Ruth Beckermanns Dokumentarfilm "Mutzenbacher" gewann bei der Berlinale im Februar in der Sparte "Encounters" den Hauptpreis. Die 70-jährige Regisseurin setzt sich darin mit dem Roman "Josefine Mutzenbacher" auseinander, in dem eine junge Wiener Prostituierte aus ihrem Alltag spricht, und lässt 75 Männer vor ihrer Kamera dazu Stellung beziehen. Ein hochinteressantes und überaus kurzweiliges Experiment mit überraschenden Einblicken in die Sexualmoral einer weiblich betrachteten Männlichkeit, was wiederum zum Spannungsabbau zwischen den Geschlechtern beitragen könnte. Der Film ist launig, entlarvend und überraschend – und einer der Must-Sees der 60. Viennale. Das "Wiener Journal" sprach mit Ruth Beckermann über den Film.

"Wiener Journal": Sie werfen in "Mutzenbacher" neue Perspektiven auf den 1906 erschienenen Roman, indem Sie Männerbilder erfrischend anders zeichnen und das Buch ausschließlich von Männern lesen und kommentieren lassen. Was war die Idee dahinter?

Ruth Beckermann: Nach vielen Recherchen und langem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass dieses Buch ziemlich sicher von einem Mann geschrieben wurde und eine Männerfantasie ist. Da scheint mir logisch, heutige Männer mit einem Text, der älter als hundert Jahre ist, zu konfrontieren. Diesen Text Männern ganz unterschiedlichen Alters zu zeigen und ihn vorlesen zu lassen, war für mich der Untersuchungsgegenstand: Wie wirkt dieser Text heute noch, mit dieser Sprache und mit diesem Inhalt?

Ruth Beckermann, Jahrgang 1952, zählt zu den renommiertesten österreichischen Filmschaffenden. 
- © Katharina Sartena

Ruth Beckermann, Jahrgang 1952, zählt zu den renommiertesten österreichischen Filmschaffenden.

- © Katharina Sartena

Es gibt viele Männer in Ihrem Film, denen es angesichts des Textes die Schamesröte ins Gesicht treibt. Dann gibt es aber wieder welche, die nehmen das völlig abgebrüht wahr. Was hat Sie überrascht?

Es ist immer spannend, wenn ein Mensch einem gegenübersitzt und man sofort, auch wenn man sich das nicht eingesteht, bestimmte Gedanken und Bilder über diesen Menschen hat, und dann kommt etwas ganz Anderes und überrascht einen. Jede Geschichte, jede Assoziation, die dieser Text ausgelöst hat, war überraschend, und der Text war ja gedacht als Trigger, um die Erinnerungen oder Gedanken der verschiedenen Männer herauszukitzeln.

Ist der Roman heute sehr zeitgemäß oder ist er sogar unverschämter als vor 100 Jahren. Was denken Sie?

Ich denke, er war immer unverschämt. Er ist erst 1969 legal erschienen, bis dahin war er verboten, weil er gegen alle Tabus verstoßen hat. Er wurde nur in Raubdrucken verbreitet. Heute wirkt "Mutzenbacher" auf eine ganz andere Art unverschämt, weil er heute auf eine viel bewusstere Gesellschaft trifft. Selbst in meiner Generation wurde ja über Missbrauch nicht gesprochen, das war kein Thema. Heute trifft er vielleicht auch auf eine neue Sprach-Polizei, die sich mit solchen Inhalten und dieser Sprache auch nicht auseinandersetzen will. Aber in der heute sehr wachen Gesellschaft trifft der Film vielleicht auch ein gewisses Bedürfnis.

Hätte den Film ein Mann gemacht und würde sich diesen Unverschämtheiten aussetzen, wäre die Rezeption vermutlich eine völlig andere, oder?

Es kommt sicherlich auf den Mann an, der das gemacht hätte. Aber es wäre jedenfalls ein ganz anderer Film geworden, das ist sicher. Dadurch, dass ich als Frau in dem Film die Fragen stelle, aber nie zu sehen bin, ist das natürlich auch nochmals ein Twist, den man bedenken muss. Man versucht, sich diese Fragenstellerin vorzustellen. Und im Film entstehen natürlich ganz andere Beziehungen zwischen den Männern auf der Couch und der Frau, die sie befragt.

