Roland Emmerich ist in die Filmgeschichte als "Master of Desaster" und Blockbusterkönig eingegangen, von ihm stammen Filme wie "Independencec Day" (1996), "Stargate" (1994) oder "The Day After Tomorrow" (2004) - allesamt Milliarden-Erfolge an den Kinokassen und längst Kultfilme im US-Kino der Gigantomanie. Heute backt Emmerich, 67 Jahre alt, deutlich kleinere Brötchen. Zwar sind Regiearbeiten wie "Moonfall" (2022) immer noch im Genre der Desastermovies ansässig, jedoch bringen sie nicht mehr die Einspielergebnisse seiner größten Hits. Weshalb Emmerich in seiner Eigenschaft als Produzent umtriebiger geworden ist. Heute verleiht er sogar einer Opernverfilmung den Charme eines Blockbusters: In "The Magic Flute" (ab 18. November im Kino), wo er als ausführender Produzent fungiert, erzählt Regisseur Florian Sigl eine Fantasyfilm-Variante von Mozarts bekanntester Oper. Kino trifft auf Klassik - ein für Emmerich längst fälliges Erfolgsrezept, wie er beim Gespräch in Zürich erklärte.

"Wiener Zeitung": Herr Emmerich, Sie sind vor allem bekannt für Ihre erfolgreichen Blockbuster und Desaster-Movies. Wieso interessiert sich jemand wie Sie für Mozarts "Zauberflöte"?

Roland Emmerich: Als ich im Gymnasium war, habe ich dort mit 15 oder 16 die "Zauberflöte" für mich entdeckt. Ich habe damals eine Aufführung gesehen und seither ist "Die Zauberflöte" meine Lieblingsoper. Und ich dachte, warum kann man diese tolle Oper nicht in einen Fantasy-Film übersetzen und dem Publikum gleichzeitig auch ein bisschen Musikunterricht erteilen? Daraus entstand die Idee zu "The Magic Flute". Wir wollten die Musik verfilmen, sie zu einem Leinwandspektakel machen.

Sie sind als "Executive Producer" mit an Bord des Projekts, das ist ein Titel, der eigentlich nichts bedeutet in Hollywood. Man ist dann mehr oder weniger ein Schirmherr über das Projekt.

Genau. Man könnte sagen, ich habe das Projekt betreut während der Entwicklung. Ich habe mich sehr stark eingebracht in die Drehbucharbeit, ich habe neue Autoren ins Team gebracht, wollte, dass es ein internationales Autorenteam ist, kein rein deutsches. Es gab 23 Drehbuchfassungen, die ich allesamt begleitet habe, für mich ist diese Schirmherrenschaft ein wichtiger Teil des Prozesses in der Stoffentwicklung. Tim Fehlbaums Film "Hell" ist zum Beispiel bei mir in meiner Küche in London entstanden, beim Kochen. Für mich ist es gut, Stoffe zusammen zu besprechen und auch ein bisschen zu fördern. Eine deutsche Komödie oder politische Filme sind nicht so mein Ding, aber so ein Film, der musikalisch daherkommt wie "The Magic Flute", das ist genau meins. Oder auch Science Fiction wie von Tim. Das hat für mich einen großen Anreiz.

Besteht der Anreiz auch darin, hier klassische Musik und also Hochkultur den jungen Kinobesuchern schmackhaft zu machen, die Kultur also zu verpacken als eine große Show?

Genau so ist es, und da ist natürlich die "Zauberflöte" wie gemacht dafür. Ihre fantastische Geschichte ist für einen Fantasy-Film perfekt, und wenn man sich ansieht, welche Zuschauerzahlen die Opernübertragungen aus der MET weltweit in den Kinos erreichen, dann ist auch klar, dass klassische Musik im Kino eben super funktioniert. Produzent Christopher Zwickler sagte zu mir: Kannst du dir das vorstellen, dass die da nur eine Kamera in ein Opernhaus stellen, und so viele Menschen schauen zu? Natürlich ist "The Magic Flute" ein ganz anderer Film geworden als eine Opernübertragung, aber das war der Ursprung zu der Idee, eine Oper ins Kino zu bringen.

Das Setting in einem Internat erinnert optisch ein wenig an die "Harry Potter"-Filme.

Das ist natürlich beabsichtigt, denn man will ja das Publikum irgendwo abholen, und unsere Schauspieler haben auch diese Internats-Uniformen, alles sieht recht vertraut aus, und dann gibt es aber gleich einige Überraschungen. Zum Beispiel, dass es da einen Jungen gibt, der gerade seinen Vater verloren hat. Das ist eine Szene, die ich erfunden habe, weil ich wusste, dass die Story noch keinen Anfang hatte, von dem aus der Junge auf eine Reise geht. Der Schulleiter wird von F. Murray Abraham gespielt, was natürlich eine Referenz an den Film "Amadeus" von Milos Forman ist, wo Abraham Mozarts Widersacher Antonio Salieri gespielt hatte. Der Film ist voll von solchen Ideen.

