Die Sprache des Kinos, sie hat ihre Lautstärke, ihre Vehemenz und ihre Sensationslust von ihrem Ursprung, als die laufenden Bildern noch Jahrmarktattraktionen waren. Im Prinzip hat sich der Mainstream diese Funktion erhalten; er hat das Blockbusterkino herausgebildet, der seinem Publikum maximalen Schauwert garantieren soll. Die einstige Jahrmarktattraktion lebt im Prinzip bis heute von diesen Schauwerten; gerade muss sich das Kino nach einer harten Pandemie und großen Zuschauer-Rückgängen neu finden - vor allem in der Konkurrenz zu den Streaming-Diensten wird dieses Wettlaufen um die besseren Schauwerte immer schwieriger.

Dem diametral zuwider gelaufen sind die Filme von Jean- Marie Straub und Danièle Huillet. Das Paar widersetzte sich standhaft dem Kommerz und den erzählerischen Konventionen, die man aus Hollywood kennt. Huillet ist bereits 2006 verstorben, ihr Mann Straub starb nun am Sonntag im Alter von 89 Jahren in seiner schweizerischen Wahlheimat Rolle. Straub und Huillet hatten eine besondere Bedeutung für die Viennale, denn der verstorbene Langzeit-Viennale-Chef Hans Hurch hatte eine innige Beziehung zu dem Paar – er selbst fungierte in seiner Jugend als Regieassistent bei einigen Filmen des Paares, und Hurch zeigte auch alle Filme von Straub/Huillet bei der Viennale. Er widmete ihnen 2004 gemeinsam mit dem Filmmuseum gar eine vollständige Werkschau unter dem Titel "Die Früchte des Zorns und der Zärtlichkeit".

Ein radikales, rigoroses Filmemachen

Straub, der sein Handwerk als Assistent von Jean Renoir und Robert Bresson gelernt hatte, pflügte gemeinsam mit Huillet eine ganz eigene Spur durch das Kino des 20. Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt das Reale und die Ausdrucksmittel zu seiner Darstellung und Vermittlung stehen: Ein radikales, rigoroses Filmemachen, bei dem das Überflüssige dem Wesentlichen weicht. Eine Partitur, die niemals zuviele Noten enthielt, immer nur die gerade notwendigen. Die Filme von Straub und Huillet, die oftmals mit Laiendarstellern entstanden, scheuen das Spektakel und preisen die Einfachheit. Es ist zutiefst politisch, propagiert und belehrt aber nie.

Nach ihrem Debüt von 1963, dem antimilitaristischen Kurzfilm "Machorka-Muff", haben Straub und Huillet mit ihrem ersten Lang-Film "Chronik der Anna Magdalena Bach" (1967) ihre erfolgreichste Arbeit vorgelegt, die sich mit Johann Sebastian Bach befasste. Ihre Filme standen oft im Dienste der Literatur, des Theaters, der Musik und der Malerei und sind kraftvolle Neuinterpretationen von bedeutenden Persönlichkeiten wie Bach, Kafka, Mallarmé, Pavese, Brecht, Engels, Cézanne, D. W. Griffith und vielen anderen, die alle einer strengen Ethik des Blicks verpflichtet sind.

Zuspitzung von Dramatik

Ihr Film "Die Augen wollen sich nicht zu jeder Zeit schließen oder Vielleicht eines Tages wird Rom sich erlauben seinerseits zu wählen" war 1970 ein Höhepunkt der Zuspitzung von Schauspiel und Dramatik: Hier rezitierten in altrömischen Kostümen verkleidete Darsteller das Theaterstück "Othon" von Pierre Corneille vor der Kulisse des modernen Roms.
Es ist eine gewisse Rigorosität, mit der das Paar seine Stoffe auf die Leinwand brachte; gepaart mit einem großen Freiheitsdrang in Ausgestaltung und Machart sind viele der Filme von Straub und Huillet Vorboten einer künstlerischen Freiheit, die durch das digitale Arbeiten mit Film heute wichtiger denn je erscheint.
Wenig verwunderlich, dass das Werk der beiden immer noch Regisseure beeinflusst und in den letzten Jahren auch große Retrospektiven im MoMa in New York, im Centre Pompidou in Paris und im Museo Reina Sofia in Madrid stattgefunden haben. Mit dem Tod von Jean-Marie Straub geht ein Kapitel Filmgeschichte zu Ende, das man dank solcher Retrospektiven aber immer wieder neu lesen kann.