Seit Wochen kommt die Causa Ulrich Seidl in den Medien nicht zur Ruhe: Hat Seidl, wie ein "Spiegel"-Artikel behauptete, am Set zu seinem neuen Film "Sparta" tatsächlich den Schutz seiner Kinderdarsteller vernachlässigt, sie gar gefährdet oder traumatisiert? "Sparta" feiert am Freitag bei der Viennale seine Österreich-Premiere, Seidl wird als Gast erwartet. Im Vorfeld sprach er mit der "Wiener Zeitung" über seine Sicht der Dinge.

"Wiener Zeitung": Herr Seidl, die Dreharbeiten zu "Sparta" sind bereits drei Jahre her, und kurz vor der Premiere sind Sie mit Anschuldigungen konfrontiert worden, die der "Spiegel" veröffentlicht hat. Wann haben Sie davon erfahren?

Ulrich Seidl: Ich habe am Montag, bevor diese "Spiegel"-Ausgabe herausgekommen ist, zu Mittag eine Mail von dem Journalisten-Team bekommen, mit einem Fragenkatalog von 40 Fragen, wobei jede Frage noch Sub-Fragen hatte und überhaupt jede Frage wie ein Vorwurf formuliert war. Man gab mir nur bis Mittwoch Abend Zeit zu antworten, parallel dazu haben diverse Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von mir Ähnliches bekommen, auch mit speziellen Fragen. Mich hat das aus heiterem Himmel getroffen, ich wusste gar nichts.

Wie sind die "Spiegel"-Reporter auf diese Geschichte gestoßen? Wer hat sie informiert?

Da gibt es Vermutungen. Wahrscheinlich handelt es sich um Teammitglieder, die nur sehr kurz bei dieser Produktion mitgearbeitet haben, beim eigentlichen Dreh gar nicht dabei waren oder die später eingestiegen und nach drei, vier Tagen wieder verschwunden waren. Die waren vier Tage dabei, nicht direkt am Set und offenbar zu wenig informiert oder kannten die Umstände dieser Dreharbeiten nicht, wie sich später herausgestellt hat. Aber das wusste ich alles nicht. Und die haben Beobachtungen gemacht, speziell bei dieser einen Szene, in dem das Kind weint.

Weil es vor der Kamera Alkohol trinken sollte?

Genau. Wobei in dem Schnapsglas ja natürlich Wasser war, was aber diese Kurzzeitmitarbeiter natürlich nicht wussten. Sie wussten auch nicht, dass sich die Darsteller und das Kind alle schon längere Zeit kannten. Und so haben die ihre Schlüsse gezogen. Wie sich herausgestellt hat: lauter falsche Schlüsse. Sie haben auch gar nicht rückgefragt bei mir oder beim Produktionsleiter. Sie waren der Meinung, hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Hier werden die Kinder sozusagen missbräuchlich verwendet.

Wieso haben diese Mitarbeiter fast drei Jahre gewartet, bis sie damit zum "Spiegel" gegangen sind?

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Es gab dann noch weitere Informanten, zumindest eine Dolmetscherin, die auch mit den Journalisten gesprochen hatte. Jedenfalls ist alles, wofür ich hier beschuldigt wurde, bis heute nicht bewiesen. Offenbar hatte der "Spiegel"-Artikel eine ganz bestimmte Absicht. Das war kein Bericht, der versuchte, die Wahrheit zu finden, sondern man wollte eine ganz bestimmte Geschichte schreiben. Neben dem Artikel erschien eine Illustration, in der suggeriert wurde, dass hier am Set dieses Films ein Kind in gebückter Haltung von einer großen Männerhand missbraucht wird. Ich fand diese Art der Illustration eine Grenzüberschreitung sondergleichen.

Der Film handelt von einem Mann, der seine pädophilen Neigungen unterdrückt, weil er kein Täter werden will.

Auf der einen Seite hat er diese Neigung, bei der sich sofort jeder Zuschauer abwendet. Andererseits erzählt der Film doch auch von einem Menschen, der leidet, dessen Leiden man nachvollziehen kann und für den man Empathie empfindet. Es ist eine Gratwanderung für das Publikum.

Wäre der "Spiegel"-Bericht anders ausgefallen, hätten die Journalisten den Film vorab gesehen?

