"Das Kleid kommt weg und basta", schreit Ben und wirft das gelbe Lieblingskleid seines Sohnes Oskar in die Mülltonne. Es ist wohl eine Kurzschlusshandlung aus reiner Panik und Irritation, denn Bens Sohn fühlt sich als Mädchen und will Lili genannt werden. Der Polizist Ben (Florian David Fitz) kann damit überhaupt nicht umgehen, wie übrigens mit einigen anderen Aspekten seines Lebens. Da wäre etwa die Trennung von der Mutter seiner beiden Kinder Oskar/Lili (Laurì) und Erna (Ava Petsch): Ex-Frau Marie (Marie Burchard) ist inzwischen hochschwanger, und gemeinsam mit ihrem neuen Lebensgefährte Diego (Juan Lo Sasso) unterstützen sie Lili in ihrer Identitätssuche. Die ist eigentlich gar keine Suche mehr, denn in der Schule ist Lili bereits als Mädchen eingetragen, und auch gegen ihren Vater wird sie sich immer wieder charakterstark durchsetzen.

Als Marie ins Spital muss, holt Ben die Kinder zu sich, denn Diego dürfe sicher nicht auf "seine" Kinder aufpassen. Eh klar, denkt sich manch Zuseher, denn Ben zeigt mit seinem Prolo-Macho-Gehabe - inklusive Alkoholproblem - den männlichen Stereotypen (wie ihn heute keiner mehr braucht). Dass Lili ein Transgendermädchen ist, sei sowieso ein "Genderquatsch" und nur eingeredet, und auf der Toilette wird als Mann auf keinen Fall gesessen. Seine Tochter belehrt ihn schnell eines Besseren, denn sie könne auch im Stehen pieseln, verkündet sie mehrfach mit Stolz. Auch lässt Ben Sätze fallen wie: "In einer Schlägerei schlägst du als Erstes und so fest, wie du kannst, damit der andere bloß nicht wieder aufsteht." Lili versucht sich kurz als Oskar - mit traumatischen Folgen für das Kind.

Senta Berger als Oma

Eigentlich müsste Ben es nachvollziehen können, wie man sich als Außenseiter fühlt: Seine großbürgerliche jüdische Familie mit Mutter Senta Berger und Vater Burghart Klaußner hat es ihm nämlich nicht verziehen, dass er als Jude eine deutsche Uniform trägt. Eine Entzweiung war daraufhin unumgänglich, und auch die Enkel sind kaum zu Gast bei den Großeltern, die übrigens nicht von Oskars Kleid irritiert sind, sondern über seiner Intelligenz und Durchsetzungskraft erstaunt.

Und da der Film nicht aus der Perspektive von Lili gezeigt wird, sonst müsste er ja "Lilis Kleid" heißen, sondern der des Vaters, mutiert dieser vom Macho zum Superpapa. Was vorhersehbar ist.

Drehbuchautor und Hauptdarsteller Fitz ist gemeinsam mit Regisseur Hüseyin Tabak eine leicht daherkommende Familienkomödie gelungen, die dann auch schwere Themen wie Klimakrise neben Transgender respektvoll hineinpackt. Die Pointen sitzen, die Schauspieler - allen voran die beiden Kinder - leisten Großartiges. Schade, dass Laurì nicht mehr Platz zur Entfaltung zur Verfügung gestellt wurde.