Eine Reise durch das Leben der Elfriede Jelinek ist immer auch eine Reise durch österreichische Zeitgeschichte und Befindlichkeiten. Die Autorin und Nobelpreisträgerin hat sich in ihrem Werk abgearbeitet an den Zuständen in diesem Land, an der Symptomatik, Österreicher zu sein in einem Umfeld, das von Tradition und abwegigem Gedankengut geprägt ist, ebenso wie von Dilettantismus und politischer Dummheit. Ein Befund, der fast wie eine Österreichbeschimpfung klingt, aber er drängt sich einem auf, wenn man den ganz hervorragenden Dokumentarfilm "Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen" (derzeit im Kino) von Claudia Müller auf sich wirken lässt.

Müller montiert ein vielschichtiges Porträt aus Archivaufnahmen und Interviews mit Jelinek zu einem dichten Kompendium, das ihr Werk ebenso berücksichtigt wie ihre Wahrnehmung als öffentliche Person, die als Nestbeschmutzerin bezeichnet wurde und sich deshalb aus der Öffentlichkeit mehr und mehr zurückzog. Müller lässt aber auch die Elfriede Jelinek der Gegenwart sprechen, auf der Grundlage eines auf Tonband aufgezeichneten Gesprächs von 2021. Vor die Kamera Müllers wollte Jelinek aber nicht, da bleibt sie ihrem Rückzug aus der Öffentlichkeit treu.

Sensible Textauswahl

Dennoch ist der Film sehr nahe an seiner Protagonistin, das liegt auch an der sensiblen Auswahl an Texten, die Claudia Müller ausgewählt hat; viele davon werden von einer Reihe prominenter Schauspieler wie Ilse Ritter, Sandra Hüller, Stefanie Reinsperger, Sophie Rois, Maren Kroymann und Martin Wuttke vorgetragen.

Müller grast die verschiedenen Stationen in Jelineks Leben ab, von der Geburt in Mürzzuschlag über ihr Aufwachsen in Wien bis zu den ersten Erfolgen als Schriftstellerin. Ihre Mutter habe sie immer angelogen als Kind, erzählt Jelinek, weil sie sie zufriedenstellen wollte. Der Mutterkomplex, den es im Leben der Schriftstellerin gibt, zieht sich auch durch ihre Arbeiten. Genau wie der Umgang der Österreicher mit der Vergangenheitsbewältigung, mit der Nazi-Zeit und mit der Sexualität; lange Zeit oszilliert Jelinek in diesem Spannungsdreieck, ist in alle großen Debatten zu diesen Themen involviert, arbeitet sich ab an Sprache und Sexualität, an den Roma-Morden, an Jörg Haider, an Claus Peymann und Einar Schleef, die "Das Sportstück" zur Uraufführung brachten, einer der Höhepunkte in Jelineks Schaffen, das sie aber zur Angriffsfläche ihrer Gegner werden ließ. Ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit, er hat hier seinen Ausgang genommen.

"Kaum eine andere Schriftstellerin hat die Gemüter je so polarisiert, wie Elfriede Jelinek. Kaum eine andere Künstlerin erfährt so viel öffentliche Wahrnehmung wie sie. Über kaum eine andere Schriftstellerin wird mehr geforscht und geschrieben. Sie wird beschimpft und beleidigt, verehrt und gewürdigt, und hat für ihre Arbeiten sämtliche Auszeichnungen erhalten, die die Literatur- und Theaterwelt zu vergeben hat", sagt Claudia Müller über ihren Untersuchungsgegenstand.

Die Autorin und ihr Umfeld

Sie macht nachvollziehbar, wie sich das Werk und die Persönlichkeit von Elfriede Jelinek in der Nachkriegszeit zu dem herauskristallisierte, was 2004 in die Verleihung des Literaturnobelpreises mündete.

Mindestens ebenso intensiv wie die Schilderungen über Jelinek sind in der Doku auch die Erklärungsversuche ihres Umfelds. Ein Film, der sich um Literatur dreht, aber auch um dieses Österreich, das sich über all die Jahrzehnte hinweg nicht und nicht selbst finden konnte, sondern stets in einem Sumpf aus politischer Korruption, rechten Ideologien und gespielter Glückseligkeit verblieben ist.

Irgendjemand musste das aufschreiben, irgendjemand musste das thematisieren und kritisieren. Elfriede Jelinek hat es getan.