Da bin ich nicht sicher, denn der Film ist das eine, seine Entstehung das andere. Natürlich wird der Film auch etliche Vorwürfe in Nichts auflösen, weil man ja sieht, dass nichts von dem, was in den Raum gestellt wurde, darin vorkommt. Hier gibt es keine sexualisierten Szenen oder Konfrontationen mit Gewalt. Davon ist der Film ja weit entfernt.

Dann untersuchen wir die Machart genauer: Da gibt es eine Szene in Rumänien mit Georg Friedrich und einigen Kindern im Auto, bei der Ihnen vorgeworfen wurde, Sie hätten die Kinder einem Risiko ausgesetzt. Das Auto fährt auf eine Wiese und Georg Friedrich lässt es sich immer wieder um die eigene Achse schleudern. Ein Mitarbeiter von Ihnen wurde zitiert, dass es in Österreich unmöglich wäre, solche Szenen zu drehen.

Wieso sollte das unmöglich sein?

Ein mit Kindern überfülltes Auto, das sich immer wieder rasend schnell dreht?

Die Journalisten vom "Falter", die diese Szene beschrieben haben, wandten eine ähnliche Methode an wie der "Spiegel". Nur sollte ich deren Fragenkatalog innerhalb eines halben Tages beantworten. Und meine Erklärung dazu ist: Diese Wiese, auf der das Auto sich um die eigene Achse dreht, ist eine private Wiese. Das Auto dreht sich eher langsam, und Georg Friedrich kann das sehr gut, das Auto um die eigene Achse drehen. Bei dem Take, in dem die Kinder mit im Auto waren, war also niemand gefährdet. Dann gab es noch einen weiteren Take, bei dem das Auto gegen einen kleinen Pfosten im Boden stieß – hier war Georg Friedrich aber allein im Auto und es gab einen kleinen Blechschaden. Weit und breit war nichts, wo das Auto hätte abstürzen oder dagegen prallen können.

Also es stimmt nicht?

Es stimmt nicht. Ich wäre doch wahnsinnig, wenn ich die Kinder oder die Darsteller oder die Crew irgendwelchen Gefahren physischer oder psychischer Natur aussetzte! Also wenn ich so eine Szene drehe, dann weiß ich, da wird nichts passieren, dafür trage ich die Verantwortung.

Dann ist da die schon angesprochene Szene mit dem weinenden Kind, das von seinem Film-Vater gezwungen wird, Alkohol zu trinken. Sie haben ja schon gesagt, dass da kein echter Alkohol im Glas war, muss man nicht erwähnen. Das ist ja am Filmset sowieso klar.

Der "Spiegel" hatte anfangs in seinem Fragenkatalog sehr wohl behauptet, dass da echter Alkohol drinnen war. Das hat mein Rechtsanwalt sofort erwidert und dann haben sie es nicht geschrieben, jedoch war das eigentlich in der Geschichte schon drinnen. Wie viele andere Halb- oder Unwahrheiten auch. Nicht jede lässt sich korrigieren, vor allem nicht in so kurzer Zeit.

Aber wie dreht man eine Szene, in der ein Kind weinen soll? Muss man es dazu emotional in diese Lage bringen? Das ist ja auch einer der Vorwürfe. Es ist bekannt, dass Regisseure mit Emotionen arbeiten, um ihren Schauspielern gewisse Reaktionen zu entlocken. Aber das sind nun mal Erwachsene.

Das Kind hatte von mir die Inszenierungs-Ansage, dass der Stiefvater böse zu ihm ist und ihm Angst machen soll. Man sagt dem Kind, dass es Angst spielen soll, dass der Stiefvater ihm seine väterliche Autorität zeigen wird. Mit dieser Ansage im Kopf wird die Szene gedreht. Dass da kein Schnaps, sondern nur Wasser drin ist, wusste das Kind. Aber es ist dann folgendes passiert, was ich erst im Nachhinein erfahren habe: Das Kind ist plötzlich sozusagen aus der Rolle hinaus getreten und hat an seine Mutter gedacht. Dass die Mutter glauben könnte, dass er echten Schnaps getrunken hätte vor der Kamera. Deshalb hat der Bub zu weinen begonnen. Das war nie die Vorgabe und hätte keinesfalls sein müssen, sondern ist zufällig passiert. Und wir haben die Mutter später auch darüber informiert und aufgeklärt.

