Inspiriert von Robert Bressons Klassiker "Au Hasard Balthazar" aus dem Jahr 1966 hat sich der 84-jährige polnische Meisterregisseur Jerzy Skolimowski mit "EO" dem Leben eines bescheidenen Esels angenommen und damit einen Film neu interpretiert, der zu den großen Werken der Filmgeschichte gehört. Dabei nimmt "EO" (diese Woche neu in den Kinos) aber nicht unbedingt direkt Bezug auf Bressons Ästhetik, sondern verweilt im Umfeld seines Esels, der die Welt um sich herum mit allen Sinnen erlebt. "EO" wurde in Cannes uraufgeführt, Skolimowski, der schon bei vielen Festivals unzählige Preise gewann, wurde auch diesmal ausgezeichnet, und zwar mit dem Preis der Jury.

Skolimowskis Esel heißt Balthazar. Ein grauhaariger Zeitgenosse mit melancholischen Augen, der auf seinem Lebensweg guten und schlechten Menschen begegnet, Freude und Schmerz erlebt, und dessen Schicksal zwischen Glück und Unglück zu pendeln scheint. Es ist ein Film über Zustände, über die Macht des Blicks und über die Augenhöhe. Skolimowski begibt sich in den Blickwinkel seiner sardischen und polnischen Esel Tako, Mela, Ettore, Hola, Marietta und Rocco, die allesamt seinen Esel in "EO" spielen.

Vom Zirkus auf die Straße

Jerzy Skolimowski zeigte "EO" in Cannes. - © Katharina Sartena
Jerzy Skolimowski zeigte "EO" in Cannes. - © Katharina Sartena

Dieses Lasttier ist zunächst in einem Zirkus untergebracht, wo man sich um ihn kümmert. Aber Tierschützer bringen ihn auf eine Pferdefarm, und von dort wandert er durch Dörfer und Orte, stets mit Mitgefühl oder Grausamkeit der Menschen konfrontiert, denen er begegnet. Manchmal gleitet der Film ins Absurde, manches endet tragisch. Und zudem gibt es noch eine Villa, in der eine seltsame Gräfin (Isabelle Huppert) regiert.

"Ich habe Bressons Variante 1966 gesehen, als der Film herauskam und die Kinocharts bei den ‚Cahiers du Cinéma‘ anführte", erinnert sich Skolimowski, dessen eigener, autobiografischer Film "Walkover" damals den Platz hinter "Au Hasard Balthazar" belegte. Es sei der "einzige Film gewesen, der mich je zum Weinen gebracht hat", sagt Skolimowski. "Ich glaube, das lag daran, dass man sich als Publikum hier mit einer Tierfigur genauso identifizieren konnte wie mit einer Menschenfigur."

Wer den Blickwinkel eines Esels einnimmt, um eine Geschichte zu erzählen, der hat natürlich ein bestimmtes Narrativ im Sinn. Skolimowski: "Im Allgemeinen hatten sowohl ich als auch meine Schreibpartnerin, meine Produktionspartnerin und meine Lebenspartnerin - meine Frau Ewa Piaskowska - die Schnauze voll von so genannten traditionellen Erzählungen, die man manchmal auch lineare Erzählungen nennt. Ich meine damit die Art von handlungsorientierter Erzählung, bei der es eine Haupthandlung gibt und sich alles andere bloß im Hintergrund herausbildet. Wir waren auf der Suche nach einer anderen Formel, und ich glaube, wir machen mit jedem neuen Film kleine Schritte dahin".

Die Konventionen brechen

Am Ende soll dabei durchaus ein neuer filmischer Stil herauskommen, wie der Regisseur betont: "Mein Ziel beim Filmemachen ist es definitiv, von konventionellen Lösungen abzuweichen. Ich glaube, wenn ich mich entschließen würde, noch einen weiteren Film zu machen, könnte das sogar dazu führen, dass ich noch weiter gehe und die traditionelle Narration zerstöre."

Skolimowski, der mit seiner Frau seit Jahren in einer verlassenen Gegend in Polen, fernab der Zivilisation lebt, sieht "EO" auch als Weckruf an die Zuschauer: "Wir engagieren uns auf jede erdenkliche Weise für die Rettung der Natur und protestieren auch gegen die sogenannte industrielle Landwirtschaft, die ich als beschämend empfinde. Das hat dazu geführt, dass wir fast zu Vegetariern geworden sind", sagt der Kult-Regisseur. "Eine der Auswirkungen des Films ‚EO‘ könnte folglich sein, dass die Zuschauer ihre Einstellung zu Tieren und insbesondere ihre Einstellung zum Fleischkonsum überdenken. Müssen wir wirklich jeden Morgen Speck essen? Könnten wir uns nicht zum Beispiel jeden zweiten Tag Frischkäse aufs Brot streichen? Solche Gedanken möchte ich mit dem Film in den Köpfen der Zuschauer wecken."