Kannibalen können einander riechen. Das lernen wir bereits früh in Luca Guadagninos neuem Film "Bones and All", und der Titel sagt auch, wohin die Reise geht: Mit Knochen und allem sonst werden hier Menschen gegessen, das sieht nicht sehr appetitlich aus, zumindest für Nicht-Kannibalen.

Aber es gibt viele unter uns, etwa die junge Maren, die ist schon als Kind verhaltensauffällig, weil sie immer wieder versucht, ihre Mitschülerinnen anzuknabbern. Manchmal gelingt es ihr, einen Finger wirklich abzubeißen, dann müssen sie und ihr Vater sofort Reißaus nehmen und irgendwo anders hinziehen, in eine neue Stadt und mit neuen Namen, bis das Spiel wieder von vorne beginnt. Ein Kannibale kann nämlich gar nicht anders, als dieser, seiner Lust zu folgen und menschliches Fleisch zu essen, sagt uns Guadagnino. Es dauert nicht lange, bis diese Maren als junge Frau (gespielt von Taylor Russell) ihre ersten Erfahrungen mit anderen Kannibalen macht. Von dem seltsam verschrobenen Sully (Mark Rylance) erfährt sie, wie Kannibalen sich untereinander erkennen - und wie man an Beute gelangt, etwa an eine Rentnerin, die dann von den beiden in einem Blutbad voller Inbrunst verspeist wird.

Wer wird wen essen?

Aber Maren zieht es weiter, vor allem, als sie in einem Supermarkt dem jungen Lee (Timothée Chalamet) über den Weg läuft. Ab hier ist "Bones and All" eine Coming-of-Age-Geschichte Marke "Ich liebe einen Kannibalen und er mich auch", in der die Frage, wer letztlich wen essen wird, nicht lange auf sich warten lässt. Die Love-Story wirkt dabei ein bisschen wie die Fortsetzung zu Guadagninos Filmerfolg "Call Me By Your Name" (2017), wenngleich die Romanvorlage von Camille DeAngelis aus dem Jahr 2015 hier doch ganz andere Genre-Kaliber kredenzt als Guadagninos bislang bekanntester Film.

Die Geschichte der jungen Liebe zwischen Maren und Lee wird bald zu einer Horror-Romanze, ihre gemeinsame Leidenschaft, Menschen zu essen, ist für sie immer mehr Zwang als Genuss. Dass man dabei sowieso bis zum Hals nicht nur im Blut der Opfer watet, sondern auch im Kriminal steht, heizt die brisante Handlung an; dann nämlich, als das Paar sich bewusst einen schwulen Schausteller als Opfer aussucht, weil Maren niemanden essen mag, der daheim Familie mit Kindern sitzen hat. Kannibalen mit Herz, sozusagen.

So exzessiv Guadagnino die kannibalischen Akte inszeniert, was durchaus auf den Magen geht, so nachlässig ist er in der Dramaturgie des Films, dessen Stationen wie bei einem Roadtrip nacheinander routiniert abgehandelt werden. Guadagninos Glück sind seine Hauptdarsteller, die eine große Chemie füreinander entwickeln. Das ist zugleich auch die Metaebene, die "Bones and All" verhandelt: Wie eine Metapher erzählt der Film über das Einander-riechen-Können in Zeiten pandemischer Vereinsamung. "Bones and All" steckt aber noch voller weiterer Metaphern. Ob die (Sehn-)Sucht nach Menschenfleisch nun stellvertretend für Drogenmissbrauch steht oder als provokante Kritik am Turbo-Kapitalismus unserer Tage gelesen wird, ist letztlich für die Geschichte unerheblich. Die hat sich mit ihrem trockenen Humor sowieso schnell in die makaberen Jagdgründe einer pervers-erotischen Kannibalenliebe vertschüsst, die natürlich blutig endet. So viel Erwartungshaltung musste Guadagnino dann schon einlösen.