Um meine Arbeit mit Kindern zu beurteilen, muss man wissen, dass es eine lange Vorbereitungszeit auf den Dreh gab, damit sich alle kennenlernen konnten. Die Kinder stammten allesamt aus den Dörfern der Umgebung. Im Vorfeld werden alle diese Darsteller immer wieder zusammengebracht, damit sie sich aneinander gewöhnen, damit sie in ihre Spiel-Rollen hineinwachsen, miteinander sprechen. Die Mutter im Film ist ja nicht die wirkliche Mutter, der Stiefvater nicht der wirkliche Stiefvater. Es ist ja ein Spielfilm. Aber es muss natürlich wirken, denn sie spielen ja eine Familie. Außerdem muss man wissen, dass die kritisierte Szene nicht als erste Szene für diesen Film gedreht worden ist, sondern dass es davor schon etliche andere Drehtage mit den Darstellern und dem Kind gab. Bei dieser Szene wurde das Bild von mir arrangiert, die Kamera stand zwei Meter davon entfernt, der Raum war sehr klein und nur die allerwichtigsten Mitarbeiter konnten in diesem Raum anwesend sein: Kameramann, Tonmann, eine Dolmetscherin und ich – und eben die drei Darsteller. Das andere Team ist weit entfernt, draußen im Freien. Allerdings könnte genau das auch zu den Missverständnissen um die Szene geführt haben.

Haben Sie den Eltern der Kinder genau erklärt, welche Szenen Sie drehen wollen und was der Kontext ist?

Ja, sie kannten den Inhalt des Films, natürlich nicht jede Szene, aber sie wussten, wer der Protagonist ist und was seine Geschichte ist. Und auch, was das für die Kinder bedeutet. Die Kinder wurden von unserer Produktion am Ende jedes Drehtags nach Hause gebracht, was logistisch aufwändig war, weil sie aus vielen verschiedenen Dörfern stammten, aber es war wichtig, damit sie wieder in ihre vertraute Umgebung zurückkehren konnten. So gab es die Möglichkeit, dass die Kinder und ihre Eltern sich über alles austauschen konnten - auch das ist für mich ein Beweis, dass es für die Kinder nie unangenehm am Set gewesen ist, sonst hätten sie den Eltern wohl davon erzählt. Dass das Kind aus der Szene mit dem Schnapsglas an dem Tag nach Hause gefahren ist und dann erbrochen hat, wurde vom "Spiegel" so ausgelegt, als wäre das Kind traumatisiert worden. Das empfinde ich als böswillige Unterstellung, weil die Mutter uns bestätigt hat, dass ihr Sohn manchmal erbricht, wenn er müde ist. Man kann Zusammenhänge natürlich ganz bewusst herstellen, aber sie werden deshalb nicht wahrer.

Der "Spiegel" hat sich die Mühe gemacht und ist zur Recherche nach Rumänien gefahren. Das haben Sie kürzlich auch getan, um die Familien wieder zu besuchen. Mit welchem Zweck?

Ich hatte mich über einen langen Zeitraum nach dem Dreh nicht mehr bei den Familien gemeldet oder den Kontakt gepflegt, einerseits wegen der Pandemie, andererseits, weil die Schnittarbeit so lange gedauert hat. Das war ein großes Versäumnis, dafür habe ich mich entschuldigt.  "Sparta" war immer als ein Teil eines Gesamtwerkes mit "Rimini" gedacht. Es gibt auch eine Schnittfassung dieses Films, in dem beide Geschichten erzählt werden. Erst beim Schnitt habe ich gemerkt, dass man daraus zwei Filme machen könnte, und das hat gedauert. Der Kontakt zu den Kindern ist dadurch verloren gegangen, weil der Film nicht fertig wurde, und in dieses Vakuum sind offensichtlich die Recherchen der Journalisten gekommen und haben Befürchtungen bei den Leuten ausgelöst. Zum Beispiel dass Filmbilder mit ihrem Kind auf einer Sex-Internetseite erscheinen könnte. Das hat mir eine der Mütter erzählt. Und weil sie von uns so lange nichts gehört hatten, kamen Zweifel und Ängste auf. Ich bin sofort nach Bekanntwerden des "Spiegel"-Artikels nach Rumänien gefahren, um die Eltern zu besuchen und Gespräche zu führen. Niemand hatte den Film bis dahin gesehen. Ich habe ihn allen Eltern gezeigt, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Da gab es eine große Erleichterung bei allen Beteiligten, weil sie nichts gesehen haben, was sie vielleicht befürchtet hatten. Aber diese Vernachlässigung hätte mir nicht passieren dürfen, das ist mir auch zuvor noch nie passiert.

