David Cronenberg kehrt zurück zu den Themen, die ihn dereinst weltbekannt gemacht haben: In "Crimes of the Future" dreht sich alles um Body-Horror, ein Subgenre des Horrorfilms, in dem vor allem die Körperlichkeit der Protagonisten im Mittelpunkt steht. In "Crimes of the Future" ist das vor allem: Saul Tenser (Viggo Mortensen), ein berühmter Performance-Künstler, der mit seiner Partnerin Caprice (Léa Seydoux) die Metamorphose seiner Organe in avantgardistischen Performances öffentlich zur Schau stellt. Dabei geht es recht meditativ zu, und Cronenberg nutzt die Atmosphäre für eine Kombination aus Organ-Fetischismus und Body-Optimierung einerseits, sowie Zukunftsvision und Gegenwartskritik andererseits. Alles an diesem Film ist sehr speziell, aber unverkennbar: David Cronenberg.

Der kanadische Regisseur entführt sein Publikum in eine nicht näher verortete Zukunft, in der die Menschen keine Schmerzen mehr kennen, Viren und Bazillen können ihnen nichts mehr anhaben. Die Evolution hat sich auf die Überholspur begeben, und die Menschen produzieren ihre neuen Organe einfach in sich selbst. Jedoch könnten diese Organe auch Tumore sein, das weiß man nicht so genau, jedenfalls aber sind sie tätowiert, und zwar schon im Körper.

Im Setting dieser Organzüchtung spielen herkömmliche Sinnesvergnügen wie Sex keine Rolle mehr: "Surgery is the new sex", heißt es hier. Operationen sind der neue Sex. Und so geht es auch recht blutig zu in "Crimes of the Future", in dem die Skalpelle des Öfteren Benutzung finden - der Horror entsteht hier beim Mitansehen der vielen Schnitte. Das kann man als Kritik am Beauty-Wahn der Gegenwart lesen, aber auch als Ekel-Horror, bei dem der Körper selbstständig Organe bildet, ohne zu wissen, wofür. Cronenberg schrieb das Drehbuch zu "Crimes of the Future" bereits 1998, zu einer Zeit, als man sich die Problematiken der Menschheit nicht in dem Ausmaß vorgestellt hat, wie wir ihnen heute gegenüberstehen. Unter diesem Vorzeichen ist "Crimes of the Future" ein wegweisender Film.

Bildliche Eleganz

Cronenberg gibt seinem Publikum Rätsel auf, und selbst hart gesottene Fans seiner Kunst dürften an "Crimes of the Future" zu nagen haben - die Vielschichtigkeit seiner Geschichte unterstreicht Cronenberg mit einer bildlichen Eleganz (Kamera: Douglas Koch), die ihresgleichen sucht. Solche Bilder braucht es, um deren Explizität abzumildern, selbst im Horror-Universum David Cronenbergs. Gleich zu Anfang erstickt eine junge Mutter ihren plastikessenden Buben mit einem Kopfpolster, was sich erst im weiteren Verlauf aufklärt, aber dennoch eine Fußnote im Gesamtkonzept des Films bleibt. Überhaupt ist "Crimes of the Future" vollgestopft mit Ideen und Metaphern, Einfällen und Thesen, die jede für sich einen eigenen Film füllen könnte. Cronenberg gibt seinem Publikum leider nicht die Zeit, sich mit diesem Einfallsreichtum genauer auseinanderzusetzen.

Es geht um die Evolution und die damit einhergehenden Veränderungen in der Gesellschaft; um bissige Komik und horrible Tragik; um Schönheitsideale und die eigene Zurschaustellung. Sicherlich kein Film, den man als Berieselung rezipieren kann, und schon gar nicht kann man ihn auf die leichte Schulter nehmen. Denn Cronenberg verwebt auch einen Handlungsstrang über eine von Lang Dotrice (Scott Speedman) geführte Gruppe in den Film, die sich einem noch deutlich radikaleren Evolutionsverständnis verschrieben hat und die Weiterentwicklung der Menschheit noch mehr beschleunigen will - mit nicht absehbaren Folgen.

So richtig aus einem Guss wirkt "Crimes of the Future" zu keiner Zeit. Viele Versatzstücke aus dem Werk des Kultregisseurs ergeben eine unsaubere, fragmentarische Collage aus Schock, Bodyhorror, schwarzer Komödie und Film Noir. Cronenberg nutzt den Vorteil, dass die Themen, die die Gegenwart erobert haben - und die so beängstigend sind, weil sie Bruch, Veränderung und Entwicklung implizieren -, auch die Themen sind, um die sich seine Filmografie dreht: die Verwandlung von Körpern, Identitäten und die physischen, psychologischen und moralischen Implikationen von Veränderungen. Es ist ein schwer fassbarer Film. Erst die Zeit wird zeigen, ob er seiner Zeit voraus gewesen ist.