Bei der Viennale war Werner Herzog diese Woche der Stargast: Der 80-jährige deutsche Kultregisseur, dem die Filmgeschichte Werke wie "Fitzcarraldo", "Aguirre, der Gott des Zorns" oder "Die Höhle der vergessenen Träume" verdankt, stellte in Wien seine neuen Dokus "Die innere Glut" und "Theater of Thought" vor - und ist auch im persönlichen Gespräch von der hohen Qualität seiner Arbeit überzeugt. Er hat mehr als 70 Filme gedreht und auch ein neues Buch mitgebracht.

Regisseur Werner Herzog auf Wien-Besuch: Die Filme, die heute zu sehen sind, "sind zu einem großen Teil bestenfalls mittelmäßig". 
- © Katharina Sartena

Regisseur Werner Herzog auf Wien-Besuch: Die Filme, die heute zu sehen sind, "sind zu einem großen Teil bestenfalls mittelmäßig".

- © Katharina Sartena

"Wiener Zeitung": Herr Herzog, die Viennale zeigt den Dokumentarfilm "Radical Dreamer", den Thomas von Steinaecker über Sie gedreht hat. Wovon träumen Sie?

Werner Herzog: Eigentlich träume ich fast nie. Das ist seltsam, aber es ist so. Wenn es hochkommt, träume ich ein-, zweimal im Jahr. Aber es gibt in meinem Leben ein Äquivalent zu den Träumen, und das sind meine Filme. Ich empfinde das immer als Vakuum, wenn ich in der Früh aufwache und nicht geträumt habe. Deshalb mache ich Filme, um diese Leere zu füllen.

Inwiefern sind Ihre Träume radikal, wie das der Filmtitel suggeriert? Sie hatten nie die Angst, mit ihrer Kunst anzuecken.

Das stimmt. Das war immer schon so. Aber die Reduktion auf nur diesen Begriff "radikal", die gelingt mir selbst nicht, dafür muss jetzt Thomas von Steinaecker den Kopf hinhalten.

Kürzlich sagten Sie sinngemäß, die Filme bei Festivals wie in Berlin und Cannes waren zu 90 Prozent Schrott. Schon eine radikale Ansage.

Sagen wir so: Ich setze mich gerne einmal in die Nesseln, aber das in Prozent auszudrücken, wieviele Filme Schrott sind, ist natürlich Unsinn gewesen. Doch wir wissen aus Erfahrung, dass es pro Ernte ja eigentlich nicht mehr als vier oder vielleicht fünf ganz großartige Filme pro Jahr gibt, und zwar weltweit. Als ich angefangen habe, gab es fünf oder sechs Festivals. Cannes, Venedig, Berlin, Locarno und ein, zwei andere. Heute sind es 4.500, aber pro Jahr haben wir nicht 4.500 großartige Filme, sondern nach wie vor eine Handvoll. Deshalb sind auf diesen Festivals viele Filme zu sehen, die eben nicht so toll sind oder mittelmäßig oder überhaupt Schrott. Wenn Sie im Internet nachschauen, was da an Filmen gezeigt wird, dann stellen Sie fest, dass das fast durchgängig ganz schwache Qualität ist. Zu sagen, 90 Prozent sind Schrott, war übertrieben, aber ein großer Teil ist eben bestenfalls mittelmäßig.

Entsteht dieses Mittelmaß vor allem, weil es heute Streaming-Anbieter gibt, die Content statt Filme produzieren?

Ja, das ist einer der Gründe. Aber das Problem ist vielschichtig. Sehen Sie sich Hollywood an: Vieles ist großartig gemacht, mit Special Effects hat man das Unfassbare möglich gemacht. Die Stars bringen die Massen ins Kino. Aber auf das Storytelling hat man vergessen. Es gibt heute keine Filme mehr, die wie "Casablanca" sind, wo das Storytelling passt. Hollywood hat sich zum Teil von diesem Storytelling wegbewegt, und deswegen sucht die Filmindustrie auch immer wieder Kontakt zu mir, weil ich eigentlich gut bin im Geschichtenerzählen. Große Filmevents füllen die Kinos, und das ist auch gut so. Denn davon leben viele Branchen. Es gibt Spielzeug und Kaffeetassen mit Darth Vader drauf. Damit habe ich kein Problem, aber es braucht wieder mehr gute Geschichten im Kino. Ich glaube aber, dass man Hollywood nicht unterschätzen darf. Die Übermacht ist immer noch da: Wenn Sie heute auf den Philippinen, in Kasachstan oder in Uruguay ins Kino gehen, dann sehen Sie dort mit Sicherheit einen Hollywood-Film.

Ihr neuer Dokumentarfilm "Theatre of Thought" beschäftigt sich mit den Fähigkeiten des menschlichen Gehirns. Was hat Sie daran interessiert?

