Anton (Mikael Persbrandt, r.) lässt sich nicht provozieren. Seinem Sohn und dessen Freund (im Hintergrund) scheint dies aber wie eine Niederlage. Foto:Filmladen
Anton (Mikael Persbrandt, r.) lässt sich nicht provozieren. Seinem Sohn und dessen Freund (im Hintergrund) scheint dies aber wie eine Niederlage. Foto:Filmladen

Der Satz "Schlägst du ihn, schlägt er dich, du schlägst zurück, und es hört nie auf, so fängt Krieg an", fällt früh im Film, und die "bessere Welt" bleibt lange, vielleicht sogar bis zum Schluss ein Märchen. Denn es ist die Realität, von der die dänische Regisseurin Susanne Bier erzählt, und die ist in ihrem Oscar-gekrönten Drama "In einer besseren Welt" ein Labyrinth aus Gewalt und Rache, Egoismus und Machtstreben, falsch verstandener Männlichkeit und den blinden Flecken und Widersprüchen des Ideals von Gewaltlosigkeit, in einer von Gewalt regierten Umgebung.

Mittendrin steht der schwedische Arzt Anton (Mikael Persbrandt) sowohl in Afrika, wo er in einem Feldlazarett immer wieder schwangere Frauen zusammennähen muss, denen ein Serientäter den Bauch aufgeschlitzt hat, als auch im Umfeld seiner Familie daheim: Emotionale Schmerzen bereitet ihm die langsam vollzogene Trennung von seiner Frau Marianne (Trine Dyrholm) und die Tatsache, dass sein älterer Sohn Elias (Markus Rygaard), an der Schule gemobbt wird. Anton, ein anti-violenter Stoiker, bleibt ein scheinbar unbeirrtes Möchtegern-Vorbild für seine Söhne und ein gewaltloser Kämpfer für die Welt, auch wenn er Brutalität erfährt. Vergebung oder Vergeltung - diese Frage ist das Leitthema dieses Films. Bier stellt in all ihren Arbeiten gerne eine gültige Moral infrage, und auch hier testet sie die Realitätsmächtigkeit einer pazifistischen Grundhaltung in unterschiedlichen Situationen, in unterschiedlichen Kulturen und auf unterschiedlichen Kontinenten. Anton ist der Protagonist dieser Jesus-Haltung, aber er ist auch ein Mensch und gerät ins Wanken, als der Serientäter selbst im Lazarett behandelt werden soll.

Gefährliche Dynamik


Elias findet inzwischen im neuen Mitschüler Christian (William Johnk Nielsen) ein attraktiveres, so viel effizienteres Vorbild, einen sowohl ihm selbst als auch seinem Vater Anton ganz gegenteilig gearteten, nämlich aktiv-aggressiven Rächer und bald Verbündeten

William Jøhnk Nielsen spielt dieses große Kind außerordentlich. Christian, der seinem Vater Heuchelei in Bezug auf den langwierigen Krebstod seiner Mutter vorwirft, verfolgt eine moralische Rigorosität, die ihn für das Richtige mit den falschen Mitteln kämpfen lässt. Bald entwickelt sich aus dieser Freundschaft eine gefährliche Dynamik.

Bier und ihr Drehbuch-Partner Anders Thomas Jensen lenken die geradlinig allegorische Parabel über das Prinzip "Auge um Auge" minutiös beobachtet entlang der Grenze zwischen Mikrokosmos Familie und Makrokosmos Afrika und universeller Gültigkeit. Wo Friedenswunsch und Vergeltungssucht kollidieren, tun sich menschliche Abgründe auf, und die fängt Bier ein, mit ihrem Gespür für offene Charaktere und der exzellenten, intuitiven Kameraarbeit von Morten Søborg. Es lauern didaktische Fallen in der Erforschung dieser großen Themen und auch "In einer besseren Welt" wird gegen Ende hin ein kleinerer Film, als er sein könnte. Überladene Symbolik und ein drängender Score nivellieren den lange gut balancierten Gegensatz von Autorenanspruch und Mainstreamkino. Doch selbst dann verweigert er sich einem Happy End. Und das ist wahr, so.

Drama

In einer besseren Welt, DK/Schweden 2010

Regie: Susanne Bier

Mit: Mikael Persbrandt,

Trine Dyrholm