman, dieser seit Jahrzehnten unermüdliche Dokumentarist amerikanischer Lebensrealitäten und sozialer Umstände, in seiner neuen, narrativen Arbeit ganz und gar kurzweilig und hautnah an der Realität einer Liebesbeziehung dran: Jener von Leo Tolstoi und seiner Ehefrau Sophia, gespielt von Nathalie Boutefeu. Die rezitiert hier vor einer Küstenkulisse Briefe der Ehefrau an ihren Mann, in der das Versagen Tolstois als Ehemann und Familienvater offenkundig wird; und auch das Wehklagen einer im Grunde stets übersehenen Frau, die für ihre Familie gelebt hat, dem Ego des Künstlers, ihres Mannes, aber nicht gewachsen war. Ein berührendes Stück Kino.

The Whale

"The Whale" 
- © A24

"The Whale"

- © A24

(USA 2022)
Regie: Darren Aronofsky
Hier geht es um einen Mann, der einst Frau und Tochter verließ, um mit einem anderen Mann zusammenzuleben. Charlie, gespielt von Brendan Fraser, will sich seiner 17-jährigen Tochter wieder annähern, aber das beinhaltet einige Tücken. Eine davon ist auch sein Körpergewicht: Als sein Lover starb, entwickelte Charlie eine trauerbedingte Essstörung und legte auf 270 Kilo zu. Fraser bringt eine famose Leistung in Aronofskys Drama, das auch eine voyeuristische Note in sich birgt: Das Leben mit 270 Kilogramm ist nicht nur auf dem Blutdruckmessgerät (238 zu 134) ein Horrortrip – und das kostet Aronofsky in vielen Einfällen aus, von gestapelten Pizzastücken bis zum Schokoriegel-Massaker. Der Film macht plakativ sichtbar, wie Lebensfrust und Beziehungsunglück auf den Körper wirken können.

Khers Nist


(Iran 2022)
Regie: Jafar Panahi
In Jafar Panahis neuem Film werden zwei parallele Liebesgeschichten erzählt. In beiden werden die Liebenden von versteckten, unausweichlichen Hindernissen, der Kraft des Aberglaubens und den Mechanismen der Macht bedrängt – der Film wurde in Venedig viel beachtet, zumal Panahi im Iran inzwischen in Haft sitzt.

The Listener


(USA 2022)
Regie: Steve Buscemi
Beth ist eine ehrenamtliche Telefonistin, die die ganze Nacht hindurch Anrufe von Menschen mit Problemen entgegennimmt. Dieser Film, der nur an einem Ort gedreht ist, wurde von Kult-Schauspieler Steve Buscemi inszeniert, der mit "Fargo" von den Coen-Brüdern zu Weltruhm gelangte.

Un beau matin


(F/D 2022)
Regie: Mia Hansen-Løve
Einfühlsames Drama von Mia Hansen-Løve: Sandra (Léa Seydoux), eine junge Mutter, die ihre Tochter allein großzieht, besucht oft ihren schwerkranken Vater Georg. Während sie dem Verfall ihres Vaters hilflos zusehen muss, beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre mit einem Mann, den sie aus Jugendtagen kennt.

Tori et Lokita


(B/F 2022)
Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Tori (Pablo Schils) und Lokita (Joely Mbundu) sind allein aus Afrika gekommen und kämpfen heute in Belgien mit ihrer unbesiegbaren Freundschaft gegen die grausamen Bedingungen ihres Exils. Ein wie immer schlichter, aber umso wirkungsvollerer Film der belgischen Regie-Brüder.

Stars at Noon


(F 2022)
Regie: Claire Denis
Die amerikanische Journalistin Trish (Margaret Qualley) sitzt ohne Pass in Nicaragua fest und trifft in einer Hotelbar auf den Briten Daniel (Joe Alwyn). Er scheint ihr der perfekte Mann zu sein, um ihr bei der Flucht aus dem Land zu helfen. Zu spät erkennt sie, dass sie mit ihm in eine noch viel gefährlichere Welt eintritt.

The Eternal Daughter

"The Eternal Daughter" 
- © Mark Asch

"The Eternal Daughter"

- © Mark Asch

(GB 2022)
Regie: Joanna Hogg
Eine Schriftstellerin und ihre Mutter (beide mit britischer Genauigkeit gespielt von Tilda Swinton) begeben sich auf die Suche nach alten, tief vergrabenen Familiengeheimnissen in einem dunklen, opulenten und verlassenen Landhotel, wo sie schnell von der Vergangenheit eingeholt werden. Es gruselt und spukt hier gewaltig, und Hogg basiert die Mutterfigur auf ihrer eigenen Mutter, die zu einer Generation gehörte, die ihre Geheimnisse lieber für sich behielt. Dass das für Widerstände sorgt, zeigt dieser Film auf eine undurchsichtige, durchwegs rätselhafte Weise.