Sie machen ganz schön was her, die prunkvollen Bände "Die Wiener Kinos", die nun im Verlag Filmarchiv Austria erschienen sind. Insgesamt sollen es vier großformatige Bücher werden, die ersten beiden sind bereits erhältlich und bieten sich als formidables Weihnachtsgeschenk an, für all jene, die die laufenden Bilder lieben. Und die Stadt Wien natürlich.

Die Wiener Kinolandschaft, sie entwickelte sich ganz ähnlich wie in den meisten europäischen Städten: Um 1900 ist das Kino noch eine Jahrmarktattraktion, bei der man seinen Augen kaum traute. Im März 1896 fand die allererste Filmvorführung in Wien statt, im "Cinématographe Lumière" in der Krugerstraße 2, Ecke Kärntener Straße. Wien war die erste Stadt außerhalb ihrer Heimat Frankreich, in der die Gebrüder Lumière mit ihrem neuartigen Projektionsgerät Station machten. Zweieinhalb Monate lang spielte dieses erste Wiener Kino regelmäßig die Lumière-Filme ab, ehe man in die Annagasse 1 übersiedelte. Die Zuschauer waren begeistert, dass sie insgesamt neun Kurzfilme zu sehen bekamen, darunter ein Fabrikstor, aus dem Hunderte Arbeiter ausströmen, ein Zug, der in einen Bahnhof einfährt und scheinbar auf die Zuschauer zurast, oder die Ankunft eines Dampfschiffes mit dem Aussteigen der Passagiere.

Das Kino Klein als Jahrmarktattraktion im Wiener Wurstelprater, aufgenommen im Jahr 1905. - © Filmarchiv Austria
Das Kino Klein als Jahrmarktattraktion im Wiener Wurstelprater, aufgenommen im Jahr 1905. - © Filmarchiv Austria

200 Kinos in Wien

Das Lumière Kino in Wien bildet den Auftakt im ersten Band der opulenten Buchreihe, die großformatig und mit 350 bis 450 Seiten pro Band ausführlich die weiteren Kinos in Wien vorstellt. Zur Blütezeit gab es in Wien 200 Kinos, und alle finden Eingang in die Bücher, die die Autoren Florian Pauer und Thomas Jelinek in jahrzehntelanger Kleinarbeit recherchiert haben. "Ursprünglich waren die beiden passionierte Kinogeher", erzählt Filmarchiv-Leiter Ernst Kieninger. Das Kino als "Überlebensmittel", so hat Erika Pluhar es genannt, war vor allem in Krisenzeiten eine willkommene Ablenkung: "Während Wien noch in Trümmern lag, konnte man sich im Kino mühelos in den wilden Westen Amerikas, in die in Technicolor erstrahlende Antike oder zumindest in das pastellfärbige Ischl der Kaiserzeit träumen", sagt Kieninger. Vor allem die Kinos vor 1960 waren bisher jedoch vergleichsweise wenig dokumentiert, was den Anstoß zu diesem Buchprojekt gegeben hat. "Die Kinos in Wien, vom kleinen ‚Flohkino‘ ums Eck bis zum prachtvollen Filmpalast im Stadtzentrum, bildeten eine nahezu flächendeckende Infrastruktur zur kulturellen Nahversorgung der Bevölkerung", sagt Kieninger.

Eine ungewöhnliche Nachbarschaft im Wiener Prater: Das Cinema Erotica mit inkludiertem Kasperltheater, 1996. - © Filmarchiv Austria
Eine ungewöhnliche Nachbarschaft im Wiener Prater: Das Cinema Erotica mit inkludiertem Kasperltheater, 1996. - © Filmarchiv Austria

Die Geschichten vieler verschwundener Lichtspiel-Paläste liegen nun akribisch dokumentiert vor. Da findet sich etwa das Roten-turm-Kino (1910-1939) am Fleischmarkt 1, das sich mit Stargästen wie Asta Nielsen schmücken konnte. Im Tabor-Kino (1916 als Centralkino eröffnet) fanden viele Premieren statt, Anfang der 1960er Jahre wurde das Haus aufwendig mit neuester Technik und 70mm-Projektoren aufgerüstet. Die Leinwand mit 19 x 7,1 Metern war eine der größten Österreichs, dazu gab es den damals neuen 6-Kanal-Ton und bequeme, gepolsterte Stahlrohrsessel. 1996 wurde das Kino unter Protesten geschlossen und an eine Supermarktkette verkauft.

Kinos in der Krise

Ein Schicksal, das viele Häuser teilen - denn das Kino war einem stetigen Wandel unterworfen. Nicht nur die Ankunft des Fernsehens stürzte es in eine Krise, sondern auch der Krieg, das Freizeit-Budget der Menschen oder einfach eine lang anhaltende Schönwetterperiode machten ihm zu schaffen. Wer erinnert sich heute noch an lange geschlossene Häuser wie das Forum Kino in der Stadiongasse, das von 1950 bis 1972 existierte und ein Vorzeigehaus der stadteigenen Kinokette Kiba gewesen ist? Oder das Excelsior-Kino, das ab 1913 in der Taborstraße stand und 1944 bei einem Bombenangriff völlig zerstört wurde? So mancher Lichtspieltempel beendete sein Dasein nicht im Lichte glorioser Hollywood-Größen, sondern mit nackten Brüsten. Nicht nur das Viktoria Kino (1910-1972) in der Landstraßer Hauptstraße erlebte dieses Schicksal und schloß unter dem Namen "Studio Sex" seine Pforten. Dem Schlössl-Kino in der Margareten-straße erging es ganz ähnlich.

Natürlich widmen die Bücher auch den bis heute bestehenden Kinos breiten Raum, etwa dem Stadtkino, dem Filmcasino, dem Gartenbau oder dem Votivkino. Aber besonders interessant sind die Bücher wegen ihrer fein säuberlich zusammen getragenen Fotos und Schnipsel aus Programmheften und Ankündigungen, die über den regulären Spielbetrieb hinaus auch noch tief in die Wiener Freizeitgestaltung der unterschiedlichen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts blicken lassen.

Die beiden bisher erschienenen Bände stellen die Kinos der Wiener Bezirke eins bis neun vor, ein besonderes Augenmerk legen die Autoren dabei auch auf die Außenaufmachung der Kinos und auf ihre Innenarchitektur, die oftmals Zweckmäßigkeit mit Eleganz oder einem Funken Glamour verband. Das Kino als Ort der Begegnung war zweites Wohnzimmer und Urlaubsdestination gleichermaßen, dafür sorgten auch klingende Namen wie Adria-Kino, Elite-Kino, Mozart-Kino, Radetzky-Kino oder Maria-Theresien-Kino. Die Umbauarbeiten der Prunkstücke Gartenbau und Apollo sind lückenlos dokumentiert. Aber auch der Betrieb so mancher kuriosen Kino-Stube ist vermerkt: "Louis Geni‘s Grand Bioskop" stand zwischen 1906 und 1910 als Wanderkino gegenüber dem Raimundtheater und lockte seine Besucher mit Hunderten bunten Glühlampen und auf einer Orgel gespielten Operettenschlagern an. Den Strom dafür lieferte eine Dampfmaschine. Die Straßenkinder, die Wasser für die Kühlung des Aggregats herbeiholten, bekamen Freikarten für das Kino. Auch das ist Wiener Kinokultur: Ein Blick in ein magisches Kino-Wunderland.