Zu Beginn der Filmfestspiele von Venedig präsentierte die junge Wiener Regisseurin Barbara Albert ihren ersten Langspielfilm auf dem Lido; einer der 18 Beiträge im Wettbewerb um den Goldenen

Löwen. Terminmäßig eingeklemmt zwischen Kubricks "Eyes Wide Shut" sowie einem Film mit Cameron Diaz und John Malkovich, ist es nicht gerade leicht aufzufallen. Auch wenn es hier Österreichs erster

Wettbewerbsbeitrag seit langem ist.

Die knapp 30-jährige Absolventin der Filmakademie in Wien konnte schon mit einer Reihe von Kurzfilmen und ihrem Beitrag zu einem Episodenfilm ("Slidin") auf sich aufmerksam machen. Mit "Die Frucht

deines Leibes" war sie schon vor drei Jahren in einer Nebenreihe in Venedig vertreten. Nun präsentierte sie mit "Nordrand" das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit in einer von der Wiener Lotus-Film

hergestellten österreichisch-deutsch-schweizerischen Koproduktion.

Der Titel des Films bezieht sich auf die Nordrand-Siedlung in Wien-Floridsdorf. Hier, im Vorstadt-Millieu, ist auch die junge Regisseurin aufgewachsen. Ihre Beobachtungen aus der Jugendzeit sind wohl

in das von ihr geschriebene Drehbuch eingeflossen. Sie zeigt das Leben von fünf Jugendlichen im Wien von heute, einem Wien, dass man, wie in der italienischen Presse angemerkt wurde, so bisher nicht

kannte. Neben der genannten Stadtrandsiedlung wird auch das multikulturelle Wien nicht nur in seinen schönsten Farben gezeigt und urbane Schandflecken wie der Busbahnhof im 3. Bezirk, auf dem sich

oftmals die Wege der jugendlichen Akteure kreuzen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Schicksal zweier junger Frauen, beide Anfang 20. Die Story ist mit einem reichen Hintergrund ausgestattet. Grenzeinsatz von Präsenzdienern im Burgenland mit

scharfer Munition, Militärparade auf der Ringstraße mit Draken-Überflug der Wienerstadt, aber auch Momente der Freude, wie das Silvesterfest am Stephansplatz. Und wie schon in Alberts Beitrag zu dem

Episodenfilm, die U-Bahn-Garnituren, sind es nun die Schnellbahnzüge, die durchs nächtliche Wien fahren.

Die Handlung ist Mitte der neunziger Jahre angesiedelt, als noch Krieg war in Bosnien und die Friedensverhandlungen von Dayton noch nicht abgeschlossen. Jasmin (Nina Proll) aus desolaten familiären

Verhältnissen, in einer Konditorei beschäftigt, und Tamara (Edita Malovcic), die Krankenschwester mit familiären Bindungen nach Sarajewo, sind beide schwanger. Sie kennen sich aus der Schulzeit. Nun

treffen sie sich in einer Abtreibungsklinik. Jasmin weiß nicht, von wem das Kind ist, und Tamara sieht keine Zukunft mehr in der Beziehung mit ihrem Freund. Es ist Winter, nicht nur draußen. Die

beiden jungen Frauen werden noch für einige Zeit gemeinsame Wege gehen.

Barbara Albert hat mit realistischem Blick das Porträt einer Generation gezeichnet, wie man es thematisch sonst eher im französischen und britischen Kino findet. Auch wenn ihr im Überschwang der

Erzählfreude vielleicht ein paar Aspekte zu viel in die Geschichte gerutscht sind. Zu wünschen wäre der jungen Regisseurin in manchen Szenen, mehr Mut zu ihren Bildern zu finden und diese nicht vom

Ton erdrücken zu lassen. Eine zufällige Beobachtung auf dem nächtlichen Lido ließ das offensichtlich an dem Film erweckte Interesse erkennen. Eine Gruppe italienischer Jugendlicher, etwa im Alter der

Protagonisten von Barbara Alberts Film, bleiben bei einem im Wind flatternden "Nordrand"-Plakat stehen. Einer sagt, auf das Bild mit den beiden Hauptdarstellerinnen zeigend: "Die zwei sind echt gut."

Ein zweiter überlegt nicht lang und rollt das Plakat vorsichtig ein. Es wird nun wohl als Spiegel zeitgenössischer Jugendschicksale an einer Zimmerwand hängen. Man kann scheinbar auch zwischen

Kubrick, Cameron Diaz und John Malkovich auffallen und berühren.