Irgendwann, vor etwa zehn, zwölf Jahren, soll es einen Moment gegeben haben, in dem Regisseur James Cameron beinahe das Handtuch geworfen hätte: Er hatte 2009 mit "Avatar: Aufbruch nach Pandora" nicht nur den bis dato erfolgreichsten Film aller Zeiten vorgelegt, sondern - wie schon öfter in seiner Karriere -damit einen Meilenstein der Tricktechnik geschaffen und zugleich das 3D-Zeitalter in den Kinos eingeläutet. Unglaubliche drei Milliarden Dollar hatte "Avatar" eingespielt, das ist bislang keinem anderen Film gelungen. Aber Cameron, der es stets gewohnt war, nicht bloß an Limits zu gehen, sondern diese zu überschreiten, ruhte sich auf diesem Erfolg nie aus. Im Gegenteil: In seiner Welt, die einst mit Filmen wie "Terminator", "The Abyss" oder "Terminator 2" begann und in "Titanic" (1997) seinen absoluten Höhepunkt fand, bis "Avatar" alle seine Rekorde pulverisierte; in Camerons Welt also stand fest: "Avatar" sollte nicht bloß ein Sequel bekommen, sondern gleich vier!

Die vielen Sequels

Mit unglaublicher Arbeitswut werkt Cameron nun seit 13 Jahren an der Umsetzung seiner Vision. Und nur eine Qualitätslatte ist gültig: die Perfektion. Oder, wie es Cameron selbst ausdrückt: "Wenn es in meinen Filmen Kompromisse gibt, dann nur solche, die keiner außer mir selbst bemerkt."

Weltpremiere in London: James Cameron mit Kate Winslet. Disney - © Disney
Weltpremiere in London: James Cameron mit Kate Winslet. Disney - © Disney

Camerons Perfektionsdrang ist der Grund für die lange Wartezeit auf "Avatar 2". Die Technik, die Cameron für die Umsetzung brauchte, existierte 2009 noch nicht. Und das, obwohl schon der erste Film visuell bahnbrechend gewesen ist. Ein Branchenkenner aus Camerons Umfeld fand kürzlich einen treffenden Vergleich: Gegen die bombastische Bildgewalt von "Avatar 2" wirke der erste Film wie auf Super8-Material gedreht. Cameron will Quantensprünge in der Technik nicht bloß einleiten. Er will sie erzwingen.

Auf mehreren tausend Seiten soll Cameron all seine Ideen betreffend der Welt von "Avatar" ausgearbeitet haben. "Ich sagte mir: Denke groß, oder lass es gleich ganz bleiben", so Cameron in einem Interview mit dem britischen Filmmagazin "Total Film". Sein Ziel: Aus "Avatar" eine Franchise zu machen, die mindestens so groß ist wie das Tolkien-Universum oder wie "Star Wars". "Ich bleibe so lange in dieser Welt, bis wir fertig sind. Oder bis uns das Publikum sagt, dass wir fertig sind", so Cameron.

Vieles wird also davon abhängen, wie die Kinobesucher "Avatar: The Way of Water" aufnehmen werden, wenn der Film am 14. Dezember weltweit in die Kinos kommen wird. Die ersten Kritiker gaben sich nach der Weltpremiere in London jedenfalls überwältigt: Vom vielleicht größten Blockbuster aller Zeiten war da in Tweets zu lesen, von atemberaubenden Szenen, grenzenlosem Einfallsreichtum oder emotional überwältigenden Momenten und mit viel Liebe ausgearbeiteten Figuren ebenso.

Teil drei schon abgedreht

Selbst, wenn das Publikum dem Werk seine Zustimmung versagt, wird die Welt noch lange nicht ohne "Avatar"-Filme auskommen müssen. Denn Cameron hat die lange Produktionszeit am Set in Neuseeland dazu genutzt, nicht nur Teil zwei zu drehen, sondern auch gleich Teil drei sowie den ersten Akt von Teil vier. Zumindest ein kompletter Film folgt also noch, Camerons Ideen reichen indes zumindest für sieben Filme, wie er bestätigt hat.

Aber die Welt ist eine andere geworden, als Cameron den Mond Pandora und die dort lebenden, blauhäutigen Na’vi 2009 das erste Mal besucht hat. Insbesondere die Pandemie und der Aufstieg der Streaming-Dienste von Netflix bis Amazon Prime Video bilden nun Unsicherheitsfaktoren, ob ein klassischer Verwertungsweg eines Blockbusters, so wie ihn Cameron nun einschlägt, noch effektiv genug wirtschaftet. Denn das Thema Profit ist für die Studios - und für Cameron selbst - das Um und Auf. Cameron selbst sagt: "Wenn das Publikum ausbleibt, werden wir die Geschichte nach drei Filmen beenden und nicht ohne Ende weiterdrehen, wenn das keinen Profit mehr abwirft."

Aber es ist gut möglich, dass Cameron mit seinem Instinkt richtig liegt und "Avatar 2" die Massen begeistern wird - es ist nicht das erste Mal, dass dieser Filmemacher den Zenit des Möglichen im Filmgeschäft mühelos überschritten hat. Im Erfolgsfall, meint Cameron, würde "Avatar: The Way of Water" dem Netflix-Trend zuwiderlaufen und "die Menschen daran erinnern, worum es dabei wirklich geht, wenn man ein Kino betritt. Dieser Film tut das nämlich."

So wird der neue "Avatar" auch zu einer Glaubensentscheidung: Hat das Kino in seiner heutigen Form noch Zukunft (genug)? Oder bleiben die Lichtspielhäuser bald überlebensgroßen Eventfilmen wie diesem vorbehalten, weil kleinere Filme lieber auf den Heim-Bildschirmen geschaut werden?

Hier liegt ein Denkfehler: "Avatar: The Way of Water" begreift sich nicht als seelenloses Schlachtengemälde, wie man sie zusehends etwa im Marvel-Universum erleben kann (beide Franchises erscheinen unter der Obhut von Disney), was auch der Premierengast und niveauorientierte Filmfantast Guillermo del Toro so sah, als er twitterte: "Eine überwältigende Leistung: Der Film steckt voller majestätischer Visionen und bietet Emotionen in epischem Ausmaß. Ein Meister auf dem Höhepunkt seiner Kraft."

Weinen mit Jack und Rose

Die vielen spektakulären Effekte, sie sind eigentlich noch nie die Trumpfkarte im Werk von James Cameron gewesen, sie waren der Aufhänger: Bei "Titanic" erzählte er bahnbrechend den Untergang des Schiffs, aber das Publikum weinte wegen Jack und Rose. Bei "Avatar: The Way of Water" sind die Unterwasser-Animationen Camerons bislang größte technische Herausforderung gewesen, aber es sind die detailliert gezeichneten Figuren, die die Emotionen auf die Leinwand bringen - eingefangen von den Motion-Capture-Anzügen, in denen wieder Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver - und neu: Kate Winslet - stecken.

Es kann also sein - und Beweise gibt es inzwischen genug für diese These -, dass Cameron der Doppelmeister der Filmdramaturgie ist: Er beherrscht die visuelle Vision wie kein Zweiter, vergisst darüber aber nie auf die Komponente, die uns letztlich selig und aufgerieben in den Kinosessel drückt: zu lachen und zu weinen mit den Figuren, die er uns auftischt. Und wenn sie nur aus Pixeln sind.