Wenn sogar die Nonnen nicht mehr an das ewige Leben glauben, wer dann? In der Ansicht von Noah Baumbach müssen die ganz normalen Menschen den vorgegaukelten Glauben der Geistlichen einfach nur nachglauben, denn sonst droht der Welt nichts weniger als das komplette Chaos. Wie man in der Netflix-Produktion "Weißes Rauschen" unter Baumbachs Regie und basierend auf dem Roman von Don DeLillo in famoser Opulenz nun via Streaming-TV bestaunen kann.

Das Resultat wirkt wie ein überbordend ausgestatteter, multimedialer Erlebnisteppich, dessen Muster in unendlicher Vielfalt vor einem auftauchen. Im Zentrum steht der Universitätsprofessor Jack Gladney (Adam Driver) und seine Patchwork-Familie, darunter seine vierte Ehefrau Babette (Greta Gerwig) und die beinahe schon zahllosen Kinder; Jack ist der Experte in der US-Hitlerforschung, was ihn sozusagen immun gemacht hat gegen allzu viel trübe Gedanken über den eigenen Tod. Denn wer Hitler, also den Tod höchstpersönlich, so genau seziert hat in seiner Universitätslaufbahn, der braucht ihn auch nicht zu fürchten, eigentlich. Wenn da nicht nur die seltsame Veränderung bei Babette wäre, die immer vergesslicher wird und der man bald die Einnahme eines nicht zugelassenen Medikaments nachweisen kann. Aber wogegen soll es wirken? Eine Aussprache der Eheleute ist obligatorisch.

Doch es kommt etwas dazwischen. Bei einem verheerenden Unfall mit einem Chemietransporter und einem Tanklaster wird eine tödliche Giftwolke in die Atmosphäre geblasen, die nicht nur Jack und seine Familie in Gefahr bringt, sondern die ganze Stadt. Ist man dieser Substanz nur 10 Sekunden ausgesetzt, kann sie tödlich sein. Jack stand an einer Tankstelle zweieinhalb Minuten direkt unter der Wolke.

"Weißes Rauschen" ist eine Fantasie über den Tod, die in allerlei Facetten ergründet, wie sehr wir mit dem Unausweichlichen hadern, es verdrängen, wegwischen und doch: Tagtäglich damit konfrontiert sind. Mit seinen Professoren-Kollegen philosophiert Jack darüber in der Mensa, mit seiner Frau zuhause zwischen Frühstück und Bett, und er kommt dabei der eigenen Verzweiflung über das Sterben immer näher. Mit einem Wortwitzund einer Dialoggewalt von großem Einfallsreichtum übersetzt Baumbach DeLillos Roman für das Kino (in den USA gab es einen kurzen Kinostart); es gelingt ihm dabei ein zynisch-zugespitztes Potpourri an feinsinnigen Phrasen zur Endlichkeit, es ist fast ein Philosophicum, das - ganz nach Schopenhauer - wie eine moderne Sammlung von Aphorismen zur Lebensweisheit und über den Tod anmutet. Dazwischen aber ist "Weißes Rauschen" auch ein rasanter Action-Film mit Explosionen, apokalyptischen Elementen und Massenpaniken, und außerdem eine Drogengeschichte, in deren Verlauf auch Lars Eidinger als Dealer einen denkwürdigen Auftritt hat.

Ab in den Supermarkt

Der Film ist dabei aufgebaut wie die natürlich Abwehrhaltung, die die Menschen in Bezug auf den Tod entwickelt haben: Auf die Negierung folgt Panik, auf die Vorstellung der Unausweichlichkeit die Flucht nach... ja, wohin eigentlich? Wenn nicht einmal mehr die Nonnen an irgendwas glauben?

Driver und Gerwig treiben die Verzweiflung ihrer Figuren auf absurde Spitzen, was diese schwarze Komödie zu einer außergewöhnlichen Filmerfahrung macht. Don Cheadle und Barbara Sukowa arbeiten dem Duo souverän zu, Danny Elfmans Score generiert ein Absurdistan der Töne und im Zentrum des menschlichen Glücks steht ein knallbunter, nach Farben sortierter Supermarkt; es ist der einzige Ort, in dem der konsumorientierte, aber dem Tod geweihte Mensch die wahre Erfüllung findet. Es ist dies das i-Tüpfelchen in einer Komödie, die brillant mit der von Pandemie, Krieg und Verderben gequälten Seele der Menschen spielt. Manchmal zart, meistens bitter. Ob der Tod wirklich das Ende ist, erfährt man übrigens wieder nicht. Aber lustig ist das schon.

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https://youtu.be/VpMLILa6URk