Sie ist die Tochter des italienischen Filmstars Giuliano Gemma (1938 bis 2013), ein schöner Mann von edler Gestalt, der Italowestern drehte und in seiner Heimat zur Kult-Ikone aufstieg. Für Vera Gemma ist diese Verwandtschaft nicht immer einfach gewesen: In ihrer Familie war es stets wichtig, perfekt auszusehen. Tizza Covi und Rainer Frimmel ("La Pivellina") haben über Vera Gemma einen Film gemacht, mit ihr in der Hauptrolle. Ein semidokumentarisches Porträt einer Frau, das auch penibel inszeniert ist, mit genauem Drehbuch, weil Vera in Italien auch ein Showstar ist, und man nie genau weiß, was sie spielt und was real ist. Zugleich verhandelt "Vera" (ab Freitag im Kino) auch den Schönheitsbegriff zwischen Misswahlen und chirurgischer Nachhilfe. Feinfühlig austariert nimmt sich das filmemachende Paar Covi/Frimmel dem Schicksal dieser außergewöhnlichen Frau an und formt ein schillerndes und zugleich höchst intimes Porträt.

"Wiener Zeitung": Ihr Film stellt mit Vera Gemma eine exaltierte Person ins Rampenlicht, blickt aber auch hinter die Kulissen eines Lebens, das lange Jahre nur für das grelle Scheinwerferlicht gelebt wurde. Welchen Eindruck hatten Sie selbst, als Sie Vera Gemma zum ersten Mal trafen?

Erfolgreich in Venedig und bei der Viennale: Rainer Frimmel und Tizza Covi heimsten zahlreiche Filmpreise ein. - © Katharina Sartena
Erfolgreich in Venedig und bei der Viennale: Rainer Frimmel und Tizza Covi heimsten zahlreiche Filmpreise ein. - © Katharina Sartena

Tizza Covi: Wir hatten Vera als Person sehr schnell in eine Ecke gestellt, als wir sie das erste Mal getroffen hatten, das war 2015. Denn wie Vorurteile eben sind, man entkommt ihnen zu einem gewissen Grad nicht. Aber wir wollten nicht in die Falle tappen, aus ‚Vera‘ eine Ansammlung von Klischees zu einem Film zu montieren, sondern wir wollten hinter die Kulissen dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit blicken, und dazu brauchten wir Veras Vertrauen. Sie war sehr offen mit uns.

Veras Genese liegt in Rom, zu einer Zeit, als die Filmwelt nur so sprühte vor Stars und Sternchen.

Rainer Frimmel: Vera lebt seit frühester Jugend im Schatten ihres berühmten Vaters, und sie lebt ein Leben, das typisch ist für die Gegend um die Via Condotti in Rom. Da gibt es diesen gewissen Anspruch, den sie an das Leben hat, zugleich ist sie sehr demütig. Letztlich ist sie ein Kind der High Society Roms. Dennoch ist Vera Gemma auch eine Überlebende des Systems, die sich mit harten Bandagen ihren eigenen Status erarbeitet hat. In Italien kennt sie jeder, sie ist sozusagen selbst ein TV-Star.

Gerade in Italien ist die eigene "Bellezza", die Schönheit, ein wichtiger Gesellschaftsfaktor. Die TV-Shows sind voll mit Missen und Misswahlen.

Tizza Covi: Ja, dieser Aspekt hat uns sehr interessiert im Zusammenhang mit dem Film. Denn die Frage nach der ewigen Schönheit ist gerade im Milieu des italienischen Fernsehens und teilweise auch beim Film ein fixer Bestandteil. Und man kann es im Prinzip nur falsch machen: Wenn man sich nicht operieren lässt, gehört man schnell zum alten Eisen, und wenn man sich zu viel optimieren lässt, hat man es nach schlechten Resultaten noch schwerer, wir alle kennen ja die vielen ‚Vorher-Nachher‘ Fotos von berühmten Schauspielerinnen im Internet. Gerade Frauen stehen hier unter enormem Druck.

Wie hat Vera Gemma eigentlich darauf reagiert, als Sie ihr sagten, Sie würden gerne einen Film mit und über sie drehen?

Rainer Frimmel: Ich glaube, sie war anfangs nicht ganz davon überzeugt, ob wir das wirklich durchziehen würden. Sie kennt das Showbusiness nur zu gut und weiß, dass viele Versprechungen gemacht, aber nur wenige auch eingehalten werden.

Tizza Covi: Aber wir haben uns nicht davon abbringen lassen, an diesem Projekt zu arbeiten, denn sowohl Rainer als auch ich waren überzeugt, dass Vera eine perfekte Hauptdarstellerin sein würde. Sie ist nicht leicht einzuordnen, sie kann sich sehr gut zurücknehmen und kommt mit einem Minimum an Gesten aus. Außerdem fällt es ihr leicht, zu improvisieren und sich in jede Situation einzufühlen.

Viele Ihrer Filme sezieren das Showgeschäft, sei es nun "Vera" oder Ihre Reflexionen über den Zirkus, das Theater oder die Musik.

Tizza Covi: Uns faszinieren viele der Menschen, die in solchen Berufen arbeiten. Aber unsere Arbeitsweise steht in großem Kontrast zum Glamour, denn wir arbeiten immer noch mit zwei oder höchstens drei Leuten am Set und versuchen, einer menschlichen Wahrheit näher zu kommen anstatt eine Dramaturgie über unsere Protagonisten zu stülpen.

Und Rom als Schauplatz für eine Filmikone? Ist das eigentlich immer noch ein legendärer Drehort?

Rainer Frimmel: Ja, Rom ist immer noch eine Filmstadt, die eine große Vergangenheit und einen Mythos zu verteidigen hat. An jeder Straßenecke kann man die Drehorte von Fellini, De Sica oder Antonioni wiedererkennen. Für alle, die das Kino lieben, ist Rom sicher eine Reise wert, denn dort ist es unmöglich, dem Kino zu entkommen.