Nach drei herausragenden Filmen folgt jetzt ein Rückschlag. US-Regie-Wunderknabe Damien Chazelle ("La La Land") schickt mit "Babylon" ein wunderliches Konstrukt auf die Leinwand. Das überlange Hollywood-Melodram (188 Minuten) ist eine groteske Liebeserklärung an das Kino, in der die Filmemacher der Stummfilm-Ära als von Lust, Gier und Eitelkeit getriebene Hysteriker porträtiert (um nicht zu sagen: denunziert) werden. Dass Kunst durch harte Arbeit entsteht, ist kein Thema.

Doch der Reihe nach. "Man wird kein Star. Man ist einer - oder nicht", postuliert die bildschöne Jung-Mimin Nellie LaRoy zu Beginn des Films. Später nutzt die Anfängerin ihre erste Chance vor der Kamera. Ein Naturtalent. Nellie spielt so sensibel, so feurig, so unverschämt hochbegabt, dass es ihrer abgebrühten Regisseurin die Stimme verschlägt. Man erlebt die Geburtsstunde einer Diva - bei der man freilich ahnt, dass Ruhm und Selbstzerstörung nahe beieinander liegen.

Teil von etwas Wichtigem

Nellie LaRoy, gespielt von der kometengleich aufgestiegenen Australierin Margot Robbie, ist eine der drei tragenden Figuren von "Babylon". Die anderen Protagonisten sind der Stummfilm-Grande Jack Conrad (souverän, oft high oder besoffen, aber stets charmant: Brad Pitt) sowie der Studio-Assistent Manuel "Manny" Torres (neugierig, gefühlvoll und wild entschlossen: Newcomer Diego Calva). Dessen Herzenswunsch ist eine gehobene Laufbahn hinter der Kamera, weil er "ein Teil von etwas Wichtigem" sein möchte.

In der ersten Szene von "Babylon" wird Manny mit der wichtigen Aufgabe befasst, einen Elefanten zu einer Villa auf einem Hügel zu karren. Dort soll der Koloss als Party-Attraktion dienen. Die Straße ist steil, der Elefant ist schwer, der Motor des Lastwagens ist schwach - der Transport läuft gründlich aus dem Ruder. Der Elefant leert in seiner Aufregung die Gedärme. Seinen menschlichen Begleitern mitten ins Gesicht.

Interessant: Damien Chazelle ließ "La La Land", seine für 14 Oscars nominierte Romanze über die Magie des Show-Biz, mit einer der mitreißendsten Tanz-Szenen der Filmgeschichte beginnen. Für die Eröffnung von "Babylon", wo es um ähnliche Themen geht, wählte er einen kackenden Elefanten. Damit ist über den Unterschied zwischen beiden Filmen alles gesagt. "Babylon" ist in der Grundstimmung ordinär, grell, düster und strotzt immer wieder vor Zynismus.

Bühne frei für die erste Party-Szene. Was die Reichen und die Schönen, die Gierigen und die Mächtigen des Hollywood-Sets hier feiern, ist im Grunde keine Party, sondern eine schrille Orgie. Sex & Drugs & Jazzmusik: Hier bekommt jeder und jede, was ihm/ihr beliebt. In einer dunklen Ecke endet der Versuch einer rauen Annäherung tragisch. Jetzt wird der Elefant in den Saal geführt, um die Gäste abzulenken. Das klappt. Kaum jemand nimmt von dem Zwischenfall Notiz. Allerdings sind die meisten viel zu massiv abgefüllt, um noch irgendetwas mitzukriegen. Ihr Rausch müsste für Tage reichen.

Katerstimmung am Set

Doch dann: Schnitt, drei Stunden später, gleißendes Licht, Sonnenschein. Auf dem Areal des Kinoscope Studios hat der nächste Drehtag begonnen. Die verkaterten Feierbiester von vorhin schlüpfen, so gut es halt geht, in ihre beruflichen Rollen. Tür an Tür werden Krimis, Western und Romanzen gedreht (was beim Stummfilm kein Problem ist, weil ja niemand auf den Ton achten muss).

Bei einer Film-Feldschlacht auf dem Studio-Freigelände geht es so heftig zur Sache, dass nicht nur so manche Statisten-Nase, sondern auch eine Kamera nach der anderen geknickt wird. Doch kaum versinkt die Sonne hinter den Bergen, ist schon wieder Halli-Galli angesagt. Das "Babylon"-Personal feiert viel und gern. Immer wieder auch mit gefährlichen Tieren. Einmal hat eine bissige Klapperschlange ihren großen Auftritt. In weiterer Folge wird man auch noch einem sehr übellaunigen Krokodil begegnen.

Klingt wild? Ist wild! Und schaut verdammt gut aus. Der Regisseur Damien Chazelle beweist sich in "Babylon" einmal mehr als Filmhandwerker von Gnaden. Fast jede Szene ist ein Schmuckstück, das darstellerisch und visuell überzeugt.

Doch der Drehbuchautor Damien Chazelle offenbart diesmal ein Problem. Aneinandergereiht, ergeben die vielen Einzelszenen keine funkelnde Kino-Perlenkette, sondern eine wüst gemischte Collage, die das Zeug dazu hat, den Betrachter in ihrer ausufernden Länge zu langweilen. Ein erkennbarer roter Faden, der dem dahinschlingernden Werk mehr Struktur geben könnte, fehlt.

Die Ankunft des Tons

"Babylon" zitiert oft und viel aus berühmten Werken der Filmgeschichte. Wichtigster Bezugspunkt ist die Komödie "Singin’ In The Rain", die ja in einer ähnlichen Epoche (dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm) spielt. In beiden Filmen gibt es Szenen über die Probleme, zu Beginn der neuen Ära eine passable Tonqualität zu erzielen. Doch während diese Sequenzen bei "Singin’ In The Rain" rasend komisch sind, wird bei "Babylon" wieder mal eine aggressive, hysterische Nummer draus, die für einen Techniker im überhitzten Studio sogar tödlich endet.

Da wünscht man sich, doch gleich im Original zu sitzen. Ein Wunsch, der von Damien Chazelle schließlich erfüllt wird. In einem Epilog, der im Jahr 1952 angesiedelt ist, schaut sich der längst von Hollywood entfernte Manny im Kino "Singin’ In The Rain" an. Dass er dabei melancholisch wird, kann man verstehen. Denn bei "Babylon" - deutscher Untertitel: "Rausch der Ekstase" - hinterlässt der Rausch höchstens einen Brummschädel. Von positiver Ekstase ist hier nichts zu spüren. In den USA wurde der aufwendig produzierte und teure Film übrigens zum Publikums-Flop.