Es ist erstaunlich, wie offen sich manche Männer auf dieser Couch präsentieren, auch durch ihr Nachfragen. Sie haben in einem Interview gesagt, es wäre an der Zeit, dass sich die Frauen intensiver mit den Männern beschäftigen und genauer hinsehen sollten, weil sie das bisher verabsäumt hätten. Wie meinen Sie das?

Es war sicher wichtig für die Generation der Alice Schwarzer und auch für meine Generation, sich einmal mit sich selbst und mit anderen Frauen auseinanderzusetzen, aber ich denke, dass es genauso wichtig ist, die Männer anzuschauen. Außerdem finde ich persönlich sowieso immer interessant, mir den fremden Blick anzusehen. Männer haben fantastische Porträts von Frauen geschaffen, über Jahrhunderte, von der Mona Lisa bis zu Anna Karenina, in allen möglichen Medien. Dagegen gibt es wenige Männer-Gestalten, die von Frauen geschaffen wurden. Über Männer zu schreiben, sie zu fotografieren oder sie zu filmen – da gibt es doch einen großen Aufholbedarf für Frauen.

Das ist sozusagen eine Fortsetzung der Gleichstellung der Geschlechter: Die gleichberechtigte Beschäftigung der Geschlechter miteinander.

Genau, man muss einander anschauen und versuchen, sich ein Stück weit zu verstehen.

Wie haben Sie das Setting mit der Couch entworfen?

Wir hatten ein sehr ökonomisches Konzept, also sehr reduziert. Der Film wurde in einer ehemaligen Fabrik gedreht, wo wir das Studio mit der Couch aufgebaut haben. Ein Klavier gab es auch. Die Couch hatte ich mir von lieben Freunden geborgt. Ich wollte eine absurde, total kitschige Couch haben, aber mehr war für diesen Film nicht nötig. Denn durch die visuelle Reduktion war es möglich, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Wesentliche sind die Gesichter und die Körper der Männer und die Texte des Buches, also die Sprache an sich. Sowohl die Sprache des Romans wie auch die Sprache der Männer. Die Sprache des Romans ist ein Fundus an wienerischen Ausdrücken, die wir zum Teil gar nicht mehr kennen.

Die Situation der Befragung auf der Couch erinnert auch an eine andere Wiener Institution: an Sigmund Freud.

Insofern ist es ein zutiefst wienerischer Film! Viele Arbeiten Freuds sind zu der Zeit publiziert worden, als "Mutzenbacher" erschienen war. Man kann sich gut vorstellen, dass er die Themen kannte, die darin besprochen werden. Freud hatte auch Patienten und Kollegen, die mit sexuellen Problemen kämpften, und teilweise war diese Zeit sehr freizügig, frivol bis hin zu unverschämt. Und natürlich gab es den Missbrauch, überall.

Gibt es etwas an dem Buch, das Sie selbst schockierend fanden?

Man hat das Buch in den verschiedenen Phasen seines Lebens mehr oder weniger schockierend gefunden, manchmal auch spannend oder aufregend. Ich sehe das heute sehr amüsiert und mit Ironie; das Buch ist sehr humoristisch, finde ich heute. Aber das Buch zeigt auch sehr gut, wie das damalige Wien war.

Und an allen Ecken und Enden gibt es den Missbrauch. Der aber vielleicht zur damaligen Zeit gar nicht als solcher gewertet wurde. Weil es eine andere Sensibilität dafür gab.

Vielleicht war auch die Werteskala eine andere. Das Buch wurde ziemlich sicher von einem Mann geschrieben, und ist somit aus einer pseudo-weiblichen Perspektive erzählt. Das ist in vielen Romanen so, dass der Mann quasi in Ich-Form als Frau schreibt. Ich habe viele Frauen befragt, die mir aber versicherten, dass sie dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen haben. Vor allem, weil ein Mann hier den Versuch unternahm, einen weiblichen Charakter zu erschaffen.

