Heute sagt man "Comedy". Und das ist schlimm genug. Comedy hätte man Loriots Werk niemals nennen können. Eher wäre man wohl an einer Nudel erstickt. An so einer, wie er sie in einem seiner legendärsten Sketches zur Hauptfigur gemacht hat. Wer kennt nicht das Filmchen, in dem er Hildegard (die kongeniale Partnerin Evelyn Hamann) unter einer sagenhaften Siebzigerjahre-Perücke seine Liebe gesteht - Hildegard ist aber doch recht abgelenkt von der mobilen Suppennudel auf Loriots Gesicht. "Hildegard, sagen Sie jetzt nichts", ist wie so viele Sätze, die Loriot geschrieben hat, zu subtilem Zitate-Allgemeingut geworden.

Der Sir des deutschen Humors, auch Karl Valentin der Fernsehunterhaltung genannt, begann seine Karriere als Gebrauchsgrafiker, ab 1950 veröffentlichte er in Zeitungen Karikaturen. Aus dieser Zeit stammt Vicco von Bülows Pseudonym Loriot. Das ist die französische Bezeichnung für das Wappentier der Bülows, den Pirol. Er wirkte nämlich nicht nur aristokratisch, er war auch von adliger Herkunft. Am 12. November 1923 wurde er in Brandenburg an der Havel als Spross einer Offiziersfamilie geboren.

Knollennasen und Enten

Mit seinen Zeichnungen konnte er aber bei den meisten Verlagen vorerst nicht landen. Erst Diogenes griff 1954 zu - und hat seither wohl seinen größten Star mit ihm im Programm. Die Figuren mit der charakteristischen Knollennase sind untrennbar mit ihm verbunden. Sie spielen die Hauptrolle in Cartoons wie jenem sensationell absurden, in dem sich die Akademiker Dr. Kloebner und Herr Müller-Lüdenscheidt (Musterbeispiel einer Loriotschen Namensschöpfung übrigens) in der Badewanne treffen. Es kommt zum entwaffnenden Dialog: Herr Müller-Lüdenscheid: "Ich sitze gern mal ohne Wasser in der Wanne." Dr. Kloebner: "Ach." Müller-Lüdenscheid: "Was heißt ,Ach?" Dr. Kloebner: "Ach. Sie sagten, dass Sie gerne ohne Wasser in der Wanne sitzen und ich meinte ,ach." Müller-Lüdenscheid: ,Aha. Dr. Kloebner: "Ich hätte auch ,Aha sagen können, aber ich wollte meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass Sie es vorziehen, ohne Wasser in der Wanne zu sitzen." Müller-Lüdenscheid: "Herr Doktor Kloebner, ich leite eines der bedeutendsten Unternehmen der Schwerindustrie und bin Ihnen in meiner Badewanne keine Rechenschaft schuldig." Und: Die Ente, die musste natürlich draußen bleiben.

Bildungsbürger-Unterhaltung könnte man das heute wohl nennen, was Loriot dem Fernsehen der Siebzigerjahre schenkte. Nur dass es nicht so langweilig ist, wie es klingt. Heute wäre sein fein-grotesker Witz, wäre er nicht schon Kult, wohl nicht massentauglich. Oder: hauptabendtauglich. Auch wenn sich viele deutsche "Comedians" auf Loriot berufen, sie nehmen die Flex, wo Vicco von Bülow das Skalpell ansetzte. Ihm ließ man auch ungenierte Schweinereien durchgehen, weil sie literarische Qualität hatten. Zu sehen im Sketch "Weihnachten bei Hoppenstedts", in dem ein Vertreter ein Staubsauger-Trockenhauben-Hybrid-Modell an Frau Hoppenstedt bringen will mit dem Slogan "Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann." Und das ist nur eine der fabelhaften Anzüglichkeiten.

Opern und Möpse

Zwei Filme hat Loriot gemacht, sie stehen den Sketchen in Kultcharakter kaum nach. "Pappa ante portas" über den Familienvater im Pensionsschock und "Ödipussi" über den alternden Junggesellen in der eisernen Mutterhand. Letzterer mit dem unschlagbaren Vereinsgründungszitat "Ablösung des Mannes bei gleichzeitiger Aktivierung der Frau unter Einbeziehung der Feuchtbiotope in das deutsche Volk als unteilbare Nation" - Mario Barth, der derzeitige deutsche Comedystar möge das doch mal buchstabieren.

Zwei Leidenschaften hatte Vicco von Bülow noch: Einmal die Oper - er inszenierte einige selbst und dampfte Wagners "Ring des Nibelungen" ein. Und dann waren da die Möpse: Loriots Lieblingshunde. Einer seiner Sinnsprüche galt ihnen: "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos."

Am Dienstag ist Vicco von Bülow 87-jährig am Starnberger See gestorben. Ihm zu Ehren sollte man unbedingt eine Partie Scrabble spielen und zumindest "Schwanzhund" legen, wenn nicht sogar "Quallenknödel".