Es ist die wahre Geschichte von Franz Streitberger, die der Salzburger Adrian Goiginger ("Die beste aller Welten") in seinem Film "Der Fuchs" (neu im Kino) erzählt: Streitberger war Goigingers Urgroßvater und als Soldat der Wehrmacht am Frankreich-Feldzug der Deutschen beteiligt. Mit dem introvertierten Soldat reist ein kleiner Fuchs, der ihm zugelaufen ist. Er versorgt ihn, als wäre das Tier sein eigenes Kind, und arbeitet damit auch das eigene Familiendrama auf: Als kleiner Bub wurde Streitberger vom Vater (Karl Markovics) nämlich weggegeben, weil es sich die Großfamilie nicht leisten konnte, ihn "durchzufüttern".

"Wiener Zeitung": Sie erzählen in "Der Fuchs" die Geschichte Ihres Urgroßvaters. Was war der Auslöser für diese Erzählung?

Adrian Goiginger: Mein Urgroßvater ist 2017 gestorben, und er hat mir als Teenager sehr viel von seiner Kindheit und seiner Jugend erzählt, auch vom "Anschluss" und der NS-Zeit. Ich habe das damals alles auf Tonband aufgenommen, das war für mich das Ausgangsmaterial. Aus diesen Aufnahmen hört man im Abspann einen kurzen Ausschnitt, denn mir ist die Authentizität sehr wichtig. Es gab diese Geschichte mit dem Fuchswelpen, der ihm zugelaufen war und den er mitnahm. Ich fand diese Geschichte rührend, aber mir wurde klar, da geht es nicht nur um den Fuchs, sondern um etwas ganz anderes. Nämlich um sein Trauma, von der Familie weggegeben worden zu sein, und jetzt selbst in die Situation zu gelangen, jemanden behüten zu können. Und dabei nicht das, was er selbst erleben musste, zu wiederholen. Darum dreht sich der Film, es ist eigentlich keine Weltkriegsgeschichte, es geht nicht um Krieg, um Soldaten oder um Hitler, sondern darum, füreinander da zu sein und den Gedanken einer Familie hochzuhalten.

Fordernder Tierdreh: Adrian Goiginger. - © Katharina Sartena
Fordernder Tierdreh: Adrian Goiginger. - © Katharina Sartena

Sie beschreiben sehr genau, wie Ihr Urgroßvater als Kind vom Vater, gespielt von Karl Markovics, einem anderen Bauern überantwortet wird. Er wird einfach weggegeben.

Leider war das Schicksal meines Urgroßvaters nicht einzigartig. Es gab in Österreich sehr viele Kinder, die weggegeben wurden, gerade in der Zwischenkriegszeit, als es große Armut gab. Ein trauriges Massenphänomen. Diese sogenannten "Annehmkinder", das waren meist die jüngsten in den Familien, weil die am wenigsten arbeiten konnten. Somit waren sie fast wertlos für die Familien, die hart für ihr Überleben schuften mussten. Also gab man sie an wohlhabendere Bauern ab, wo sie oft ihre ganze Kindheit lang als Knechte und Mägde in einer Art Sklaverei schufteten. Sie konnten sich von der Knechtschaft erst mit der Volljährigkeit befreien. Meinen Urgroßvater hat das schwer getroffen, und er hat seinem Vater diesen Schritt niemals verziehen. Aber es war eine andere Zeit damals, die Familien waren sehr kinderreich, viele Kinder sind früh gestorben, manche Eltern konnten oder wollten gar nicht so eine starke emotionale Beziehung aufbauen zu ihnen.

Meinen Sie, dass diese Generation an Kindern und jungen Erwachsenen durch die Härte der Jugend und die vielleicht auch weniger emotionale Bindung an andere eigentlich prädestiniert war, für jemanden wie Hitler in einen Krieg zu ziehen?

Das ist natürlich spekulativ, aber ich glaube, dass die Kinder damals früher erwachsen sein und auch gehorchen und funktionieren mussten, hat sicher mitgespielt bei ihrer späteren Befehlstreue im Feld und auch bei der Skrupellosigkeit, die dieser Krieg an den Tag brachte. Wobei es im Fall meines Urgroßvaters niemals eine ideologische Nähe zum NS-Staat gegeben hat, weil er Sozialist war, aber er kannte diese autoritäre Welt von seinem Aufwachsen sehr gut.

Im Film sieht man, wie Soldaten kleine "Wunderpillen" bekommen, die sie bei Schwäche oder Angst einwerfen sollten. Tatsächlich war wohl Hitlers halbe Armee ständig auf Pervitin, heute als Crystal Meth bekannt. 35 Millionen Dosen von diesem Methamphetamin wurden allein beim Frankreich-Feldzug von der deutschen Armee konsumiert.

Das hat die Skrupellosigkeit der Soldaten noch mehr erhöht, diese "Wunderpille", die dir die Angst nimmt. Ich habe dazu vier Jahre recherchiert, und auch zu anderen Details, mit mehreren Historikern, mit Sprachwissenschaftlern, Militärfachleuten. Ich habe zur Gewaltbereitschaft Tagebucheintragungen gefunden, Briefe gelesen und Zeitzeugen getroffen.

Wie viel von der Geschichte ist real und wie viel ist Fiktion?

Die Geschichte mit dem Fuchs ist echt, und auch die Familiengeschichte. Was draußen im Feld passiert, das habe ich auch aus anderen Quellen recherchiert und dramaturgisch zusammengebaut.

Wie ordnen Sie Ihren Film stilistisch ein? Ich meine, es gibt darin Realismus, aber auch viel Terrence Malick zu sehen.

Malick ist definitiv einer meiner absoluten Vorbilder! Die Art, wie er seine Figuren filmt, beeindruckt mich sehr, besonders in "Tree of Life" und auch in der Jägerstätter-Verfilmung "Ein verborgenes Leben". Aber für die visuelle Umsetzung stand ein anderer Film Pate. Laszlo Nemes’ "Saul Fia", der die Grauen in einem KZ beschreibt. Er drehte im Bildformat 4:3, was seinen Protagonisten ziemlich einschränkte und auch den Blickwinkel. Das habe ich übernommen. Auch Franz Streitberger ist ein Gefangener dieses Krieges, wenn auch in einem völlig anderen Setting.

Wie ist eigentlich die Arbeit mit einem Fuchs-Welpen am Set?

Sehr fordernd. Denn man kann diese Wildtiere eigentlich nicht trainieren. Mit den ganz jungen Welpen war es noch einigermaßen machbar, weil die noch nicht so eigenständige Charaktere sind, aber mit den älteren Tieren war es hart.

Drehen Sie wieder mal mit Tieren?

Nein. Mit Menschen zu drehen, das ist eindeutig bequemer.