Ihr Stil ist schlicht und fokussiert. Was unterscheidet "Mutzenbacher" als Dokumentarfilm von Fernseh-Dokus?

Das Besondere des Dokumentarfilms im Unterschied zum Fernsehen ist, Entscheidungen zu treffen. Nicht alles, was möglich ist, aneinander zu hängen, nicht der Diktion folgen, alles an Material über Geschichte, Schauplätze und Interviews zu verwenden, sondern eine formale Entscheidung zu treffen und auf ein Setting zu fokussieren. Genau deshalb finde ich die Recherche in der Vorbereitung eines Films so wichtig: Um herauszufiltern, was das Wesentliche an dem Thema ist.

Weitere Austro-Highlights bei der Viennale:

EISMAYER
von David Wagner

Zwischen Eismayer (Gerhard Liebmann, l.) und Mario (Luca Dimic) bahnt sich etwas an. 
- © Golden Girls Film

Zwischen Eismayer (Gerhard Liebmann, l.) und Mario (Luca Dimic) bahnt sich etwas an.

- © Golden Girls Film

Es ist eine wahre Geschichte, und eine, die wie gemacht scheint für einen Film: In "Eismayer" berichtet Regisseur David Wagner nicht nur von einem gestrengen Ausbildner beim Bundesheer, sondern auch von dessen unterdrückter Homosexualität. Als sich Vizeleutnant Eismayer (großartig gespielt von Gerhard Liebmann) in den Rekruten Mario (Luca Dimic) verliebt, gerät sein geordnetes und von Disziplin durchdrungenes Leben völlig durcheinander. Seine Vorstellung vom Militärdienst ist mit einer schwulen Liebesbeziehung nicht vereinbar; Eismayer muss erst lernen, dem Ruf seines Herzens zu folgen und sich selbst zu lieben, was vor dem Hintergrund einer traditionellen, auf Vorschriften und Härte getrimmten Bundesheer-Kulisse alles andere als einfach ist.

"Der echte Charles Eismayer war zu meiner Zeit beim Bundesheer eine Legende", erzählt David Wagner im Gespräch mit dem "Wiener Journal". "Jeder kannte seinen Namen, jeder hatte Ehrfurcht vor ihm." Dass der heute 64-jährige Eismayer 2014 seine Beziehung zu seinem nunmehrigen Ehemann Mario Falak öffentlich machte, nachdem er sich kurz zuvor geoutet hatte, war wie ein Paukenschlag. "Die beiden haben damals in Gala-Uniform geheiratet, und für das Bundesheer war das etwas ganz Neues", erinnert sich Wagner, der Charles Eismayer und Mario Falak vor den Dreharbeiten kennenlernte und ausführliche Gespräche mit ihnen führte. Sein Hintergrundwissen bringt Wagner in seine Verfilmung ein – was "Eismayer" zu einer nicht nur glänzend gespielten Suche nach dem eigenen Lebensglück macht, sondern auch das Milieu beim Bundesheer vortrefflich beschreibt. Man ist dort nicht gefeit vor Vorurteilen, aber doch gibt sich das Heer viel weltoffener als man es zunächst vermuten würde.

SPARTA
von Ulrich Seidl

Georg Friedrich (Mitte) in Ulrich Seidls "Sparta". 
- © apa /Ulrich Seidl Film

Georg Friedrich (Mitte) in Ulrich Seidls "Sparta".

- © apa /Ulrich Seidl Film

Vieles ist im Vorfeld über diesen Film geschrieben worden – zumeist ging es dabei um den Vorwurf, Ulrich Seidl hätte beim Dreh in Rumänien Kinder schlecht behandelt und Standards im Umgang mit Mitarbeitern am Set nicht eingehalten. Die Empörung war groß, und Viennale-Chefin Eva Sangiorgi hat beschlossen, den Film ins Programm aufzunehmen. "Sparta", der zweite Teil von "Rimini", den Seidl "Bruderfilm" genannt hat, auch, weil er vom Bruder dieses Schlagerstars Richie Bravo aus "Rimini" handelt. Georg Friedrich spielt diesen Mann, der seine Zeit in Rumänien damit verbringt, mit Kindern eine alte Schule in eine Festung umzubauen, wo gespielt, getobt, gelacht werden kann. Glückliche Kinder eben.

