Solothurn. Die Schweizer Filmbranche trifft sich derzeit in der Kleinstadt Solothurn, gelegen an der Aare, inmitten barocker Opulenz der wunderbar erhaltenen Stadtarchitektur - hierher würde auch ein Architekturfestival gut passen. Tatsächlich ist Solothurn zum 58. Mal die Heimat des Schweizer Films, denn die Filmtage Solothurn sind so etwas wie das Gegenstück zur österreichischen Diagonale in Graz. Hier trifft sich nicht nur das Who-is-Who der Filmszene, hier sieht man auch die neuesten Schweizer Filme. Auch heuer ist eine große Vielfalt im Programm zu entdecken - dabei reicht das Spektrum in alle Richtungen, vom Religionsdrama "Foudre" von Carmen Jacquier über Dokus wie "Big Little Women" von Nadia Fares bis hin zum blutigen Exploitationfilm "Mad Heidi". "Das Schweizer Filmschaffen ist thematisch sehr breit gefächert und vom Zugang und den Themen her auch internationaler geworden", sagt Niccolò Castelli, der neue künstlerische Leiter der Filmtage Solothurn. Castelli, der aus dem Tessin stammt, ist eigentlich selbst Regisseur und eröffnete vor zwei Jahren mit seinem Spielfilm "Atlas" das Festival. "Jetzt habe ich sozusagen die Seiten gewechselt, aber ich sehe mich nach wie vor als Geschichtenerzähler", erklärt Castelli seinen Ansatz, das Festival neu auszurichten. Es soll, sagt er, wie bei einem Kinofilm auch, einen Spannungsbogen im Festival geben. "Man soll eine Dramaturgie spüren, denn ich habe mir mit meiner Filmauswahl durchaus etwas überlegt." Konkret geht es Castelli um ein Abbild der Diversität des Schweizer Films. "Es gibt heute viele Filmemacher, die zwar in der Schweiz geboren wurden, aber Wurzeln in anderen Ländern haben, im Balkan, Russland, Italien oder Portugal. Die Welt gehört zur Schweiz und die Schweiz zur Welt. Diese Stimmen machen das Filmschaffen so vielfältig."

Brücken bauen

Für Castelli ist der Blickwinkel entscheidend: "Ich komme aus dem Tessin, einer Randregion der Schweiz. Ich kann mit meiner minoritären Perspektive die Schweiz repräsentieren und deren ganze Filmlandschaft zeigen. Als Regisseur war ich gerne hier. Solothurn ist der beste Ort, um Brücken zwischen der Filmlandschaft, den verschiedenen Institutionen und dem Publikum zu bauen. Ich glaube, das ist etwas, was wir in der heutigen Zeit besonders brauchen: Ein Forum, wo man nicht nur gemeinsam Filme sieht, sondern auch über sie spricht." Der Diskurs über Filme würde gerade in Zeiten schnelllebiger Streaming-Ware immer bedeutender, gerade für kleinere und unabhängige Filmproduktionen.

Während die Diagonale in Graz im Wesentlichen alle heimischen Filme mit Kinostart zeigt, unternimmt Castelli in Solothurn durchaus eine etwas strengere Auswahl. "Für mich ist es wichtig, eine Kuratierung vorzunehmen. Man soll durchaus einen roten Faden erkennen können", sagt Castelli. Und vergleicht die Filmschau mit einer Geschäftsauslage: "Eine Auslage kann man vollstellen mit Dingen, man kann sie aber auch schön gestalten und genau auswählen, was ich wo und wie zeige. Im besten Fall gelingt das auch bei einem Filmfestival wie Solothurn". So viel lässt sich nach dem ersten Einsatz von Niccolò Castelli schon sagen: Diese Auslage ist ihm gelungen.