Victor Dessauer (Jeff Wilbusch) hat sein Studium in England abgeschlossen. Sein wohlhabender Vater schenkt ihm einen flotten Sportwagen. Eine gemeinsame Zukunft mit seiner charismatischen Freundin bahnt sich an. Eigentlich läuft es in seinem Leben gut - wäre da nicht ein traumatisches Kapitel in seiner Vergangenheit: Victor hat als jüdischer Bub den Holocaust nur knapp überlebt.

Unter Schächten versteht man die rituelle Schlachtung von Tieren, die im Judentum praktiziert wird. Mit einem Messer wird der Hals des Tieres durchtrennt, dann blutet es aus. In dem neuen österreichischen Spielfilm von Thomas Roth geht es um den Umgang mit den Nazi-Verbrechen im Österreich der 1960er Jahre. Nach wie vor vergiftet der Antisemitismus der "Ehemaligen" das Leben der wenigen überlebenden Juden, die nicht fortgezogen sind.

Victor konnte als Bub mit Angehörigen aus dem KZ Mauthausen fliehen. In einem finsteren Wald wurde er dann Zeuge des abscheulichen Mordes an einem Verwandten. Das Opfer wurde brutalst mit einem Messer aufgeschlitzt - also sozusagen "geschächtet". Victor konnte sich in einer feuchten Höhle vor den Nazis verstecken. Das Messer behielt er. Nicht nur der Gegenstand wird ihn in der Zukunft verfolgen. Victor will Gerechtigkeit, das Verbrechen soll geahndet werden. Auf diesem Weg findet er einen wichtigen Verbündeten in Simon Wiesenthal (Christian Berkel).

Unbescholtene Aufschlitzer

Der Täter Kurt Gogl (Paulus Manker), damals SS-Unterscharführer, lebt als geschätztes Gemeindemitglied und Schuldirektor am Wolfgangsee. Der Altnazi trifft sich gerne mit Wirtshausfreunden aus "alten Zeiten" und geht regelmäßig auf die Treibjagd: "Waidmanns Heil!", schreien die Jäger im Wald. Die unheimlichen Parallelen zu Victors Kindheitserinnerungen wirken nicht zufällig.

In "Schächten" geht es darum, wie das Nazi-Gedankengut weiter in den österreichischen Köpfen wuchern konnte - "wie Unkraut", sagt Simon Wiesenthal im Film. Beim Abendessen mit der Familie der Angebeteten von Victor etwa wird der Judenhass nur dürftig hinter der bürgerlichen Fassade versteckt - und führt schließlich zu einem Kontaktverbot, das der Vater seiner Tochter auferlegt.

In "Schächten" geht es auch um den nachlässigen Umgang der Justiz mit den Nazi-Verbrechen. Nachdem Victor gegen den Altnazi Gogl vor Gericht aussagt, wird dieser freigesprochen. Die Zuhörer im Gerichtssaal jubeln über das Urteil. Victor ist zornig: Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Es geht aber auch um Seilschaften und Postenschacher im Österreich der Nachkriegszeit. Der Spuk der Vergangenheit verfolgt in den 1960er Jahren nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. Einmal wird Kurt Gogl nachts von seiner Frau gefragt, was an den Vorwürfen gegen ihn eigentlich dran sei. Die einen wollen gemeinsam das Vergangene hinter sich lassen und nie wieder daran erinnert werden. "Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen, die alten Geschichten sollen nicht wieder aufgewärmt werden", erzählen sie sich. Die jüdischen Opfer - wie Victor oder Simon Wiesenthal - verlangen hingegen nach Gerechtigkeit für die Nazi-Verbrechen. Aber kaum jemand ist auf ihrer Seite.

Am Ende wird "Schächten" zum Katz-und-Maus-Spiel. Victor gibt sich nicht zufrieden mit Wiesenthals Motto "Recht, nicht Rache". Das Recht wurde ihm verwehrt, also entscheidet er sich für Rache. Die Botschaft: Kämpfe für deine Freiheit, notfalls mit Gewalt. Thomas Roth wollte mit "Schächten" heutigen faschistischen Tendenzen etwas entgegensetzen. Sein Film behandelt ein unterbelichtetes Stück österreichischer Geschichte auf zugängliche und spannende Weise.