Aber Friedrich spielt eine Figur, die mit ihrer unterdrückten Pädophilie hadert. Weshalb Seidl in Rumänien 2018 lokale Laiendarsteller suchte, "athletische Jungen zwischen acht und 17 Jahren". Bei der Suche soll die Produktionsfirma verschwiegen haben, dass es sich um die Geschichte eines Pädophilen handelt – die Vorwürfe, die der "Spiegel" Anfang September erhob, stehen im Raum, wurden von Seidl aber in etlichen Stellungnahmen zurückgewiesen. "Meine Filme entstehen nicht, indem ich – wie der Artikel im ‚Spiegel‘ nahelegt – Darsteller manipuliere, falsch informiere oder gar missbrauche. Im Gegenteil: Ohne das Vertrauensverhältnis, das wir über Wochen und Monate aufbauen, wären die langen Drehzeiträume meiner Filme gar nicht denkbar. Ich habe größten Respekt vor allen Darstellern und niemals würde ich Entscheidungen treffen, die ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden in irgendeiner Art und Weise gefährden." Es dürfte eine vieldiskutierte Viennale-Premiere werden.

VERA
von Tizza Covi und Rainer Frimmel

Vera Gemma (l.) spielt sich in "Vera" selbst. 
- © Vento Film Productions

Vera Gemma (l.) spielt sich in "Vera" selbst.

- © Vento Film Productions

Giuliano Gemma war ein schöner Mann. Und nicht nur deshalb ein italienischer Filmstar. Er drehte Western, stieg in seiner Heimat zur Ikone auf. Seine Tochter Vera verwaltet ein schweres Erbe. In ihrer Familie war es immer en vogue, hübsch auszusehen, adrett dazustehen und – einfach Filmstartochter zu sein. Tizza Covi und Rainer Frimmel ("La Pivellina") haben über Vera einen Film gemacht, mit ihr in der – man muss es so sagen – "Hauptrolle". Ein semidokumentarisches Porträt einer Frau, das auch inszeniert ist, mit genauem Drehbuch, weil Vera in Italien auch ein Showstar ist, und man nie genau weiß, was sie spielt und was real ist.

Doch der Film ist mehr als ein Porträt: Es verhandelt auch den Schönheits-Begriff, der Italien in seiner ganzen Pracht immer wieder in Beschlag nimmt – von der Misswahl im TV bis zur Bellezza in den Frauenmagazinen. "Wir haben Vera als Person sehr schnell in eine Ecke gestellt", sagt Tizza Covi. "Denn wie Vorurteile eben sind, man entkommt ihnen zu einem gewissen Grad nicht." Doch das Filmer-Paar ist reflektiert genug, nicht in die Falle zu tappen, aus "Vera" eine Ansammlung von Klischees zu einem Film zu montieren, sondern man hat hier den Eindruck, dass die Persönlichkeit dieser Figur in allen Facetten abgebildet wird. "Vera lebt im Schatten ihres Vaters, und sie lebt ein Leben, das typisch ist für die Gegend um die Via Condotti in Rom", sagt Rainer Frimmel. "Das ist ein gewisser Anspruch, den sie hat, zugleich ist sie sehr demütig. Letztlich ist sie ein Kind der High Society Roms." Dennoch ist Vera Gemma auch eine Überlebende des Systems, die sich mit harten Bandagen und Schönheits-OPs den eigenen Status erarbeitet hat.

Der feinfühlig inszenierte Film, der die Viennale eröffnen wird, besticht vor allem durch seine intensive Nähe zur Protagonistin Vera, die sich den Filmemachern gänzlich zur Verfügung stellt. Das hat – wenn man Vera Gemmas Background einbezieht – etwas Nahbares und Künstliches zugleich.