Manchmal imitiert die Kunst das Leben, manchmal aber auch das Leben die Kunst. Ein Beispiel für Letzteres waren die Halloween-Nacht in Linz und auch die Tage danach: Rund 200 vorwiegend jugendliche Personen hatten randaliert, Feuerwerkskörper gezündet und damit auch die Oberleitung der Straßenbahn beworfen, sodass der Strom abgeschaltet wurde. Die Polizei verhaftete neun Personen, bei Dutzenden wurden Identitätsfeststellungen durchgeführt. Die Randalierer sollen sich vorab via Social Media organisiert haben - als Vorbild dafür nannten die Teilnehmer den Film "Athena" von Romain Gavras, der seit 23. September auf Netlix zu sehen ist und davor bei seiner Premiere beim Filmfestival von Venedig durchwegs gute Kritiken bekommen hatte. "Morgen wird Linz zu Athena" war da in Online-Postings, etwa auf TikTok, zu lesen, und die Schar an Leuten, die zu Halloween auf die Linzer Straßen ging, hat den Inhalt des Films ein Stück weit Realität werden lassen.

Eine in dieser Form ganz neue Art des Protests. Romain Gavras hat bisher Videoclips für M.I.A. oder Jay-Z gedreht und ist der Sohn von Filmkunst-Ikone Constantin Costa-Gavras. In früheren Filmen hat man ihm Gewaltverherrlichung vorgeworfen, "Athena" wiederum verherrlicht Gewalt eher nicht, wenngleich er viel davon zeigt. Aber "Athena" begreift sich als Kunstfilm, als "Arthaus"-Produktion, und damit ist Romain Gavras endlich da, wo er immer hinwollte: Im elitären Zirkel europäischer Filmemacher, die man auch bei Festivals wie Venedig ernst nimmt und beklatscht.

"Athena" erzählt von den Brüdern Karim, Abdel und Moktar, die in einer der Pariser Banlieues leben und den Tod ihres Bruders beklagen. Sie machen dafür die Polizei verantwortlich, gegen die sie entsprechend rüde zu Felde ziehen; auch, wenn bald ruchbar wird, dass nicht die Polizei den Tod des Bruders zu verantworten hat, sondern rechte Gruppen, wird die Straßenschlacht im Verlauf des Films sehr blutig, und die Polizei kann nur mit viel Mühe und etlichen Opfern die Oberhand zurückgewinnen.

Vernetzung modern

Dass derlei Plots für reale Vorkommnisse auf den Straßen sorgen, ist relativ neu, was auch an der Technik liegt, mit der sich sonst einander Unbekannte im Internet heute vernetzen können. Hashtags und Schlagworte führen oftmals dazu, dass sich hier Sympathisanten finden, die zuvor gar nicht für möglich hielten, einer größeren Gesinnungs-Gruppe anzugehören. Das war schon bei den Corona-Demos so, wo junge Mütter Seite an Seite mit Rechtsradikalen demonstrierten.

All das ist auch ein Zeichen der Zeit: Nach Pandemiejahren und während eines Krieges schrumpfen die Perspektiven für viele junge Menschen, ihr Frust und ihr Hass entladen sich über Ventile, die die bisherige Gesellschaftsordnung so noch nicht gekannt hat. Das ist auch die Botschaft von Gavras’ "Athena": Die Gründe für das Auszucken ihrer Protagonisten bleiben ebenso vielgesichtig wie diffus: Manchmal regiert der Hass auf Frankreich, manchmal ist es einfach nur eine "Gaudi", dem Staat den Marsch zu blasen. Sicher ist: Für die Psychologie der Behörden gibt es einiges zu tun, sollten solche Imitationen der Kunst Schule machen.