Da kehrt einer in seine Heimat zurück, in mentaler Aufgeregtheit, verkopft, fantasiereich und auch symbolträchtig. Alejandro G. Iñárritu ("Babel", "Birdman", "The Revenant") ist ein Regisseur, der 2001 nach Los Angeles ging und seither fünf Oscars gewonnen hat. Es war eine kometenhafte Karriere für den Mexikaner, der seinem Stil treu geblieben ist, aller Versuchung des Mainstreams zum Trotz. Aber auch einer, dessen Credo die Filmkunst ist, die er ständig an ihre Grenzen zu bringen versucht. Seine Filme sind Trips entlang von Waghalsigkeiten, von Schluchten und von Meditation.

Besonders sein neuester Film scheint genau da anzusetzen: Bei der Meditation. Denn "Bardo - Die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten", die nun in den Kinos läuft und ab Mitte Dezember auf Netflix zu sehen sein wird, ist genau das: Eine symbolüberfrachtete Meditation über die Heimat Mexiko, die diesen Regisseur lange und weit über seine vielfach gekrönte Karriere hinaus in ihren Klauen hält. Es stimmt: "Die Heimat lässt dich niemals los". Sagte Iñárritu beim Filmfestival in Venedig, wo "Bardo" seine Uraufführung feierte.

Ein Opus Magnum

Iñárritu kehrt mit "Bardo" in seine Heimat zurück. K. Sartena - © K. Sartena
Iñárritu kehrt mit "Bardo" in seine Heimat zurück. K. Sartena - © K. Sartena

Iñárritu ist nicht der erste, der sich ein opulentes Opus Magnum gönnt: Das ist zur Zeit in Mode unter Regisseuren, die etwas auf sich halten. Paolo Sorrentino hat es in "La grande bellezza" (2013) gemacht, Iñárritus Landsmann Alfonso Cuarón in "Roma" (2018) auch, mit künstlerischem Mega-Erfolg. Es regnete Löwen und Golden Globes und Oscars.

Im Film geht es folgerichtig um die Rückkehr zu Iñárritus Wurzeln, vieles wirkt surreal und alles dreht sich um einen mexikanischen Journalisten und Dokumentarfilmer, in dessen Figur viel Iñárritu steckt. Über drei Stunden lässt Iñárritu seine Zuschauer an seinen Gedanken teilhaben und arbeitet sich an Fragen kultureller Identität ebenso ab wie an der Außensicht des Regisseurs von den USA aus auf seine Heimat. Nach der Venedig-Premiere hat Iñárritu nochmal 20 Minuten herausgeschnitten, was dem Film gut getan hat. Aber insgesamt: Ein forderndes Stück Kino, das man erst einmal durchsitzen muss. Vor allem, weil Iñárritu darin sehr symbolhaft und abstrakt bleibt. Viele Szenen erschließen sich erst gegen Ende des Films, wenn der Regisseur einen erzählerischen Zusammenhang herstellt.

Ohne Geruch des Mainstream

Dass Iñárritu sein Publikum fordert, ist ihm auch hoch anzurechnen, denn in einer Zeit, in der visuelle Innovationen längst nicht mehr auf den Leinwänden passieren, sondern in Sozialen Medien im Internet, ist Iñárritus Arbeit weder risikoscheu noch konsensorientiert. Das muss man nicht mögen. Aber es ist "outstanding", wie es die US-Kollegen Iñárritus formulieren würden, wo er die letzten zwei Dekaden gewirkt hat, ohne dabei jemals den Geruch des Mainstreams anzunehmen.

Dass Iñárritu gemeinsame Sache mit dem Streaming-Dienst Netflix gemacht hat, obwohl er ein Verfechter der großen Leinwand ist, erklärt der Mexikaner so: "Meine Generation hat Filme von großen Autorenfilmern gesehen, und als ich Kino studierte, sah ich neben Ausstellungen und Festivals Bergman, Bunuel, Fellini, alle ihre Filme im Fernsehen oder auf VHS in schrecklicher Qualität. Aber was bleibt, sind unsere Ideen. Ein Film ist ein Film. Es ist nur ein Mittel. Eine Kathedrale fürs Kino. Es ist ein Ort, an dem Kinder geboren werden." Diese nicht ganz schlüssige Argumentation Iñárritus gipfelt in einer Huldigung des Streaming-Fernsehens: Man könne eben nicht ewig "gegen den Strom schwimmen", meint Iñárritu.

Tatsächlich ist die Form der Rezeption zumindest im Fall von "Bardo" nicht entscheidend für Ge- oder Missfallen des Films. Vielmehr ist es die Kraft der Meditation, die "Bardo" zu einem weiteren Trip in Iñárritus Werk macht: Zu einem Trip in seine Seele. Man muss sich dem nicht aussetzen, aber es kann sich lohnen.