Es ist viel geschrieben worden, zur Zukunft der Kinos nach der Corona-Pandemie. Die derzeitigen Besucherzahlen machen der Branche jedenfalls Sorgen. Denn noch immer ist man nicht im Vorkrisen-Modus, sondern hinkt den Besucherzahlen von einst ordentlich hinterher. Von 70 Prozent und mehr war zwischenzeitlich die Rede, inzwischen hat sich die Flaute auf gut 30 Prozent Besucherschwund eingependelt. Von neuen Ideen war die Rede, von neuen Konzepten, um gegen die Übermacht der Streaming-Portale den Gang ins Kino überhaupt noch attraktiv zu gestalten. Denn immer mehr Filme, die einen Kinostart erhalten, laufen sehr zeitnah auch beim Streaming-Service des Vertrauens - gegen eine Abogebühr.

Womit wir schon beim Knackpunkt wären: Die Lösung im Rennen der Kinobetreiber und der Streamer um die Gunst der Couch Potatos ist nicht etwa ein neu bezogener Kinosessel, ein noch fetterer Sound oder ein noch größeres Bild. Nein, es geht viel einfacher und investitionsärmer: Und zwar über den Preis! Das ist in Zeiten einer rasend galoppierenden Inflation sowieso das schlagkräftigste Argument.

Zum Start von "Nonstop" sind 18 Kinos an Bord

Neo-Stadtkino-Chefin Wiktoria Pelzer ist die Initiatorin des neuen Abomodells. - © Stadtkino
Neo-Stadtkino-Chefin Wiktoria Pelzer ist die Initiatorin des neuen Abomodells. - © Stadtkino

Also haben sich in Österreich bis dato 18 Kinobetreiber zusammengetan, um das Projekt "Nonstop - dein Kinoabo" ins Leben zu rufen. Der Verein mit Partnerkinos in Wien, Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Steiermark und Niederösterreich wird von Obfrau und Initiatorin Wiktoria Pelzer, demnächst auch Geschäftsführerin des Stadtkinos Wien, geleitet.

Die Idee: Mit 22 Euro pro Monat gibt es Kino ohne Ende. Die Flatrate ermöglicht es den Abonnenten, so oft sie wollen, ins Kino zu gehen - im Frühjahr 2023 soll der operative Startschuss fallen, ab dann wird es eine "Nonstop"-Abomitgliedschaft für alle österreichweit teilnehmenden Kinos geben. Das alles vorerst gestützt von heimischen und europäischen Förderstellen, die zugehörige App ist gerade in Entwicklung.

Ob sich das Abosystem für die Kinos nachhaltig rechnet, wird sich erst im Betrieb zeigen. Fürs erste Jahr peilt man 3.000 Abonnenten an. Das System ist speziell auf den Arthaus- und Programmkinomarkt ausgerichtet, denn die großen Blockbuster funktionieren schon wieder ähnlich umsatzstark wie vor der Pandemie. Gerade kleinere Häuser kämpfen jedoch darum, ihr Stammpublikum zu halten und zurück in die Säle zu bringen - und auch abseits dieser meist älteren Zielgruppe von 50-plus will man versuchen, jüngeres Publikum anzulocken. Denn der Abopreis ist sehr günstig: Das Abo hat sich in der Regel nach zwei Kinobesuchen amortisiert.

Ein Abomodell nach niederländischem Vorbild

Warum ist das niemandem schon früher eingefallen? Ist es, und zwar in den Niederlanden. Dort gibt es mit "Cineville" ein Abosystem, das bereits 2009 ins Leben gerufen wurde und anfangs in 13 Kinos galt. Heute machen schon 55 Säle mit, das Publikum ist zwischen 20 und 30 und damit überraschend jung, und die Filmauswahl ist vielfältiger geworden - weil die Möglichkeit, sich spontan einen Film anzusehen, für den man sonst kein Vollpreisticket gezahlt hätte, aus "Cineville" ein Erfolgsrezept gemacht hat.

In den Niederlanden gibt es zwei Tarifstufen bei "Cineville": Alle unter 30 zahlen lediglich 17,50 Euro pro Monat für das Abo. Alle über 30 berappen 21 Euro. Durch das Modell haben sich die Kinobesuche bei den Abonnenten fast verdoppelt: Ging die Zielgruppe zuvor bloß 1,5 Mal pro Monat ins Kino, so sind es heute 2,5 Besuche. Die Statistik zeigt hier: Heavy User, die das System zu einem Verlustgeschäft für die Kinobetreiber machen könnten, sind eher selten. Denn ein Kinobesuch ist nach wie vor auch mit Ausgehen gleichgesetzt; ganz so spontan, wie man noch vor dem Durchbruch des Fernsehens ins Kino spazierte, ist es seither nicht mehr. Meist werden um den Kinobesuch herum weitere Aktivitäten geplant, etwa Shoppen oder Essengehen. In diesem Zusammenhang ist eine Flatrate während der Inflation sehr schonend für das Börserl.

"Ich kannte das ‚Cineville‘-Konzept sehr gut, da ich in Holland studiert und es mit Freunden regelmäßig genutzt habe", sagt Projektleiter Martin Kitzberger vom Wiener Stadtkino, der sich um die Konzeptionierung und Umsetzung des Kinoabos kümmern wird. "In Holland geht man dank ‚Cineville‘ wieder verstärkt in die Arthaus- und Programm-Kinos, und ich denke, dass das Modell auch für Österreich ein guter Weg wäre, um gerade jetzt die unabhängigen Kinos zu unterstützen."

Wie das Modell im Detail aussehen wird, was die Abrechnungen und den Workflow angeht, wird gerade noch entwickelt. Fest steht aber schon, dass das Aboticket mit einem scanbaren Code ausgestattet sein wird und die jeweiligen Kinos, die damit besucht werden, einen Betrag pro Besucher erhalten werden.

Die Kino-Flatrate hat in den Niederlanden zahlreiche zusätzliche Besucher generiert - aber nicht nur Abonnenten, erzählt Kitzberger. "Eine Studie hat gezeigt, dass die Abonnenten oft zusätzliche, voll zahlende Leute mit ins Kino bringen, die sonst nicht gekommen wären. Weil man einfach bei einem Treffen beschließt, ins Kino zu gehen und andere ‚mitreißt‘." Diese Form der Jugendkultur müsse man auch in Österreich fördern, denn: "Es gibt bereits eine Generation von Studenten, die gar nicht mehr wissen, wie ein Kino von innen aussieht", sagt Kitzberger. Genau die will man ansprechen. "Viele junge Leute haben es sich daheim mit großem Flatscreen und Amazon-Stick gemütlich gemacht. Wir wollen ihnen mit dem Kino-Abo ein Angebot machen, das wirklich attraktiv ist, gerade auch vom Preis".

Ein Ticket, das für ganz Österreich gilt

Besonders praktisch ist, dass man das Kinoabo österreichweit wird nutzen können. "Wenn ich in Wien bin, gehe ich in mein Lieblingskino, wenn ich in meine Heimat nach Oberösterreich fahre, dann gehe ich zum Beispiel ins Moviemento in Linz." Hier fügt sich das Abomodell dann auch perfekt ein in den Trend der Zeit, was Nachhaltigkeit und Sparsamkeit angeht: "Das Klimaticket der Bahn ist sozusagen das Äquivalent zum Kinoabo", meint Kitzberger lachend. Hardcore-Kinonerds könnten so umweltschonend und klimaneutral die Kinos im ganzen Bundesgebiet kennenlernen.