Wer denkt nicht gern an die japanische Anime-Serie "Pinocchio" von 1976 zurück? Da war der hölzerne Pinocchio richtig kuschelig anzusehen, mit seiner Schlapphaube. Und die Bösewichte in Gestalt von Fuchs und Kater hatten in ihrer tollpatschigen Putzigkeit auch das Potenzial, zu Kulthelden der eigenen Jugend zu werden. Dazu die herzerwärmende Eröffnungsmelodie. "Kleines Püppchen, freches Püppchen . . .". Das beamt einen zurück in die Kindheit.

Für Guillermo del Toro ist Carlo Collodis Geschichte um den hölzernen Knaben mit der langen Lügennase schon seit Jahren ein Herzensprojekt. Jetzt hat er für Netflix seine ganz eigene Stop-Motion-Version der Geschichte gedreht, die ab 9. Dezember bei dem Streaming-Dienst läuft. Zuvor kann man die bildgewaltige Trickfilmarbeit aber noch im Kino sehen - in Wien ab sofort exklusiv im Gartenbaukino.

Im Prinzip variiert Del Toros Neuauflage der Romanvorlage in einigen Aspekten. "Im Original muss die von dem Schnitzer Geppetto hergestellte Puppe Pinocchio ein guter Junge sein und diverse Lektionen lernen, und dann wird er zu einem richtigen Menschenjungen", sagt Del Toros Co-Regisseur, der Stop-Motion-Experte Mark Gustafson. "Aber Benicio ging es um die Frage: Wie lernt man eigentlich, man selbst zu sein? Wie lernt man, echt zu sein? Man lernt, indem man Fragen stellt. Und das schien mir eine wirklich interessante Idee zu sein und ein Grund, diese Geschichte noch einmal auf ganz andere Weise zu erzählen".

Del Toro und Gustafson verwendeten das klassische, mechanische Stop-Motion-Animationsverfahren, bei dem die Puppen an einem Gestell befestigt sind und für jedes Bild um einen Bruchteil bewegt werden, 24 Bilder pro Sekunde. Tim Burtons "The Nightmare Before Christmas" von 1993 war etwa auch in diesem aufwändigen, aber als altmodisch geltenden Verfahren hergestellt worden.

"Ich habe mit Stop-Motion-Animation schon früh experimentiert. Mit 17 brachte ich in der High School 14-Jährigen das Animationsfilmen bei", sagt del Toro, und erzählt von seinem gescheiterten ersten Versuch, einen Film zu drehen. "Ich gründete eine Firma, die Spezialeffekte und Stop-Motion-Filme herstellte. Wir sollten damals über 100 Puppen aus Ton bauen, und ganze Sets für eine Produktion. Am Tag vor Drehbeginn wurde in unsere Büros eingebrochen. Die Einbrecher waren so frustriert, dass sie nichts Wertvolles fanden, dass sie alle 100 Puppen zertrümmerten und auf den Boden pinkelten. Das war für mich ein klares Zeichen: Versuche es mit Live-Action-Filmen, lass die Finger von Animation", so del Toro.

Mit seiner Pinocchio-Verfilmung kehrt del Toro also gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurück, schon nach seinem Film "Pans Labyrinth" begann er, 2004 Pläne für die Verfilmung zu entwickeln. Allein: Kein Studio wollte den Film finanzieren. Erst Netflix fasste sich ein Herz und spendierte 15 Jahre später das nötige Budget.

Nicht bloß ein Kinderfilm

Seine neue Pinocchio-Verfilmung ist im Übrigen nicht unbedingt ein astreiner Kinderfilm. "Die Animationsfilme sind nicht allein für Kinder ideal, sondern eignen sich auch für künstlerische und spirituelle Geschichten", sagt del Toro. Nicht umsonst spendierte der Regisseur seinem Script die psychologische Tiefe, die man auch aus seinen Realfilmen kennt; zugleich ist dieser Pinocchio auch in punkto Fantasie jeder bisherigen Version haushoch überlegen. Dazu gesellt sich del Toros Einflussnahme auf den Originalstoff, die viele Mythen und Ereignisse der Erzählung reflektiert und vielschichtige Anspielungen tätigt. Dem Grundgedanken der Geschichte bleibt Del Toro aber treu: Es geht um das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, und wie man es bewältigt, indem man sich emanzipiert. "Die Welt ist groß, und du bist klein. Du kannst noch nicht alleine sein. Sieh das doch ein!", tönte die japanische Trickfilmserie. Del Toro setzt das als Sehnsuchtsparabel um: Alles hier ist getrieben von dem Wunsch, so sein zu dürfen, wie man ist.