Es ging mir darum, zu zeigen, wie wir in kulturellen Normen leben, von den Azteken über die Maja bis heute - wir alle leben in einem Kollektiv, das Normen respektiert. Das Gehirn ist dafür verantwortlich, die Normen zu formen, es hat die Fähigkeit, Menschen zusammenleben zu lassen. Es gibt aber auch Hirnforscher, die sich mit dem Gedankenlesen beschäftigen oder bereits telepathische Fähigkeiten untersucht, wo auch über weite Distanzen Menschen Dinge "befohlen" werden können. Ich denke, jeder Geheimdienst der Welt ist an solchen Technologien interessiert, leider. Es wird dahin gehen, dass wir neben dem Recht auf freie Meinungsäußerung bald auch ein Menschenrecht für die Freiheit der eigenen Gedanken erkämpfen werden müssen. Das ist in Gefahr, die Entwicklung geht rasant und Öffentlichkeit und Politik sind nicht darauf vorbereitet.

Unterscheiden Sie zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen, wenn sie drehen?

Nein, denn meine Dokumentarfilme sind Spielfilme in Verkleidung. Ich mache ja bei meinen Dokumentarfilmen Dinge, die man eigentlich nur bei Spielfilmen macht: Ich mache ein Casting, ich wiederhole Szenen, ich erfinde dazu oder ich verändere Fakten. In der Weise, dass sie der Wahrheit näherkommen als die Realität. Ich mache das nicht, um das Publikum zu betrügen, sondern um mein Thema zum Leuchten zu bringen.

Wer Ihr filmisches Werk studiert, merkt schnell, dass jeder Film zumindest eine Art Herzog-Moment hat.

Ich glaube, man erkennt schnell, dass man in einem Herzog-Film sitzt. In zehn Sekunden wissen Sie, dass Sie in einem Film von Ingmar Bergman sitzen, nach 30 Sekunden wissen Sie, Sie sitzen in einem Film von Bunuel. Ich möchte mich jetzt mit keinem der beiden vergleichen, aber sie merken das relativ rasch, dass Sie in einem Film von mir sitzen. Weil ich zuletzt mehr Dokus gedreht habe, glauben alle, ich mache keine Spielfilme mehr. Aber das stimmt nicht: Ich habe in den vergangenen zehn Jahren neben den fünfzehn Dokus auch fünf Spielfilme gedreht. Und zwei Bücher geschrieben.

Apropos Buch: In ihrem neuen Buch "Jeder für sich und Gott gegen alle" versammeln Sie Erinnerungen.

Vorsicht, schauen Sie nicht so sehr auf die Inhalte, es ist sehr viel Lyrisches im Buch, etwa Balladen vom kleinen Soldaten oder Visionen von der Welt. Deswegen ist das ja auch keine Biografie, das ist was anderes.

Es gibt darin auch einen Herzog-Moment, nämlich, dass das Buch mitten im Satz aufhört.

Ich habe das im Vorwort erklärt, weil sonst die Hälfte der Käufer das Buch verärgert an den Verlag zurückschicken würden, weil sie glauben, es sei unvollständig. Dabei habe ich mitten im Satz aufgehört zu schreiben, als ich vor meinem Fenster einen Kolibri beobachtet habe. Da dachte ich, das Buch ist jetzt genau, an dieser Stelle, zu Ende. Das war so nicht geplant, aber lesen Sie es selbst, ich will nicht zuviel verraten, doch es ist schön zu lesen, denke ich.

Einer Ihrer stärksten Reibebäume war Klaus Kinski, mit dem Sie fünf Filme drehten, darunter die Klassiker "Aguirre, der Gott des Zorns" oder "Fitzcarraldo". Was blieb von dieser stets elektrisierten Zusammenarbeit?

Die Zeit hat den großen Vorteil, dass sie unsere Erinnerungen verändern kann. Acht Jahre nach Kinskis Tod habe ich den Film "Mein liebster Feind" gemacht, und da ist wenig übrig von unseren Auseinandersetzungen, sondern der ist auf einmal ganz warmherzig und humorvoll. Bis heute hat sich das wieder verändert. Nicht entscheidend, aber ich sehe vieles heute mit Humor. Wir haben eine gute Arbeit miteinander gemacht, das wussten wir auch beide.

Spürt man am Set, wenn einem ein großer Wurf gelingt?

Ja, das weiß man, das weiß auch das Team sofort und deswegen machen Team und Schauspieler Sachen mit, die schwierig sind. Das heißt: Bei "Aguirre" lebten wir auf Flößen. Wir hatten keinen elektrischen Strom, wir ernährten uns, wenn wir gerade in irgendeinem Indianerdorf ein paar Yuccas und ein paar getrocknete Fische fanden. Und wir tranken abgekochtes Flusswasser. Das machten alle deswegen mit, weil jeden Tag klarer wurde, dass wir gerade etwas völlig Außerordentliches erschaffen.

Herr Herzog, danke für das Gespräch.

Ich möchte gerne noch etwas zu Ihrer Zeitung sagen. Ich staune, dass Ihre Zeitung seit 1703 ununterbrochen existiert. Wie großartig! Das ist beinahe unfassbar, die am längsten existierende Tageszeitung der Welt! Ich wünsche Ihnen eine lange Überlebenszeit, obwohl gekämpft wird. Ich weiß das, ich habe Ihre Situation verfolgt. Und ich unterstütze Sie ausdrücklich bei Ihren Bemühungen, diese Zeitung zu retten.