Das Wiener Staatsballett hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Publikum mit einem - ja, man kann schon sagen - einem Rundumtanzpaket zu versorgen. Die Aufführungen in der Volksoper und Staatsoper werden unter anderem von der Tanzfilmreihe "Dance Movies", die am Sonntag, 6. November startet, begleitet. "Die Filmreihe ist ein Punkt in einem Gesamtpaket, um als Staatsballett mit dem Publikum einen Dialog zu führen, und unseren Spielplan und die Künstler, die wir vorstellen, noch aus anderen Perspektiven zu zeigen", sagt Anne do Paco, Kuratorin der "Dance Movies" und Chefdramaturgin des Wiener Staatsballetts. "Wir suchten Spielfilme oder Dokumentationen, die unseren Spielplan noch ergänzen", so do Paco weiter. Es gehe aber nicht darum, betont die Chefdramaturgin, einfach nur Filme zum Programm zu zeigen, sondern diese auch in einen aktuellen Kontext zu stellen und für einen Diskus zugänglich zu machen. "Deshalb gibt es im Anschluss noch eine Gesprächsrunde mit dem Publikum, bei dem entweder Tänzer und ehemalige Tänzer aus der Kompagnie oder, wenn möglich, die Choreografen zugegen sind."

Balanchines Erbe

Gezeigt werden in diesem Rahmen drei Dokumentationen und ein Spielfilm: "Balanchine‘s Classroom" (Filmcasino, 6. November) wurde erstmalig 2020 in den USA veröffentlicht und "hat für Furore gesorgt". Denn diese Dokumentation zeigt bisher unveröffentlichtes Archivmaterial sowie Interviews mit Tänzerinnen und Tänzern, die mit George Balanchine (1904-1983), dem Gründer des New York City Ballet und Pionier der Neoklassik im Ballett, mehr als 50 Jahre zusammen gearbeitet haben. "Es ist eine Dokumentation, die bis heute in den USA intensiv diskutiert wird. Im Jänner kommt mit dem Ballettabend ,Siebenter Himmel‘ Balanchines ,Symphony in C‘ zurück auf unsere Bühne", erklärt die Kuratorin den Zusammenhang zur Filmwahl. Im Februar ist in "Liebeslieder" dann "Liebeslieder Walzer" des Meisterchoreografen zu sehen.

"Die beiden anderen Dokumentationen ,Paul Taylor: Dancemaker‘ (5. Februar, Filmcasino) von Matthew Diamond und ,Mister Gaga. Der Choreograf Ohad Naharin‘ (23. April, Filmcasino) von Tomer Heymann gehen einen anderen Weg, weil sie die beiden Künstler über einen längeren Zeitraum live begleitet haben und somit die Arbeitsweisen gezeigt werden", beschreibt do Paco: tiefgründige Ergänzungen zu Taylors "Promethean Fire", das im Februar in der Volksoper gezeigt wird, und Naharins "Tabula Rasa", das im April 2023 im Rahmen von "Goldberg-Variationen" zu sehen sein wird. In der Taylor-Dokumentation aus dem Jahr 1998 sei interessant nachvollziehen zu können, wie damals gearbeitet wurde. Der 2018 verstorbene Choreograf sowie seine Tänzerinnen und Tänzer verbrachten etwa auch Weihnachten miteinander, sie lebten in einem Nahverhältnis, fast einer Familie gleich. "Die Doku zeigt deutlich die damalige Lebenseinstellung der Künstler."

Nurejews Doppeljubiläum

Und wie Taylor gründete auch Naharin seine eigene Kompagnie, doch der Öffentlichkeit bleibt er fern: "Naharin gibt sehr selten Interviews. Er hat es nie gestattet, dass ein Film über ihn gedreht wird. Seine Stücke dürfen auch nicht gestreamt werden. Das ist sehr schade für unsere Premiere, die wir normalerweise streamen. So gibt es nur ganz wenige, ausgewählte Aufnahmen einiger Stücke und eben diesen Film, in dem er auf schonungslose Weise offenbart, wie er arbeitet, wie er sich künstlerisch zur Welt verhält. Sehr, sehr interessant", ist do Paco überzeugt.

Und zu Rudolf Nurejews Doppeljubiläum 2023, nämlich seinem 30. Todestag und 85. Geburtstag, wird der Spielfilm "The White Crow" (12. März, Filmhaus) gezeigt: "Da passt dieser Film sehr gut, denn ab Juni steht auch wieder sein Ballett ,Don Quixote‘ auf dem Programm des Staatsballetts", so do Paco.