Denn so genau der österreichische Dokumentarfilmer beobachtet, so viel Freiräume lässt er auch. "Wir sind nur berechtigt, diesen Film zu drehen, wenn wir die Menschen nicht hintergehen. Nicht sie belauschen oder ausstellen, sondern sie atmen, bewegen, reden lassen." Das sagt der Filmemacher, dem derzeit bei der Diagonale in Graz eine Personale gilt, über seinen 1991 gedrehten Streifen "I Cimbri", eine Doku über eine deutsche Sprachinsel in einem Gebirgstal im Trentino.

Geduld. Das ist es, was Schreiner auszeichnet, und was er nach der Diagonale-Projektion seines jüngsten Streifens "Totó" betont hat: "Ich komme auf eine Spur und der Film entwickelt sich." Dieser Vorgang sei das eigentlich Spannende.

Geduld. Die braucht man durchaus auch als Zuseher. 128 Minuten ist "Totó" lang, und es wäre übertrieben zu sagen, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Soll sie auch nicht, denn schließlich ist das Thema eines, das Zeit braucht. Das reifen will.

Politologe als Billeteur

Totó heißt eigentlich Antonio Cotroneo. Er ist studierter Politologe, aber sein Job ist Billeteur im Wiener Konzerthaus. Da hat man Zeit, zu beobachten, und in sich hinein zu hören. Die innere Stimme hat Totó, der viel herumgekommen ist im Lauf seines Lebens, vermutlich zugeflüstert: Such deine Wurzeln. Oder in Totós gebrochenem Deutsch: "Mir ist vermisst, zurückzukommen." Diese liegen im süditalienischen Kalabrien, nahe Tropea. Dort sucht er sich selbst, das Ich, seine Wurzeln und damit seine Verortung. Die hätte er notwendig. Er, der zwischen Kalabrien und Wien an vielen Orten gelebt hat. Also Heimat wiederfinden?

Unmöglich.

27 Jahre lang kenne er Totó, erzählt Peter Schreiner. Mit 120 Stunden Bildmaterial sei er von neun oder zehn Bahnreisen nach Kalabrien heimgekommen. Da war ausreichend Zeit, Totó zu beobachten. "Als Filmemacher sehe ich mich als ersten Zuschauer", sagt Peter Schreiner, und: "Ohne Staunen kann man keinen Film machen."

Aus dem Staunen kommt er nicht heraus, und davon kann man sich bei der

Diagonale in diesen Tagen ein umfassendes Bild

machen.