Roland Emmerich beim Gespräch in Zürich: "Marvel-Filme könnte ich nicht machen, weil da verstehe ich nicht, worum es eigentlich geht." 
- © K. Sartena

Roland Emmerich beim Gespräch in Zürich: "Marvel-Filme könnte ich nicht machen, weil da verstehe ich nicht, worum es eigentlich geht."

- © K. Sartena

"The Magic Flute" ist eine deutsche Produktion. Sie produzieren längst nicht mehr alle Ihre Filme in Hollywood. Wieso nicht?

Ich habe mich im Grunde immer gesträubt dagegen, nach Hollywood zu gehen. Und andererseits habe ich auch davon geträumt. Es war immer eine Hass-Liebe. Es war nie nur ein Traum, denn ich wollte mich von Beginn meiner Karriere an auch für den deutschen Film engagieren. Ich dachte früher, wir müssen auch mal was anderes machen, nicht nur Fassbinder-Filme.

Sie haben dann ja auch was anderes gemacht, nämlich einige der ikonischsten Blockbuster der Filmgeschichte, darunter Ihr erfolgreichster Film "Independence Day".

Ja, das war halt so damals, aber wir haben keine Ahnung davon gehabt, wie erfolgreich dieser Film werden würde. Wir haben uns das schon gewünscht, aber wir hatten keine Idee von den Dimensionen. Das war damals der zweiterfolgreichste Film aller Zeiten. Unglaublich.

Aber das war nicht zuletzt Ihrer Strategie geschuldet, nicht mit fixen Studios zu arbeiten, sondern selbständig Projekte zu entwickeln und sie dann an den Meistbietenden zu versteigern. Ist das immer noch so?

Ja, das mache ich immer noch so. Und ich habe auf diese Weise jetzt gerade eine TV-Serie angeboten, denn mit dem Filmemachen wird es langsam schwieriger für mich. Es wird altmodischer. Ich könnte zum Beispiel keine Marvel-Movies drehen, weil da verstehe ich überhaupt nicht, worum es eigentlich geht. Das betrifft im Grunde sämtliche Comicbook-Movies. Das ist überhaupt nicht mein Ding. Man hat mir auch die ganz großen Sachen angeboten, "Harry Potter" und so, aber ich wollte die nicht machen, denn ich wollte meine eigenen Stoffe entwickeln, und das hat auch eine Zeit lang gut funktioniert. Aber jetzt geht das nicht mehr. Jetzt will man nur mehr Serien.

Welche Serie ist das, die Sie gerade entwickeln?

Ich kann inhaltlich noch nichts Konkretes verraten, aber es geht um Gladiatoren im alten Rom. Die Serie wird in Cinecitta bei Rom gedreht werden, denn dort gibt es unzählige Sets aus den alten Sandalenfilmen, die man noch benutzen kann und nicht erst neu bauen muss. Die alten Kulissen von "Ben Hur" und all diesen Filmen, die sie dort gedreht haben, sind toll in Schuss. Und die Stages für die Dreharbeiten sind riesig und stehen teilweise leer. Ideal also für unser Projekt. Wir können alles Vorhandene benutzen, da ist fast 50 bis 60 Prozent schon da, und man braucht heute auch viel weniger Equipment als früher, denn mit modernen Kameras kannst du bei Kerzenlicht drehen, was früher unmöglich war. Die Produktion einer solchen TV-Show wird also deutlich einfacher. Die Serie ist schon verkauft, noch nicht weltweit, aber ziemlich gut.

Eigene Stoffe zu entwickeln, das macht Sie eigentlich mehr zu einem Autorenfilmer als zum Blockbuster-Fabrikanten.

Das stimmt. Das sage ich selbst auch immer. Ich bin mehr Autoren-Filmer als alles andere. Ich verwirkliche nur etwas andere Stoffe, als man gemeinhin mit dem Begriff verbinden würde. Aber auch ich musste mich umorientieren in der Branche, denn sie hat sich ziemlich verändert. Ich meine, noch vor zwei oder drei Jahren konnte man noch nach Cannes gehen und dort am Filmmarkt einen Film verkaufen. Das kann man heute nicht mehr. Niemand will mehr einen Film kaufen.

Auch die Desaster-Movies nicht mehr?

Nein, dieses Genre kommt auch nicht mehr zurück, es ist tot. Heute gehen Filme wie "Don’t Look Up", die mit prominenter Besetzung, aber wenig Special Effects gemacht werden. Die Zeit der Blockbuster in diesem Genre ist vorbei.