Die Behauptung, dass Kunst von Können kommt, stößt mitunter an Grenzen. Selbst wenn sich auch noch ein akutes Wollen einstellen sollte, werden diverse Meisterwerke nur unter Schmerzen geboren.

Im Dokumentarfilm "Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song" von Daniel Geller und Dayna Goldfine wird der große kanadische Songpoet Leonard Cohen diesbezüglich berichten: "Ich weiß noch, wie ich in Unterwäsche auf dem Teppich lag, mit dem Kopf gegen den Boden hämmerte und sagte: ,Ich kann nicht mehr.‘" Und: "Das alte Beat-Motto ,der erste Gedanke ist der Beste‘ hat für mich nie funktioniert. Es gibt fast keinen ersten Gedanken. Es beruht alles auf Schweiß."

Genese und Fortleben

Außer Schweiß dürften auch diverse Hektoliter Tränen und Rotwein geflossen sein, während der Liedermacher an seinem Meisterwerk feilte - und zu keinem Ende fand. Die Arbeit daran zog sich über insgesamt sieben Jahre und füllte Notizbücher mit Entwürfen für 150 Strophen. "The baffled king composing ,Hallelujah‘", das bedeutete vor allem: Schreiben, überarbeiten, in die Tonne werfen - und alles wieder von vorn. Kein anderer Song seines Werkkatalogs spiegelt Leonard Cohens lebenslanges Ringen als (spirituell Heils-)Suchender und Zweifler vor dem Herrn eindringlicher als dieser. Dass nun auch die Entstehung des Dokumentarfilms sieben Jahre in Anspruch genommen hat, darf als Pointe für sich gewertet werden.

Daniel Geller und Dayna Goldfine beleuchten die Genese und das Fortleben des Songs und liefern die Lebensgeschichte seines Schöpfers als Kontext mit. Der Jungpoet mit der Gitarre, der Dichterfürst auf Hydra, der Gebeutelte im Studio mit Phil Spector, der Zen-Mönch vom Mount Baldy, der um sein Vermögen Betrogene, der gefeierte alte Mann mit Hut auf Comebacktour, der ewig Weise und zärtlich Milde, der lächelnd über seine "seltsame Karriere und Randexistenz an der Seitenlinie der Musikszene in den letzten 30 Jahren" erzählt . . .

Um dem Song auf den Grund zu gehen, haben Geller und Goldfine einerseits Interviews mit Freunden, Wegbegleitern und Kollegen wie dem Musikjournalisten Larry "Ratso" Sloman, der Fotografin Dominique Issermann oder dem Produzenten John Lissauer geführt, die sich als auskunftsfreudige Talking Heads erweisen. Und sie haben andererseits tief ins Archiv gegriffen und keine Lizenzmühen gescheut, um ihre Oral History mit Originalaufnahmen zu bereichern.

Zu den Höhepunkten gehören neben Slomans bis in die 1970er Jahre zurückreichenden Diktiergerätmitschnitten vor allem die alten Aufnahmen des demnächst 101-jährigen großen Autors, Dokumentarfilmers und Zeitzeugen Georg Stefan Troller. Der ringt Cohen eine unveröffentlichte "Hallelujah"-Strophe und das Schluss-Statement ab: "Man sieht sich um und erblickt eine Welt, die keinen Sinn ergibt. Entweder erhebt man die Faust oder man sagt ,Hallelujah‘. Ich versuche, beides zu tun."

Der Mode trotzen

Die Geschichte von "Hallelujah" geht übrigens so: Als Cohen die Arbeit am Text endlich doch noch beendet hat und auch das dazugehörige Album fertig eingespielt ist, wird dieses von der Plattenfirma Columbia Records abgelehnt. Die anschließende Veröffentlichung von "Various Positions" im Jahr 1985 über ein Kleinlabel erreicht das Publikum nicht. Die Karriere von John Lissauer ist gelaufen. "Hallelujah" bleibt weitgehend unbekannt, bis Coverversionen von John Cale (1991), Jeff Buckley (1994) sowie seine Verwendung im Animationsfilm "Shrek" (2001) für einen nicht mehr erwarteten Popularitätsschub sorgen. In die US-Charts steigt die Originalversion erstmals nach Leonard Cohens Tod am 7. November 2016 ein. Wie der Dokumentarfilm belegt, handelt es sich bei "Hallelujah" damals schon längst um einen Klassiker in den Fußgängerzonen der Welt, der letztlich auch in der Casting- und Talentshowszene reüssiert.

Somit leistet der schöne Film, mit dem man dem Meister noch einmal ganz nahe kommt, nicht zuletzt eines: Er zeigt, wie man die Zeit überdauert - und selbst im Showgeschäft Moden trotzt. Musik von Leonard Cohen ist Musik für die Ewigkeit. Sie ist gekommen, um zu bleiben.