Wie kann man sich das Drehbuch zu "Sparta" vorstellen? Ist es wieder eine Szenensammlung ohne Dialoge, die Sie da mit Veronika Franz verfasst haben?

Es gibt keine geschriebenen Dialoge in meinen Drehbüchern. In keinem. Das war schon immer so. Neu war hier, dass dieses Script zunächst die beiden Filme "Rimini" und "Sparta" von der Struktur her in einem Buch vereinte. Und dass wir erst hinterher die Filme getrennt haben. Es gibt bei mir immer wieder Situationen, in denen ich Szenen drehe, von denen ich noch nicht genau weiß, wo sie im fertigen Film landen werden. Auch, wie ein Film anfängt oder endet, ist nicht immer ganz klar definiert. Es gibt viele Möglichkeiten. Deswegen dauert der Schnitt auch meistens sehr lange. Einiges ist nicht im Drehbuch, ergibt sich beim Dreh. Es gibt im Film eine Schneeballschlacht, mit Georg Friedrich und etlichen Buben. Die Schlacht ist inszeniert, weil Friedrich weiß, was er tun soll und die Kinder gecastet sind. Was aber genau vor der Kamera passiert und wohin die Schneebälle fliegen, ist Zufall.

Gibt es vor der Wien-Premiere des Films bei Ihnen eine spürbare Anspannung aufgrund der Vorwürfe?

Ich vertraue da ganz auf den Film. Ich hoffe auch, dass der Film für sich selbst spricht und das Publikum das auch sieht. Ich habe da ein gutes Gefühl. Die Umstände können leider nicht mehr rückgängig gemacht werden. Jeder, der diesen Film sieht, wird die Mediengeschichte dazu im Hinterkopf haben.

Eine grundsätzliche Frage: Ist die Arbeit an einem Filmset nicht diametral entgegen dem Verständnis einer demokratischen Gesellschaft organisiert? Schließlich gibt es eine starke Hierarchie am Set, und am Ende entscheidet einer über alles: Der Regisseur.

Man kann das provokant formulieren, so wie ich es oft an Schulen gesagt habe: Film ist nicht Demokratie. Aber eine Hierarchie zu haben, ist per se nichts Schlechtes. Um miteinander zu arbeiten, ist es gut, eine Ordnung zu haben, sonst funktioniert das nicht. Hierarchien gibt es überall, im Staat, im Büro, in der Schule. Es ist nur der Missbrauch dieser Machtverhältnisse schlecht, egal, ob in Kirchen, im Altersheim, bei den Pädagogen. Das Problem ist nicht das System, sondern der Mensch, der es missbraucht.

Braucht es mehr Regularien in der Filmbranche, um Missbrauch einzudämmen?

Ich glaube nicht, dass man in der Filmbranche jetzt noch mehr Regulative einziehen muss, sondern man muss selbst verantwortlich sein, reflektieren und offen schauen, ob es Probleme gibt und sie ansprechen. Es ist eine Verantwortung, ob ich meine Macht missbrauche oder nicht. Wieso muss es noch jemanden geben, der von außen drauf schaut? Wir sind heute eine durch und durch kontrollierte Gesellschaft, die alles dokumentieren und kontrollieren will. Wo geht das hin? Wo hat das Grenzen? "Sparta" hat Elemente wie die pädophile Neigung des Protagonisten, arme Kinder in Rumänien, Machtgefälle, aus denen eine Skandalgeschichte konstruiert werden kann – auch wenn der Film das tatsächlich gar nicht hergibt. Niemand war interessiert daran, wirklich nachzuprüfen, wie die Dreh-Verhältnisse waren. Sonst hätte man mich gefragt und nach allen Seiten recherchiert. Es ging dabei nicht um die Wahrheit, sondern darum, jemand in Misskredit zu bringen. Das war rufschädigend. Man hat meine ganze Arbeit in Misskredit gezogen unter dem Deckmantel der Moral. Man wird schnell vorverurteilt in unserer Zeit. Menschen, die anonym verdächtigt werden, ohne dass die Schuld bewiesen ist, werden vorverurteilt, das empfinde ich als höchst undemokratischen Zugang.